Dr. Monique Wölk
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen Abgeordnete! Sehr geehrte Damen und Herren! Weltweit erleben wir ein Zusammentreffen verschiedener gesellschaftlicher Krisen und Umbrüche, deren Folgen wir bis hinunter auf die kommunale Ebene spüren und die uns oft vor schwierig zu lösende Zielkonflikte stellen. Diese Krisen und Umbrüche werden durch den sich weltweit auswirkenden Klimawandel verstärkt, häufig sogar durch ihn ausgelöst. Immer mehr Menschen verstehen, dass ein „Weiter so“, unsere Art zu leben und zu wirtschaften, auf Dauer zu immer mehr Problemen führt. Der Begriff der Nachhaltigkeit wird in diesem Zusammenhang immer bedeutsamer. Nachhaltigkeit meint dabei, dass wir alle gemeinsam darauf achten, den nachfolgenden Generationen die gleiche Lebensqualität zu ermöglichen, die wir uns selber leisten. Nachhaltigkeit meint, dass wir den nachfolgenden Generationen auch den Zugriff auf die gleichen Ressourcen ermöglichen, die wir für unseren Lebensstil benötigen und verbrauchen. Und was besonders wichtig ist, Nachhaltigkeit bedeutet vor allem, dass wir den nachfolgenden Generationen eine Entscheidungsfreiheit lassen, wie sie ihr Leben gestalten wollen. Dies wird nicht möglich sein, wenn unsere natürlichen, energetischen und wirtschaftlichen Ressourcen aufgebraucht sind. Um diese Entscheidungsfreiheit zu ermöglichen, braucht es aber ein Verständnis dafür, wie unsere Art zu leben in das weltweite System von Natur- und Klimaveränderungen, in weltweite gesellschaftliche und wirtschaftliche Umbrüche und Transformationsprozesse eingebunden ist, ein Verständnis dafür, dass unser Leben in Mecklenburg-Vorpommern eben nicht auf einer Insel stattfindet, sondern dass auch wir mit einem ständigen Wandel umgehen müssen, dass wir Antworten auf die Fragen finden müssen, wie wir mit immer mehr heißen Sommertagen umgehen, (Thore Stein, AfD: Mit Sonnencreme.) weniger, dafür aber umso heftigeren Regenfällen, stärkeren Stürmen, steigendem Natur- und Ressourcenverbrauch oder auch dem Umstand, dass Menschen aus anderen Weltregionen zu uns fliehen und bei uns ein neues Leben beginnen. Und ob Sonnencreme tatsächlich die geeignete Antwort ist auf immer heißere Sommer, das ist eben zu diskutieren. (Thomas de Jesus Fernandes, AfD: Klimaanlage.) Ich glaube das nicht. (Thore Stein, AfD: Schützt aber vor Hautkrebs. – Thomas de Jesus Fernandes, AfD: Und das von Frau Doktor!) Es stellt sich die Frage, wie wir diesen Wandel so gestalten, dass die vielen im Land davon profitieren und an der Beantwortung dieser Fragen partizipieren. Besonders wichtig ist hier die Beteiligung junger Menschen, wie es gerade auch von der Enquete-Kommission des Landtages „Jung sein in Mecklenburg-Vorpommern“ gefordert und umgesetzt wird, denn es geht ganz besonders um die Zukunftsperspektive der jungen Generationen. Nicht umsonst hat die Kommission den Auftrag, Klimaschutz als eines der Querschnittsthemen in allen ihren Handlungsfeldern zu behandeln. Um den Wandel zu gestalten, braucht es eine frühzeitig ansetzende und kontinuierliche Bildung für Kinder, Jugendliche und Erwachsene im Bereich der formalen Bildung, der nonformalen wie auch der informellen Bildung. Das beinhaltet auch weitere Kompetenzen, um sich in einer im Wandel befindlichen Welt zurechtzufinden, gesellschaftliche Unsicherheiten auszuhalten und vor allem die eigene Handlungsfähigkeit zu erkennen, zu bewerten und zu nutzen. Bildung für nachhaltige Entwicklung zielt genau darauf ab und vermittelt Kompetenzen, um sich fundiert mit vielschichtigen Problemen auseinandersetzen zu können, die eigene Perspektive wechseln und über den eigenen Tellerrand hinausschauen zu können, (Thomas de Jesus Fernandes, AfD: Machen Sie mal!) Vielfalt zu akzeptieren und den Umgang mit Uneindeutigkeiten auszuhalten. (Thomas de Jesus Fernandes, AfD: Meinen Sie das geschlechtsspezifisch? – Heiterkeit bei Jens Schulze-Wiehenbrauk, AfD) Bildung für nachhaltige Entwicklung benötigt Beteiligung der Betroffenen, vernetztes Denken und kreatives Denken, um Zielkonflikte und Dilemma-Situationen abwägen und bewerten zu können und schließlich neue technische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Lösungen für immer wieder veränderte Problemlagen zu finden. (Thomas de Jesus Fernandes, AfD: Von Ihnen verursacht.) Deshalb schließt Bildung für nachhaltige Entwicklung besonders die Bereiche Umweltbildung, politische Bildung beziehungsweise Demokratielernen, (Zuruf von