Sabine Enseleit
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete! Pflegeberufe, Berufe in der Steuerberatung, Versicherungskaufleute, Berufe im Verkauf von Back- und Konditoreiwaren, Berufe im Verkauf im Allgemeinen und so weiter, und so weiter – die Liste der Berufe, die in der Fachkräfteengpassanalyse der Bundesagentur für Arbeit aufgelistet sind, ist sehr lang und umfasst offenbar sämtliche Ausbildungsberufe. Allein die Auflistung der Mangelberufe sagt aber noch nichts darüber aus, inwieweit diese Berufe überhaupt zukunftsfähig sind. Die Liste beinhaltet auch keine Berufe, die wir in Zukunft brauchen werden, die es heute aber noch gar nicht gibt, denn Digitalisierung, Modernisierung und Technisierung der Arbeitswelt schreiten in einem enormen Tempo voran. Experten gehen davon aus, dass Berufsfelder, die sich auf menschliche Interaktion gründen, besonders zukunftsfähig sind, nämlich in den Berufsfeldern Gesundheit, Soziales, Lehre und Erziehung, Unternehmensführung und Organisation sowie Recht und Verwaltung, wohingegen Berufe aus den Berufsgruppen Metallbearbeitung oder auch Lebensmittel- und Genussmittelherstellung als weniger zukunftsträchtig betrachtet werden, da diese in Zukunft vergleichsweise leicht durch Technologien zu ersetzen sind. Doch auch aus diesem Berufsfeld finden sich Berufe in der Fachkräfteengpassanalyse. Ich finde daher nicht, dass wir gut beraten sind, diese Liste allein zur Grundlage einer besonderen Förderung zu machen. Es ist zudem die Frage, ob 100 Euro mehr im Monat wirklich ein Anreiz sind, einen bestimmten Ausbildungsberuf zu wählen. Geld allein stellt, wie wir alle wissen, keinen Anreiz dar und in der von Ihnen vorgesehenen Höhe wahrscheinlich ohnehin nicht. Dann wollen Sie in Ihrem Antrag eine zusätzliche Behörde einrichten, die über die Gewährung dieser Zuwendungen entscheidet. (Horst Förster, AfD: Wo steht das denn?) Dass wir als Liberale nicht laut Hurra rufen, wenn zusätzliche Behörden und damit zusätzliche Bürokratie geschaffen werden sollen, dürfte allen bekannt sein. (Horst Förster, AfD: Wo steht das? Das stimmt doch gar nicht.) Spätestens an der Stelle bin ich raus aus Ihrem Antrag. Und dieser Vorschlag macht auch überhaupt keinen Sinn, denn dann müssen Sie ja auch wieder um Beschäftigte für die Behörde werben und eventuell auch dort 100 Euro zusätzlich zahlen, (Horst Förster, AfD: Davon war doch gar keine Rede.) damit diese an der Stelle die Arbeit aufnehmen. Und auch ein weiterer Punkt ist aus unserer Sicht nicht nachvollziehbar und damit tragbar, der bislang noch nicht erwähnt wurde, denn Sie wollen die Förderung auf ein Lebensalter von maximal 45 Jahren begrenzen. Wir entwickeln uns immer mehr zu einer Wissensgesellschaft. Lebenslanges Lernen sollte zur Normalität gehören, und dafür gibt es keine Grenze. (Beifall vonseiten der Fraktion der FDP) Wenn jemand also mit 46 entscheidet, vielleicht nachdem die Kinder aus dem Haus sind, noch einmal etwas Neues anzufangen, sollte er das genauso tun können wie jemand mit Anfang 20. (Horst Förster, AfD: Das sind ja Sonderbeispiele, hervorgeholte Sonderbeispiele.) Immerhin sind es dann auch noch ganze 20 Jahre, in denen man sich in die Wertschöpfung unserer Volkswirtschaft einbringen (Enrico Schult, AfD: Da müssen Sie doch selber drüber lachen!) und die eigenen Ziele verwirklichen kann. Nein, Ihr Antrag überzeugt uns nicht. Zwar sehen auch wir, dass Handlungsbedarf besteht, was die Attraktivitätssteigerung bestimmte Berufe angeht, aber unser Ansatz wäre ein ganz anderer. Statt den Menschen erst etwas wegzunehmen, um es ihnen dann großzügig nach Abzug der Bearbeitungspauschale „öffentliche Verwaltung“, also in summa weniger wieder zurückzugeben, wie es die Parteien im linken Spektrum und offenbar auch Sie, liebe AfD, gerne tun, sollten wir den Menschen ihr Geld lieber gleich lassen. (Zuruf vonseiten der Fraktion der AfD: Das stimmt.) In diesem Sinne ist zum Beispiel die höhere Zuverdienstgrenze beim Bürgergeld gerade für Menschen in Ausbildung eine hervorragende Sache. So schafft man Anreize. Grundsätzlich sind wir also für weitere Entlastungen, statt über neue Bürokratie weitere Zuwendungen zu organisieren. Außerdem vergessen wir die wichtigsten Spieler in der Partie, die Tarifparteien. Diese legen die Höhe der Löhne und Gehälter, aber auch der Ausbildungsvergütung fest. Hier wirkt der Markt, man muss ihn nur lassen. Ewas gegen den Fachkräfteengpass unternehmen, ja, aber nicht mit Ihrem Antrag. – Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! (Beifall vonseiten der Fraktion der FDP)
