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Simone Oldenburg

22.03.2023 Sitzungen 8/48

Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Morgens um 07:30 Uhr: Zeit zum Frühstücken in der Krippengruppe der Kita „De Lütten Plappersnuten“, Obst, Joghurt, Marmeladen- oder Leberwurststulle, Milch oder Wasser, alles zuvor liebevoll von der Küchenfee vorbereitet – mein erster Praktikumstag. Pepe weint, Diana wollte partout auf den Arm und Mila leckte mit sichtlichem Vergnügen die Marmelade vom Brot. Ja, eigentlich brauchen wir mehr als vier Hände für diese zehn ganz Kleinen von den „Seebärchen“. Eine Alltagshelferin oder eine Assistenzkraft wäre nicht schlecht, wenn du wieder weg bist, sagte eine der beiden fürsorglichen Erzieherinnen mit Nerven wie Drahtseile. Ja, ich weiß, ich weiß, wir brauchen weitere Erzieherinnen und Erzieher. Wir müssen die Fachkraft-Kind-Relation senken, und zwar ohne auf das Fachkräftegebot zu verzichten. Und genau diese Qualitätsverbesserungen führt die rot-rote Landesregierung ein, (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und DIE LINKE) so, wie auch die vorherigen Landesregierungen immer die Verbesserung der Qualität in der Kindertagesförderung im Blick hatten und eben auch schrittweise die Fachkraft-Kind-Relation von 1 : 18 im Jahr 2010 auf gegenwärtig 1 : 15 und in dieser Legislaturperiode auf 1 : 14 zu senken. Und auch die mit dieser Gesetzesnovelle eingeführte Nichtanrechnung der ersten beiden Ausbildungsjahre auf den Fachkräfteschlüssel ist ein wichtiger Beitrag zur Verbesserung der Qualität. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und DIE LINKE) Allein dafür wenden wir bis zum Jahr 2026 25 Millionen Euro auf. Diese Nichtanrechnung ist ein Teil von den Qualitätsverbesserungen der vergangenen 16 Monate in dieser Legislaturperiode, genau wie die Wiedereinführung, Verstetigung und Qualifizierung der Alltagshilfen. Das sind weitere 8,6 Millionen Euro. Und darüber hinaus haben wir den beitragsfreien Ferienhort eingeführt, um die Vereinbarkeit von Erwerbs- und Privatleben zu verbessern und Eltern von den Kosten für eine zusätzliche Betreuung zu entlasten und den Landeshaushalt mit weiteren 28 Millionen Euro zu belasten. Wir haben die Ausbildungsgänge flexibilisiert und ermöglichen den Azubis, nach ihrer zweijährigen Ausbildung zum Sozialassistenten einen Wechsel in eine berufsbegleitende, vergütete Ausbildung. Die verbindliche Bildungskonzeption für die 0 bis 10-Jährigen wurde erweitert und fortgeschrieben. Wir haben den landeseigenen Weg zum Erhalt unserer Sprach-Kitas bereitet, weil sich die grüne Bundesfamilienministerin trotz großer Zusagen schlicht aus der Verantwortung entzogen hat. (Zuruf von Torsten Renz, CDU) Das sind weitere 5 Millionen Euro pro Jahr, die weder eingeplant waren noch so ganz einfach nebenbei irgendwo hergeholt werden können. Das sind zusätzliche 5 Millionen Euro, die an anderer Stelle nicht mehr verwendet werden können. Die Ausgaben für die Kindertagesförderung lagen im Jahr 2020 bei 683 Millionen Euro und im vergangenen Jahr bei 797 Millionen Euro – eine Steigerung um 114 Millionen Euro innerhalb von zwei Jahren. Und mit den von mir genannten Verbesserungen werden wir in diesem Jahr die 800-Millionen-Euro-Marke weit überschreiten. (Torsten Koplin, DIE LINKE: Hört, hört! – Zuruf von Julian Barlen, SPD) Das ist eine Kraftanstrengung, das ist eine gigantische Leistung der kommunalen Familie und des Landes. Ich danke den Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern so- wie den Landräten dafür, dass sie genau einen Schwerpunkt ihrer vielen Aufgaben in die Kindertagesförderung gelegt haben. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und DIE LINKE) Mehr als 800 Millionen Euro pro Jahr, das sind über 2 Millionen Euro, die täglich, die täglich in die Bildung, Förderung und Betreuung unserer Kleinsten investiert werden. Sehr geehrte Damen und Herren, es liegt auf der Hand, dass einige an dieser Stelle nochmals über die Sinnhaftigkeit der Beitragsfreiheit in der Kindertagesförderung diskutieren werden und die Frage aufwerfen, ob das Geld nicht hätte noch stärker vermeintlich in die Qualität fließen können. Aber das ist eine Frage, die sich gar nicht stellt, denn die Beitragsfreiheit ist aus meiner Sicht eine ganz, ganz beachtliche Qualitätsoffensive, die damals die Landesregierung auf den Weg gebracht hat. