Enrico Schult
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete! Ich freue mich, unseren Antrag vorstellen zu können: „Lehrermangel langfristig und nachhaltig beheben: Gründung einer pädagogischen Hochschule endlich umsetzen“. Wir haben ja gestern umfangreich auch schon in der Aussprache darüber debattiert, dass in Sachen Lehrerausbildung einiges im Argen ist. Und, liebe Kollegen, die Prognosen sind in der Tat erschreckend. Bis 2030 fehlen M-V bis zu 7.000 Lehrer, und heute müssen wir auch feststellen, dass schon deutschlandweit 12.000 Lehrer fehlen. Unbesetzte Lehrerstellen gibt es, und das spiegelt sich natürlich auch im Unterricht wider. Viel Unterrichtsausfall, ganze Fächer werden teilweise nicht unterrichtet und der IQB-Bildungstrend und die IGLU-Lesestudie zeigen uns, was das für Konsequenzen hat, denn da schneiden wir als Deutschland und auch als Mecklenburg-Vorpommern jetzt deutlich schlechter ab als in den Vorjahren. Die Lehrer sind überlastet, das wissen wir alle, der Krankenstand ist hoch und 40 Prozent der Lehrer arbeiten heute bereits schon in Teilzeit. Die Kultusministerkonferenz hat prognostiziert, dass der Lehrermangel auch in den nächsten 20 Jahren uns noch beschäftigen wird. Die Vorschläge, die sie gemacht haben, waren meiner Meinung nach untauglich. Sie wollten das Unterrichtspensum für Lehrer erhöhen und die Teilzeit für die Lehrkräfte streichen. Das, meine ich, ist der falsche Weg. Aber wir müssen uns vergegenwärtigen, dass – Stand Ende April – auch in Mecklenburg-Vorpommern 235 unbesetzte Lehrerstellen zu verzeichnen waren, und wir müssen uns einmal ehrlich machen, dass 45 Prozent aller Lehramtsstudenten während des Studiums abbrechen. Zum einen liegt dies am überfrachteten Referendariat am Ende des Studiums. Das würden wir durch viel mehr schulpraktische Übungen ablösen. Zum anderen bräuchten wir eine verschlankte und praxisorientierte Lehrerausbildung. Ich zitiere einmal aus den Rostocker „Neuesten Nachrichten“. Da schildert am 28. April eine offenbar befähigte und ehrgeizige Referendarin, wie sie an den teils unsinnigen Herausforderungen des Referendariats geradezu zerbrach, Zitat: „Immer hatte ich das Gefühl, nicht alles geschafft zu haben“. Sie absolvierte 70 bis 80 Wochenstunden – 70 bis 80 Wochenstunden! – für all die fragwürdigen Inszenierungen, die die Fachleiter während dieses irren Referendariats verlangen. Kein Wunder, die junge Frau schmiss hin. „Nachdem ich abbrach, hatte ich plötzlich wieder Zeit für mich und meine Freunde.“ „Die Arbeitsbelastung“, so sagte sie, „in der Schule war lächerlich hoch. Ich war eine kleine Auszubildende, die einen Dreck wert war.“ Das als Referendarin! Und das muss man sich mal vorstellen, dass eine junge Frau, die eigentlich ins Leben startet, ins Berufsleben startet und dann derart schon überfordert ist, dass sie hinwirft. Und das ist kein Einzelfall. Die Anforderungen an unsere Lehrer, werte Kollegen, steigen weiter immens. Integration, Inklusion, Erziehung vor dem Hintergrund einer veränderten Kultur, beispielsweise die Nutzung digitaler Medien, Legasthenie, Reizüberflutung und Verhaltensauffälligkeiten der Schüler machen das Lehrerdasein immer schwieriger. Verhaltensauffälligkeiten – ich denke, jeder von Ihnen oder einige von Ihnen haben den „Medienspiegel“ gestern gelesen, da stand in der SVZ, dass 11,5 Prozent der neu einzuschulenden Kinder schon Probleme haben, Verhaltensauffälligkeiten, Probleme bei Beweglichkeit und Sprachkompetenz. Und, werte