Jutta Wegner
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren Abgeordnete! Liebe Kolleg/-innen! Ich freue mich sehr über die heutige Aussprache, die die CDU beantragt hat, da sie uns die Möglichkeit gibt, zukunftsorientiert das Thema Bildung in den Blick zu nehmen. Damit will ich die Bemühungen und Schritte, die das Bildungsministerium und die Landesregierung schon gehen in schwierigen Zeiten, nicht kleinreden, sondern ausdrücklich anerkennen, aber es gibt wohl kaum ein Politikfeld, in dem so viel experimentiert, herumgedoktert, ausprobiert, verworfen und neu begonnen wurde wie in der Bildungspolitik, und das bundesweit. Was bis heute fehlt, ist eine grundlegende Reform des Bildungssystems. Der alte Baum Schule stammt aus einer anderen Zeit, wird seit Jahrzehnten beschnitten und bildet zwar hier und da neue Triebe aus, aber um den Stürmen und Herausforderungen der Moderne gerecht zu werden, ist der Baum schlicht zu alt und krank. Junge Menschen treffen am Ende ihrer Schullaufbahn auf eine digitalisierte Welt, müssen vielfach projektorientiert, vernetzt, fachübergreifend und selbstständig arbeiten, aber darauf werden sie nur bedingt vorbereitet: auswendig lernen, niederschreiben und vergessen. Wir sehen in sämtlichen Studien die immer schlechter werdenden Lernergebnisse, hören die Klagen der Arbeitgeber/- innen, sehen den Frust bei Schülerinnen und Schülern, Eltern und Lehrern, und dennoch verändert sich grundlegend nichts. Wir haben hier heute schon einiges über die Entlastung von Lehrer/-innen gehört. Zwei Stunden weniger hier, sagt die Union, keine finanziellen Mittel da, die Bildungsministerin. Liebe Kolleginnen und Kollegen, diese Debatte im Klein-Klein möchte ich an dieser Stelle nicht führen, sondern vielmehr auf die Ursachen des sogenannten Lehrermangels schauen und vor allem darauf, wie man das Lehramtsstudium und auch den Lehramtsberuf wieder attraktiver gestalten könnte. Die hohen Abbrecherquoten sprechen für sich. Erschreckend sind die 83 Prozent in 2021. Immer weniger junge Menschen werden es, die sich überhaupt für diesen Beruf entscheiden. Mehr Geld, weniger Stunden, Entlastung der Lehrer sind die durchaus nicht unberechtigten Forderungen der Verbände und der Union – Meer, Sonne, Strand, surfen und Ostsee die Reklame der Landesregierung. Dabei gäbe es doch Hebel, die deutlich effektiver wären. Aber solange wir angehende Mathelehrer/-innen in die gleichen Vorlesungen setzen wie die Fachmathematiker/-innen, solange wir Pädagogik und Didaktik nur als Beiwerk des Lehrerberufes verstehen und solange wir wirkliches Unterrichten erst nach dem Studium ermöglichen, wird sich an der Lehrergewinnung nicht viel ändern. (Beifall vonseiten der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Das, was wir brauchen, ist eine echte Aufwertung des Lehramtsstudiums. Unser Vorschlag ist, dieses dual zu gestalten. Sehen Sie sich bitte beispielsweise den Studiengang „Soziale Arbeit“ beim Landkreis Vorpommern-Rügen an! Hier sammeln Studierende nicht nur theoretische Kenntnisse im Studium, sondern erlangen darüber hinaus Berufserfahrungen und können die erlernte Theorie in der Praxis anwenden. Darüber hinaus werden sie von Anfang an bezahlt. Übertragen wir dieses Modell auf das Lehramtsstudium, könnten wir nicht nur das Referendariat bereits im Studium aufgehen lassen und dadurch die