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und DIE LINKE) Denn Beitragsfreiheit ist Chancengerechtigkeit, ist gute Bildung von Anfang an, ist Betreuung und Förderung für alle Kinder gleichermaßen, unabhängig ihrer familiären Situation. Beitragsfreiheit in einem Land mit einer hohen Armutsquote bedeutet gleichberechtigte Teilhabe aller Kinder, denn sie ist ein Weg aus der Armut. Beitragsfreiheit im Land mit niedrigen Löhnen in vielen Bereichen bedeutet eine enorme Entlastung für Eltern und für Erziehungsberechtigte. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und DIE LINKE) Beitragsfreiheit heißt, dass in Mecklenburg-Vorpommern Eltern mit 16.000 Euro pro Kind von der Krippe bis zum Hort entlastet werden. 16.000 Euro Entlastung für ein Kind! (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und DIE LINKE) Sehr geehrte Damen und Herren, mit der dritten Novelle, über die Sie heute entscheiden, kommt nun eine weitere wichtige Qualitätsverbesserung zur Entlastung der Erzieherinnen und Erzieher, zur verbesserten Förderung der Kinder in unseren Kitas. Sie ist dringend notwendig und auch geboten. Infolge dieser Neuerung können circa 260 Erzieherinnen und Erzieher zusätzlich eingestellt werden. Das sind mehr als 10.000 Stunden zusätzliche Betreuung, Bildung und Förderung pro Woche. Aber auch der Wunsch der Nichtanrechnung des dritten Ausbildungsjahres wird von vielen Anzuhörenden geäußert. Das dritte Ausbildungsjahr wird aber weiterhin mit 50 Prozent auf den Fachkräfteschlüssel angerechnet, denn im Gegensatz zu den ersten beiden Ausbildungsjahren arbeiten die künftigen Erzieherinnen und Erzieher im dritten Jahr über 60 Prozent ihrer Ausbildung in den Einrichtungen, machen eigenständige Angebote und betreuen Gruppen ebenfalls schon alleine. Den Wunsch nach mehr kann ich verstehen, aber nicht alles, was wir verstehen können, können wir auch tatsächlich sofort umsetzen. Frau Shepley sagte einmal richtig, der Haushalt ist kein Fass ohne Boden. Wie wahr! (Zuruf von Marc Reinhardt, CDU) Sehr geehrte Damen und Herren, in der öffentlichen Anhörung zu dieser Novelle äußerte sich Frau Shepley von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN über ihre Sicht zur Situation in den Kindertagesstätten unseres Landes. Zur besseren Einordnung und zum besseren Verständnis zitiere ich eine ausführliche Passage, um nicht durch Auslassungen Lücken entstehen zu lassen. (Marc Reinhardt, CDU: Unbedingt!) Ich zitiere: „Ich möchte trotzdem für die Bündnisgrüne-Fraktion festhalten, dass wir natürlich auch die Frage der Nichtanrechnung fürs erste und zweite Lehrjahr, so wie es im Gesetzentwurf vorgesehen ist, befürworten. Da sind wir uns, glaube ich, hier auch alle einig, und insofern hätten wir eigentlich auch nach Herrn Renz‘s Einführung irgendwie sagen können: Super, sind wir uns einig, können wir so beschließen. Toll, haben wir fein gemacht. Ich möchte aber auch noch mal darauf hinweisen, und kann mich da ja auch bei vielen von Ihnen anschließen, dass auch wir uns gefragt haben, warum kann man das dritte Lehrjahr nicht einfach auch mit reinnehmen? Ich stelle mir das tatsächlich auch in der konkreten Umsetzung, ohne da jetzt drin zu stecken selber, ziemlich schwierig vor – dann hat man für die einen wieder das und für die nächsten wieder das. Ja, ich würde mir wünschen, wir könnten das mit aufnehmen! Und wir dürfen natürlich nicht vergessen, dass das allergrößte Thema das ist, natürlich, wie können wir weiterhin sozusagen Nachwuchskräfte begeistern für den Beruf der Erzieherin, des Erziehers? Und da ist der Punkt, und der ist heute hier sehr oft gefallen, natürlich – wie können wir den Beruf wieder attraktiver machen?“ (Marc Reinhardt, CDU: Ist heute der Vorlesetag?) „Und den machen wir nur attraktiver, indem wir die Bedingungen in den Kitas verbessern für die engagierten Leute, die das tagtäglich … die sich um unsere Kinder kümmern. Und mit kümmern ist natürlich nicht gemeint, dass sie in einem Raum sind, betreut werden, was zu Essen kriegen, und dass sich am Ende des Tages niemand verletzt hat. Sondern es ist damit gemeint, dass unsere Fachkräfte auch pädagogisch ihre Arbeit ausführen können, und wieder zu einer Art Gestaltung kommen können, die im Moment einfach, würde ich sagen, im Großteil der Kitas leider nicht möglich ist.