Kollegen, um diese Herausforderungen zu bewältigen, braucht es gut ausgebildete und vor allem praxisnah ausgebildete Lehrer, denn diese Lücke können wir mit Seiteneinsteigern nicht schließen, das liegt auf der Hand. Und man muss auch klar konstatieren, dass die Lehrerwerbekampagne, wo wir ja auch massiv Geld investieren, einfach nicht den Erfolg gebracht hat, den wir uns da wünschen würden. Insofern haben wir heute diesen Antrag eingebracht, um mal den Fokus auf ein anderes Feld zu richten. (Beifall vonseiten der Fraktion der AfD – Zuruf von Torsten Renz, CDU) Die Ausbildung der Lehrer findet derzeit an den Universitäten in Rostock und in Greifswald statt, und es gibt dort immer Kritik: 2021, 67 Prozent in Rostock brachen das Studium ab, in Greifswald 83 Prozent. Das sind immer Kritikpunkte, die geäußert werden. Und es wird geäußert, dass quasi die Ausbildung zu akademisch aufgebaut ist. Gerade für Lehrer im nicht gymnasialen Bereich bräuchte man nicht diese akademische Ausbildung. Und ich kann es aus eigener Erfahrung berichten mit einem Bekannten, der als AWT-Lehrer sich mit Maschinenbauingenieuren in einer Vorlesung aufhielt und, ja, mit der Funktionsweise und dem Aufbau eines Grundofens. Und der hat dann wirklich nach einigen Wochen und nach einigen Monaten das Handtuch geworfen, weil er meinte, das ist nichts für AWT-Lehrer, das ist tatsächlich die akademische Ausbildung für Maschinenbauingenieure. Und das gleiche Problem haben wir natürlich auch mit den Mathematikern, wo der Mathematiklehrer mit dem Mathematiker dann in der Vorlesung sitzt und die Mathematiklehrer dann irgendwann das Handtuch werfen. Und hier, werte Kollegen, da setzt unser Vorschlag an. Bereits während der Haushaltsverhandlungen haben wir den Vorschlag unterbreitet, eine pädagogische Hochschule, eine Machbarkeitsstudie für eine pädagogische Hochschule in Mecklenburg-Vorpommern einmal zu evaluieren, einmal auf die Tagesordnung zu setzen. Leider fand das bei Ihnen keine Mehrheit. Wir sind der Meinung, dass gerade die praxisnahe Ausbildung wichtig ist, denn die Abbrecherquoten sind in der Tat zu hoch. Und da bin ich ganz bei Frau Oldenburg. Ich weiß gar nicht, warum die Bildungsministerin heute bei diesem wichtigen Thema nicht da ist?! (Rainer Albrecht, SPD: Weil sie im Bundesrat ist.) Okay, dann wird ja wahrscheinlich noch jemand dazu Stellung nehmen. (Zurufe von Andreas Butzki, SPD, und Torsten Renz, CDU) Aber ich werde Frau Oldenburg dennoch zitieren, (Zuruf von Torsten Renz, CDU) ich werde Frau Oldenburg dennoch zitieren: (Henning Foerster, DIE LINKE: Das ist Sache des Wissenschaftsministeriums. Kann man wissen, muss man aber nicht.) „Der Grundschullehrer braucht …“ Ich zitiere jetzt aber Frau Oldenburg, Herr Foerster! (Zuruf von Rainer Albrecht, SPD) Und da hat Frau Oldenburg nämlich vollkommen recht: „Der Grundschullehrer braucht nicht das, was der Mathematiker braucht. Dass sie zusammen studieren, ist eine Sparvariante, die nicht gut ist.