Thomas de Jesus Fernandes, AfD) kulturelle Bildung, globales und interkulturelles Lernen so- wie Verbraucherbildung ein. BNE – Bildung für nachhaltige Entwicklung – hat in Mecklenburg-Vorpommern eine lange und gute Tradition. BNE ist zum Beispiel bei uns im Schulgesetz verankert, eine Besonderheit. Explizite Verweise auf BNE finden sich sonst nur in den Schulgesetzen oder begleitenden Erlassen von Berlin, Hessen und Niedersachsen. Bereits seit 2008 gibt es eine Verwaltungsvorschrift in unserem Land, nach der in jedem Schulamt jeweils ein Lehrer oder eine Lehrerin als Regionalberater für BNE berufen wurde. Ihre Aufgabe ist es, Schulen bei der Umsetzung von BNE-Projekten und bei systemischen Veränderungen im Schulalltag hin zu mehr Nachhaltigkeit zu unterstützen. In der Landesarbeitsgruppe BNE, im Institut für Qualitätsentwicklung M-V angesiedelt und dem Bildungsministerium zugehörig, tauschen sich Lehrerinnen und Lehrer, Schulleitungen, Kitaerzieher/-innen und Leiter/-innen, außerschulische Partner und Mitglieder des Bildungs- sowie des Umwelt- und Landwirtschaftsministeriums aus, um sich über laufende BNE-Projekte zu informieren, weitere BNE-Initiativen oder Förderprojekte zu starten und den nationalen Aktionsplan „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ in Mecklenburg-Vorpommern umzusetzen. Die Landesarbeitsgruppe hat auch die dreijährige Projektförderung der zehn BNE-Modellschulen in M-V begleitet. Sie wirkt bei der Gestaltung der Rahmenrichtlinien für BNE im Unterricht mit und unterstützt die Entwicklung von BNE-Bildungsmodulen für Lehramtsstudierende an den Universitäten. Im Kitabereich wurde von 2019 bis 2022 das Modellprojekt „Kita 2030“ durchgeführt, an dem zehn Kitas in M-V beteiligt waren. Weitere Aktivitäten, um Nachhaltigkeitsaspekte in den eigenen Strukturen zu etablieren, gibt es an den Universitäten im Land. Hier finden sich auch Ansätze, um BNE in die Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern zu integrieren. Zum Beispiel können Lehramtsstudierende an der Universität Rostock am Beispiel eines Erdbeerpfades lernen, was eine politische Erdbeere ist. Dabei geht es um die Fähigkeit, auch bei solch einem, wie man meinen könnte, alltäglichen Thema wie Erdbeeren zu hinterfragen: Woher kommt die Frucht? Wer erntet sie und unter welchen Bedingungen? Wer kauft sie und wer verdient an ihr? (Heiterkeit vonseiten der Fraktion der FDP und Thomas de Jesus Fernandes, AfD) Nun kann man natürlich die Frage stellen, wozu es bei solchen vielen und vielfältigen Aktivitäten rund um die Bildung für nachhaltige Entwicklung im Land überhaupt noch eines Masterplanes für BNE bedarf. (Zurufe von Thomas de Jesus Fernandes, AfD, und Torsten Renz, CDU) Die Antwort ist einfach: Es fehlt an einer koordinierenden Klammer, mit der all diese Aktivitäten gebündelt, strukturell aufgearbeitet und schließlich zielgerichtet implementiert werden und die auch den Austausch mit den anderen Bundesländern weiterverfolgt. Daher soll eine Koordinierungsstelle beim Ministerium für Bildung und Kindertagesförderung eingerichtet werden. Bei der Erarbeitung des Masterplans sollen die bereits jetzt in diesem Feld aktiven Partner aus Schulen, Kitas, im außerschulischen Bildungsbereich und vor allem die betroffenen Kinder und Jugendlichen beteiligt werden. Zu jedem Handlungsfeld des Masterplans soll eine Arbeitsgruppe eingerichtet werden, die mit Vertretern aus Regierung und Zivilgesellschaft beziehungsweise außerschulischen Bildungspartnern besetzt wird. Die Leitung der Arbeitsgruppen soll jeweils paritätisch mit Vertreter/-innen dieser beiden Gruppen besetzt werden, und die Arbeitsgruppen sollen mit einem angemessenen Budget ausgestattet werden, um arbeitsfähig zu sein. Zunächst sollen dabei die prioritären Handlungsfelder frühkindliche Bildung, Schule und berufliche Schule bearbeitet werden. (Torsten Renz, CDU: Also drei Handlungsfelder.) Eine Ausweitung ist aus unserer Sicht möglich, sobald diese Handlungsfelder bearbeitet wurden. Unser Ziel ist es, dass wir in eine neue Phase beim Thema „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ in Mecklenburg-Vorpommern eintreten und die bestehenden Ansätze zur Umsetzung nun strukturiert, zielgerichtet und gemeinsam mit allen Betroffenen zusammenführen. Ich freue mich auf die folgende Debatte und freue mich, wenn Sie unserem Antrag folgen und zustimmen. – Herzlichen Dank! (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und DIE LINKE)