Gesamtausbildungsdauer verkürzen, wir könnten auch mit entsprechenden Vergütungsanreizen und gleichzeitigen Eignungstests die besten Studierenden nach Mecklenburg-Vorpommern locken und hier halten. Was Berlin mit den Quereinsteigern vorlebt, nämlich diese zu qualifizieren und auch danach an die Stadt zu binden, ließe sich auch auf das Dualstudium Lehramt in M-V übertragen. Es ist legitim, diejenigen, die hier vergütet studieren, anschließend auch – zumindest für eine gewisse Zeit – im Land zu verpflichten. Wir könnten mehr junge Menschen für das Studium gewinnen, wenn dieses pädagogisch, praxisnah und monetär aufgewertet würde, und gleichzeitig die Lehrkräfte, wie der Titel der Aussprache es nennt, unverzüglich entlasten. Was in den ersten Semestern noch eine Unterstützung des Lehrers darstellte, führte weitergehend durch das kontinuierliche Mentoring zu einem immer selbstständigeren Arbeiten der Studierenden, die spätestens im Masterstudium bereits erste eigene Stunden übernehmen können. Nach fünf Jahren Studium stünden keine Anfänger vor den Schülerinnen und Schülern, sondern voll ausgebildete Lehrkräfte, die von Anfang an sowohl fachlich qualifiziert wurden als auch pädagogisch ausgebildet und im Umgang mit Konflikten in der Praxis geübt sind. Eine weitere Möglichkeit, Lehrkräfte zu entlasten, stellen multiprofessionelle Teams dar. Die Debatte darüber ist ja gestern leider ausgefallen. Derzeit entfällt laut einer aktuellen Telekom-Studie nämlich nur ein Drittel der Arbeitszeit eines Lehrers auf das, was eigentlich seine Profession ist: das Unterrichten. Entlasten können hier nicht nur Studierende, sei es in der Unterrichtsvor- und -nachbereitung, der individuellen Arbeit am Kind oder in der Pausenaufsicht, sondern auch Schulsozialarbeiter, die den sozialräumlichen Hintergrund der Kinder im Blick haben und die Familien unterstützen, Schulpsychologen, die die Kinder in ihrer Entwicklung begleiten, Horterzieher/-innen in der Grundschule, die im Ganztagsbetrieb auch im Unterricht anwesend sein können, um einzelne Kinder zu unterstützen, sowie qualifizierte Integrationshelfer/-innen, die die Kinder mit Behinderungen oder Sprachbarriere individuell begleiten. (Vizepräsidentin Elke-Annette Schmidt übernimmt den Vorsitz.) Es braucht ein Team, das zusammenarbeitet. Es braucht ein Dorf, um ein Kind zu erziehen, (Beifall vonseiten der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) das einzelne Kind im Blick hat, und Lehrer/-innen, die sich auf ihre Rolle zurückbesinnen können und nicht, wie die jüngste Studie der Telekom Stiftung aufzeigt, nur ein Drittel ihrer Arbeitszeit mit dem verbringen, was sie ursprünglich mal gelernt haben. Dieses Verhältnis können wir beheben, indem alles, was unterrichtsfern ist, möglichst auf andere Personen übertragen wird. Freie Kapazitäten können dann in die Qualität des Unterrichts sowie in den Austausch und die Arbeit im Team investiert werden, denn Multiprofessionalität – gelebt als Team oder, wie ich es gerne nenne, Schulfamilie – entlastet die Lehrer/-innen, fördert jedes Kind ganzheitlich und ermöglicht im Übrigen Inklusion ohne, dass es als zusätzliche Belastung wahrgenommen wird. Darüber hinaus ist es sinnvoll, die Arbeitszeit der Lehrer/- innen anders zu organisieren. Anstatt wie bisher 27,5 Unterrichtsstunden auf 45 Minuten und pauschale Zeiten