“ In der Tat, Frau Oldenburg, diese Sparvariante ist nicht gut. Und das sehen wir ähnlich. Und deshalb haben wir jetzt diesen Vorschlag gemacht, eine pädagogische Hochschule zu prüfen, eine Machbarkeitsstudie für eine pädagogische Hochschule auf den Weg zu bringen, um mal zu eruieren, in welche Richtung das gehen könnte. Wir haben uns da natürlich, (Beifall vonseiten der Fraktion der AfD) wir haben uns da natürlich schon konkrete Vorstellungen gemacht. Das ist also nicht ein Antrag, der hier einfach ins Blaue hinein gestellt wurde. Vorbild könnte sein die Fachhochschule für öffentliche Verwaltung in Güstrow. Da ist es nämlich auch so, dass quasi dort die Polizisten beispielsweise schon eingestellt werden, frühzeitig eingestellt, vergütet werden. Und das wäre eventuell auch eine Option für die pädagogische Hochschule oder für die Lehrer. Die Vorteile da, werte Kollegen, liegen auf der Hand. Man würde Lehrer aus dem Land und für das Land ausbilden. Und diese Lehrer wären dann natürlich, wenn sie vergütet sind, dort an der Hochschule, wären sie ja quasi auch dem Land, würden sie dem Land erhalten bleiben und würden nicht nach dem Studium das Land Mecklenburg-Vorpommern verlassen. Denn das ist ein großes Dilemma, dass wir Lehramtsstudenten ausbilden und die quasi dann nachher weggehen aus Mecklenburg-Vorpommern. Wir haben die Kosten, aber leider nicht den Nutzen davon. Ein weiterer Vorteil wäre ebenfalls – pädagogische Hochschule, Vorbild Fachhochschule für öffentliche Verwaltung –, dass man die Fächerkombination auswählen kann. Das ist nämlich in der Tat, wir haben in Deutsch und, ja, Geschichte, haben wir ganz viele Absolventen, in MINT-Fächern – dazu war auch eine Kleine Anfrage jüngst der CDU – haben wir ganz wenige Absolventen, da haben wir einen deutlichen Bedarf. Und dann könnte man natürlich die Fächerkombination so anbieten und man könnte die Absolventen oder die Interessenten dann auswählen. Und ich bin der Meinung, dass, wenn die Ausbildung vergütet wäre, dass man dann auch genug Absolventen und Interessenten finden würde. Dann hätte man insbesondere in diesen MINT-Fächern, könnte man diesen Mangel damit adäquat beheben. Und ein weiterer Punkt, werte Kollegen, das ist natürlich die Abbrecherquote, die uns jetzt immer zu schaffen macht. Und bei diesem Vorschlag würde das wahrscheinlich auch nicht so zu Buche schlagen, weil wir ja dann diese Möglichkeit haben, die Interessenten, die Absolventen auszuwählen und quasi eine Selektion vorzunehmen, da würde man nur die Besten auswählen. Und da bestünde die Hoffnung oder, ja, die Gewähr, dass wirklich ganz oder nicht mehr so viele abbrechen und dass wir wirklich dort ganz viele Lehramtsstudenten und zukünftige Lehrer dann zur Verfügung haben. Die Vorteile liegen auf der Hand. Ich freue mich auf eine inhaltliche Debatte. Die Kultusministerkonferenz – ich sagte es – prognostizierte uns, 20 Jahre beschäftigt uns der Lehrermangel noch, und ich glaube, das wird noch weitergehen, wenn wir nämlich uns vergegenwärtigen, dass die Inklusion, die Inklusion haben wir vor der Brust, die Förderschulen werden aufgelöst, die Kinder kommen in die Regionalschulen, das wird noch wieder für mächtig Trubel dort sorgen. Die Ganztagsschule haben Sie sich auf die Fahnen geschrieben, dort ist auch ein hoher Bedarf an Lehrern dann notwendig, und wir stehen hier vor großen Herausforderungen, werte Kollegen. Wir meinen, mit diesem Antrag „Pädagogische Hochschule“ hier eine Option, einen Weg aufzuzeigen, wie man es machen kann. Ich hörte in der Vergangenheit immer, ach, das dauert alles viel zu lange, das dauert alles viel zu lange, aber, wenn wir ehrlich sind, 20 Jahre wird uns dieser Lehrermangel noch beschäftigen, das sehe ich auch so, und wir müssen irgendwann einmal anfangen. (Beifall vonseiten der Fraktion der AfD) Das können wir mit diesem Antrag tun, und ich freue mich auf eine inhaltliche Debatte. – Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! (Beifall vonseiten der Fraktion der AfD)
