Thore Stein
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Werte Kollegen! Ich glaube, ich hatte die Zahl letztens schon mal in der Befragung der Landesregierung genannt. (Vizepräsidentin Elke-Annette Schmidt übernimmt den Vorsitz.) Bei einem angenommenen Zuwachs der Wolfspopulation in Mecklenburg-Vorpommern von circa 30 Prozent pro Jahr werden wir im Jahr 2029, also in sechs Jahren – nicht allzu lange hin – einen Bestand von über 1.500 Tieren im Land haben, rein nur in Mecklenburg-Vorpommern, nicht deutschlandweit. Diese Zahl allein sollte also genügend Anlass geben, hier und heute über die Frage zu debattieren, wie geht es eigentlich weiter mit dem Wolf in Mecklenburg-Vorpommern und natürlich in Deutschland. Bereits in der vergangenen Wahlperiode war der Wolf immer wieder Thema hier im Landtag. Damals wurde noch abgewiegelt, dass wir es mit einer sehr fragilen Situation im Hinblick auf die Populationsentwicklung zu tun haben. Kritiker einer ungezügelten Ausbreitung wurden als Panikmacher und Populisten abgetan, auch hier in diesem Landtag, auch von Minister Backhaus und auch von der heutigen Staatssekretärin. Nun zeigt die Dichte der Antragstellungen in der noch jungen 8. Wahlperiode aber ganz deutlich, dass auch andere Fraktionen die unweigerlich auf uns zukommende Problemlage erkannt haben. Das ist gut so, denn die Rückkehr des Wolfes in eine Kulturlandschaft, die sich seit Jahrhunderten ohne große Raubtiere etabliert hat, läuft nun mal nicht ohne Konflikte ab, und diese werden sich noch drastisch erhöhen parallel zum Anwachsen der Population. Das dürfte auch jedem mittlerweile bewusst sein. Und all die Ausflüchte und all das Verstecken hinter dem handlungsunwilligen Brüssel wirken in Anbetracht dieser Entwicklung wie billige Ausreden, und das wissen Sie auch. Und damit komme ich an dieser Stelle kurz zu dem gerne angeführten günstigen Erhaltungszustand. Dieser wurde ja hier auch stets als Gegenargument für eine Regulierung der Wolfsbestände genannt. Dabei ist mittlerweile bekannt, beziehungsweise gibt es da entsprechende Fachmeinungen, dass für den günstigen Erhaltungszustand einer isolierten Population 1.000 erwachsene Tiere ausreichen und für eine Population, die im Austausch mit anderen Populationen steht, sogar lediglich 250 Tiere als Maßstab angesehen werden können. Und wer nun abstreitet, dass die deutsche Wolfspopulation nicht mit den Beständen in Osteuropa im genetischen Austausch steht, dem sei ein Blick in seinen alten Schulatlas empfohlen, denn die deutschen Außengrenzen sind alles andere als undurchdringlich, auch für den Wolf. Und erst kürzlich hatten Sachverständige bei einer Anhörung im Umweltausschuss des Bundestages bestätigt, dass eben dieser gute Erhaltungszustand des Wolfes in Europa und somit auch in Deutschland mittlerweile erreicht ist. Und um noch mal auf die Geografiekenntnisse zurückzukommen: Deutschland und somit auch Mecklenburg-Vorpommern liegen nun mal in Europa. Entgegen der Fachmeinung blockiert allerdings Umweltministerin Lemke jede weitere Lockerung des Artenschutzes. Dabei dürfte man bei einer Ministerin, die in ihrer beruflichen Laufbahn durchaus eine gewisse Fachexpertise auf diesem Gebiet vorzuweisen hat, etwas mehr Realitätssinn erwarten. Ja, sehr geehrte Damen und Herren, werfen wir an dieser Stelle einen Blick auf die Schadensbilanz und somit auch die Kostenbilanz, die uns der Wolf in den letzten Jahren beschert hat, denn auch das gehört zur Wahrheit dazu. Die Rückkehr des Wolfes und seine rasante Ausbreitung in Deutschland sorgen eben nicht nur für Konflikte, sondern er kostet letztlich auch Geld. Immerhin wird diese Schadensbilanz recht genau dokumentiert. Das konnten wir über einige Kleine Anfragen bereits ganz gut abfragen. Allein in Mecklenburg-Vorpommern wurden seit 2011 rund 1.000 Nutztiere durch Wölfe getötet. Und das eigentlich Erschreckende dabei ist oder das, wo man mal aufhorchen müsste, ist, dass von diesen 1.000 Tieren alleine 900 Stück in den zurückliegenden drei bis vier Jahren gerissen worden sind. Wir sehen also, dass wir es mit einem expotentiellen Anstieg der Rissvorfälle zu tun haben, einfach parallel zum Anwachsen der Population, und das trotz stark verschärfter Sicherheitsvorkehrungen, gerade im Bereich der Weidetierhaltung. Das verdeutlicht also, wie mit dem Anstieg der Wolfspopulation auch die Rissvorfälle rasant in die Höhe schießen, und dies trotz immenser Aufwendungen eben für Herdenschutz und auch Informationskampagnen und Schutzmaßnahmen. Alleine die Präventions- und Akzeptanzmaßnahmen kosten den Steuerzahler bisher rund 1,7 Millionen Euro, allein in Mecklenburg-Vorpommern. Hinzu kommen noch über 150.000 Euro an Kompensationszahlungen