abzugelten, könnte man, wie bei anderen Arbeitnehmer/-innen auch, mit tatsächlichen, vollständig erfassten Arbeitsstunden rechnen. Hamburg lebt es bereits vor. Hier wird mit einer Jahresarbeitszeit unter Berücksichtigung der zu unterrichtenden Fächer sowie mit Abzug der Ferien und Wochenenden gearbeitet. Diese umfasst neben der Unterrichtszeit auch alle anderen Arbeitszeiten. Die Lehrer haben so eine vollständig erfasste und geregelte Wochenarbeitszeit auf der einen Seite sowie gleichzeitig die erforderliche Flexibilität und Autonomie für ihre pädagogische Arbeit auf der anderen Seite. Das Hamburger Modell allein löst zwar nicht die Belastung der Lehrkräfte, das ist eher Aufgabe der multiprofessionellen Teams, aber es sorgt für Transparenz, Flexibilität und lässt fixe Teamzeiten verlässlich zu. Ich denke, dass wir diesen Dreiklang also benötigen. Wir müssen erstens mehr junge Leute an die Schulen holen und das Studium durch die Möglichkeit, dual zu studieren, aufwerten. Wir müssen zweitens die Schulfamilie und die multiprofessionellen Teams flächendeckend aufbauen und dadurch Lehrkräfte entlasten sowie drittens den Beruf durch eine transparente Arbeitszeiterfassung aufwerten. Frau Oldenburg, Sie haben die große Herausforderung, aber auch die große Chance, diese Dinge jetzt zu bewegen oder zumindest anzustoßen. Multiprofessionelle Teams, gute Gebäude, außerschulische Kooperationen, flexible Unterrichtsgestaltung gibt es hier und da bereits, auch an unseren Schulen, flächendeckend kann davon aber nicht die Rede sein. Wir wissen, dass vor allem die Kinder leiden, die in prekäre Lebenslagen hineingeboren wurden. Dass aber heute, 2023, immer noch die Herkunft über die Bildungskarriere entscheidet, kann doch nicht unser Anspruch sein. Wir brauchen jedes Kind und wir brauchen die besten Voraussetzungen an jeder öffentlichen Schule in Mecklenburg-Vorpommern. Insofern bietet ein Sondervermögen Bildung die Möglichkeit, Chancengleichheit zu schaffen. Das muss aber auch wohlüberlegt eingesetzt werden. Unter der Bereitschaft, das bisherige Schulsystem zu revolutionieren, mit dem Ziel, dass jedes Kind unabhängig von seiner Herkunft lernt, und mit der Bereitschaft, wirklich etwas von Grund auf Neues aufzubauen und nicht nur inkrementell zu verändern, würde ich mich der Forderung anschließen, ein solches Sondervermögen, finanziert von Kommunen, Land und Bund, zu etablieren. (Torsten Renz, CDU: Endlich geht eine Rednerin auch auf das Thema ein.) Wir wissen, dass nicht nur Frau Esken von der SPD, sondern auch DIE LINKE, wenngleich sie es ja schon zumindest für das Land Mecklenburg-Vorpommern relativiert haben, ein Sondervermögen Bildung auf Bundesebene gefordert haben. (Jeannine Rösler, DIE LINKE: Das kann man auch nicht vergleichen.) Ihre Kollegen im Bundestag, Herr Renz, waren allerdings, zumindest aus haushälterischen Gründen, dagegen. (Torsten Renz, CDU: Ja, das war ein Fehler. Ich habe mich damit auseinandergesetzt. – Heiterkeit bei Harry Glawe, CDU) Gut! Stoßen Sie den Prozess an, Frau Oldenburg! Wenn Sie bereit sind, aus dem Dreiklang von Bund, Ländern und Kommunen zu finanzieren und wirklich etwas verändern zu wollen, anstatt nur Türschilder zu tauschen, dann haben Sie unsere Fraktion auf Ihrer Seite. – Vielen Dank! (Beifall vonseiten der Fraktionen der CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