“ Ende des Zitats. (Zurufe von Sebastian Ehlers, CDU, Constanze Oehlrich, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, und Anne Shepley, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Sehr geehrte Damen und Herren, so weit Frau Shepley. Ich komme zur Realität. Ich möchte Ihnen einen realistischen Blick geben in die Kindertagesförderung, wie dort gestaltet, gefördert, gebildet und betreut wird. (Zuruf von Torsten Renz, CDU) Ich zitiere Auszüge aus dem Leitfaden über die Rahmenbedingungen, inhaltliche Ausgestaltung und das Miteinander in der Kindertagesstätte „De Lütten Plappersnuten“ zum Tagesablauf: (Zuruf von Julian Barlen, SPD) „Gemütliches Frühstück in angenehmer Atmosphäre → bietet uns einen gesunden Start in einen erlebnisreichen Tag. … Taulaufen/Wassertreten/Kneippanwendungen … Freispiel … Forschen am Bach/Pflegen und Ernten der von uns angepflanzten Obst- und Gemüsesorten im Naturgarten oder Gewächshaus“, musikalische Früherziehung, kreatives Spiel, „Kinderyoga“. Und darüber hinaus wird tagtäglich an der Umsetzung der Bildungskonzeption gearbeitet, ob es die alltagsintegrierte Sprachbildung ist, ob es die Beobachtung und Dokumentation der kindlichen Entwicklungsprozesse sind, ob es die Anwendung von DESK als Frühwarnsystem zu erkennen, erste Anzeichen für mögliche Defizite, ist oder die gezielte individuelle Förderung. (Zuruf von Jutta Wegner, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Und über all die pädagogische, gestalterische, erzieherische Arbeit hinaus wird zweimal im Jahr für jedes Kind, für jedes Kind eine Bildungs- und Lerngeschichte durch die Erzieherin beziehungsweise den Erzieher verfasst. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und DIE LINKE) Aus einer möchte ich zitieren, damit wir alle wissen, dass Kindergärten und Kindertagespflegeeinrichtungen pädagogische Einrichtungen sind, in denen mit so viel Engagement und Empathie eine ganz, ganz bedeutende pädagogische Arbeit geleistet wird: „Lieber Franz, heute konnte ich Dich dabei beobachten, wie Du einen hohen Turm bauen wolltest. Du hast Dir die Schublade mit unseren Bausteinen dafür herausgenommen und gleich losgelegt. Ich konnte sehen, wie Du überlegt und ausprobiert hast, wie die Bausteine am besten aufeinander stehen bleiben. Du hast sehr konzentriert gebaut … Dein Turm wuchs und wuchs, doch leider geriet er nach einer Weile … in Schieflage und Du hast versucht herauszufinden, warum.“ (Zuruf von Thore Stein, AfD) „Du hast entdeckt, dass nicht alle Steine exakt gleich groß sind.“ (Thore Stein, AfD: Wow!) „Leider ist der Turm dann nach einiger Zeit auch eingestürzt. Doch das war für Dich“ überhaupt „kein Grund zum Aufgeben, schließlich wolltest Du einen ganz hohen Turm. Also fingst Du nochmal von vorne an und ich konnte sehen, dass Du sehr konzentriert beim Aufeinanderstellen der Steine warst und auch immer wieder geprüft hast, ob die Steine von der Größe her in Ordnung waren. Schließlich war der Turm so hoch, dass Deine Augen vor Freude und Stolz leuchteten.“ (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und DIE LINKE) „Auch ich war sehr erstaunt und erfreut, wie hoch unser Turm geworden ist. Du hast festgestellt, dass er nun doch sehr wackelig steht. Du hast mich angeschaut und angedeutet, dass Du ihn“ gern „umwerfen möchtest. Ich habe Dir gesagt, dass Du … auf dich aufpassen musst. Nachdem wir den Turm noch fotografiert haben, hast Du ihn mit viel Freude umgestoßen. Dein Ziel war erreicht! Es war ein schönes Erlebnis und ich denke, dass Du in der nächsten Zeit noch viele Bauwerke mit Begeisterung bauen und Lösungen für Probleme finden wirst. Liebe Grüße, Dein Ronny.“ (Zuruf von Thore Stein, AfD) Sehr geehrte Damen und Herren, das ist pädagogische Arbeit. Das sind Beobachtung, Abstraktion, Wertschätzung. Das ist die Entwicklung der kindlichen Fehlerkultur. Das ist Reflexion, das ist Bildung. (Zuruf von Torsten Renz, CDU) Und diese Kita ist nicht irgendwo auf dem Mond, sondern in Nordwestmecklenburg (Zuruf von Torsten Renz, CDU) und nur ein Beispiel für die hervorragende Arbeit der Erzieherinnen und Erzieher im ganzen Land, und dafür danke ich Ihnen. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und DIE LINKE) Danke für Ihre fantastische, umsichtige, aufopferungsvolle und so liebevolle pädagogische Tätigkeit! Danke für Ihre beeindruckende Fürsorge für unsere ganz Kleinen! (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und DIE LINKE)

Alle Reden von Simone Oldenburg Protokoll ↗