für wirtschaftliche Schäden an die Tierhalter und rund 1,2 Millionen Euro für das Wolfsmanagement. Und diese Kosten werden nun mal von Jahr zu Jahr steigen, und zwar immer schneller und immer höher. Sehr geehrte Damen und Herren, der Druck auf die Beutetierbestände, also das Wild, aber eben auch die Weidetiere nimmt stetig zu. Und auf der Suche nach Nahrung beschreitet der Wolf immer neue Wege. Erste Übergriffe auf ausgewachsene Pferde und Rinder zeigen deutlich, was auf uns zukommt und zu was dieses Raubtier letztlich auch fähig ist. Der Wolf muss seine Scheu, die er noch hat, die Scheu vor dem Menschen, unbedingt behalten, und das funktioniert nur über eine konsequente Bejagung außerhalb – und das fordern wir – klar zu definierender Wolfsreservate. Wir wollen, dass der Wolf ins Jagdrecht aufgenommen wird und auch eine Jagdzeit bekommt. Wie man das am Ende ausgestaltet, lässt sich sicherlich noch entsprechend diskutieren. Wir wollen aber, dass der Wolf eine maximale Populationsgröße in Deutschland und in Mecklenburg-Vorpommern zugesprochen bekommt, und wir wollen, dass der Wolf außerhalb der abzugrenzenden Wolfsterritorien auch ganz klar bejagt werden darf. (Beifall vonseiten der Fraktion der AfD – Jens Schulze-Wiehenbrauk, AfD: Das musste mal gesagt werden.) Denn es ist so, wenn wir das nicht tun, dann werden die Konflikte immer stärker zunehmen, und das eigentliche Ziel, nämlich den Artenschutz und die Nutzung der Kulturlandschaft, die sich nun mal in den letzten 1.000 Jahren hier in Mecklenburg-Vorpommern etabliert haben, dann werden wir diese beiden Zielgrößen nicht miteinander verbinden können. Das Problem ist, dass man mittlerweile in Berlin, im grünen Umweltministerium aus tiefster Überzeugung und letztlich aus weltanschaulicher Verbohrtheit sich weigert zu handeln. (Beifall vonseiten der Fraktion der AfD) Das ist immerhin ehrlich, das kaufe ich denen auch ab, aber gerade hier in Schwerin, in einem Ministerium mit durchaus hohen Expertisen, das erkenne ich Ihnen wirklich an, das ist scheinheilig. Minister Backhaus und seine zuständigen Abteilungsleiter wissen doch so gut wie wir alle, der Wolf wird früher oder später bejagt werden müssen – (Heiterkeit bei Michael Meister, AfD) das ist so sicher wie das Amen in der Kirche –, denn wir können die Bestände ja nicht ins Endlose anwachsen lassen. Und die Verzögerungstaktik, die hier seit Jahren letztlich gefahren wird, die sorgt eigentlich nur dafür, dass wir immer mehr Tierhalter haben, die aus lauter Frust, die vor lauter Kosten und die letztlich auch aus emotionaler Belastung ihre Tierhaltung aufgeben. Und gerade das wollen wir ja: eine Kulturlandschaft mit Tierhaltung. Heute Morgen haben wir noch darüber debattiert, dass wir so etwas wie Alt Tellin nicht haben wollen. Wir wollen also auf der einen Seite keine Ställe, in denen wir Tiere halten, aber wir verhindern auch die Tierhaltung in der offenen Weidelandschaft, indem wir hier eben dem Wolf freien Raum lassen. Das funktioniert nun mal nicht. (Beifall vonseiten der Fraktion der AfD) Und das müssen wir anerkennen, das muss auch Minister Backhaus anerkennen, und je eher wir handeln – das gehört auch zur Wahrheit dazu –, desto geringer werden auch die Abschusszahlen ausfallen, der Wölfe. Denn eines ist klar: Wenn wir jetzt eine ausufernde Population haben, dann werden auch die Maßnahmen, die wir ergreifen müssen, um diese Population wieder einzudämmen, deutlich radikaler sein, als hätten wir von Anfang an uns darauf geeinigt, dass wir eine Zielgröße von wenigen 100 Tieren in Mecklenburg-Vorpommern haben, oder in Deutschland eine Zielgröße definieren, und dementsprechend dann auch abschöpfen, was darüber aufwächst. (Thomas de Jesus Fernandes, AfD: Sehr richtig!) Lassen Sie mich aber abschließend noch eines feststellen: Die Wiedereinwanderung von Wolf und auch dem Elch, der zunehmend über die Oder kommt, und dem Wisent, den wir zumindest aktuell noch in Reservaten haben, aber der vielleicht auch irgendwann wieder in der Natur oder Naturschutz- oder Nationalparken, durch die Natur streifen wird, das sind Anstrengungen, die wir in den letzten Jahrzehnten unternommen haben und die jetzt Früchte tragen und die auch bemerkenswert sind. Und das ist auch gut so, aber eben zur Gesamtverantwortung gehört auch, dass wir die Folgen dieser Artenschutzpolitik auf die von Menschenhand gestaltete Kulturlandschaft auf ein verträgliches Maß für beide Seiten begrenzen. Und vor dieser Verantwortung werden hier konsequent die Augen verschlossen. Und das wird nun mal nicht gut gehen auf Dauer, und deswegen brauchen wir hier auch eine klare Kurskorrektur. – Herzlichen Dank! (Beifall vonseiten der Fraktion der AfD)
