Thore Stein
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Werte Kollegen! Man ersieht bei diesem Antrag nicht sogleich, ob es sich um einen schulpolitischen Antrag handelt oder auch einen landwirtschaftspolitischen oder vielleicht sogar auch einen Antrag aus dem gesundheitspolitischen Bereich – wahrscheinlich von allen Bereichen etwas. (Zuruf von Andreas Butzki, SPD) Und es drängt sich in dem Zusammenhang eine weitere Frage auf, und zwar die, aus wessen Feder dieser Antrag eigentlich stammt. Und ich komme nicht umhin, hier die Handschrift des Bauernverbandes zu erkennen, wenn ich das etwas süffisant anmerken darf, denn der hat vielleicht ähnliche Kampagnen, aber das muss ja auch gar nicht schlimm sein. Und ich kann Ihre Intention daher durchaus verstehen, denn die konventionelle Landwirtschaft steht zunehmend unter Druck durch einen woken Veganismus oder zumindest eine Ablehnung der bisherigen Tierhaltungsstandards. Das ist aber ein Thema für sich und soll uns heute hier jetzt erst mal nicht tangieren. Sehr geehrte Damen und Herren, lassen Sie mich im Konkreten auf den vorliegenden Antrag zu sprechen kommen. Sie halten ein Plädoyer für die gesunde Ernährung, zählen eine ganze Reihe Vitamine, Spurenelemente und gute Fette auf – es soll ja auch schlechte Fette geben –, alles unterstützenswert und inhaltlich auch gar nicht falsch. Daraus leiten Sie dann das Bedürfnis einer ausgewogenen Ernährung ab, die selbstverständlich auch tierisches Eiweiß enthalten soll und muss, natürlich aus heimischer Produktion, ganz regional. Auch das ist doch vollumfänglich zu unterstützen. Lassen Sie mich aber noch kurz anmerken, dass Sie zur Stärkung Ihrer Position nicht auch noch – und das tun Sie in der Begründung – mit diesem globalen Moralismus auftrumpfen müssen. Von der Verpflegung in den Speiseanstalten unseres Bundeslandes wird wohl kaum das Gedeih und Verderben des globalen Südens abhängen. Aber das gehört, glaube ich, zum heutigen Politikstil auch dazu. Und das war es dann eigentlich auch schon, was es an Inhalten aus Ihrem Antrag zu destillieren gibt. Ihrem Antrag können wir zustimmen, wollen das auch tun, denn er entspricht eigentlich dem gesunden Menschenverstand. Damit wäre ich eigentlich am Ende, aber da ich doch noch etwas Redezeit habe, möchte ich auf eine ganz andere Problematik im Zusammenhang mit der Ernährung in Kindertagesstätten und Schulen, aber auch im heimischen Bereich zu sprechen kommen. Herr Minister Backhaus hat das auch schon getan. Und da geht es gar nicht um die Frage, wie oft ein Stück Fleisch auf dem Teller liegt, sondern vielmehr um den dramatischen Anstieg des Zuckerkonsums in der täglichen Ernährung. Denn darin liegt doch das eigentliche Kernproblem der Ernährungsgewohnheiten heutzutage und nicht in der Frage, ob jemand einen vegetarischen oder nicht vegetarischen Lebensstil pflegt. Ich glaube, das können wir jedem selbst überlassen. Veganismus halte ich da für durchaus bedenklicher, was eben die Zufuhr an ausreichend notwendigen Spurenelementen et cetera angeht. Aber lassen Sie mich noch mal einen Blick auf diesen Zuckerkonsum richten, denn der ist insbesondere im Bereich der Kinder und Jugendlichen dramatisch angestiegen. Und da hätte ich mich viel mehr gefreut, wenn Sie dieses Thema aufgegriffen hätten, anstatt hier ein Plädoyer für Schweineschnitzel zu halten. Und dass dieser Umstand zunehmend in das Bewusstsein der Politik gelangt, ist immerhin erfreulich. (Zuruf von Marc Reinhardt, CDU) Herr Minister Backhaus hat das ja eben auch sehr ausführlich ausgeführt, von der CDU war davon leider nichts zu hören, aber immerhin hat Ihre ehemalige Bundesagrarministerin, Frau Klöckner, durchgesetzt – das war, glaube ich, vor drei oder vier Jahren –, dass die Zugabe von Zucker, von Sirup, von Malzextrakt und Süßungsmitteln in Baby- und Kindertees verboten wird. Das muss man sich mal vorstellen. Bis 2020 konnte die Lebensmittelindustrie kleinste Kinder zu Zuckerjunkies machen, indem man einfach massiv Zucker hinzugeführt hat, damit die Kinder quasi noch mehr haben wollen, denn Zucker produziert eine Abhängigkeit. Das ist ja auch hinlänglich bekannt. Warum es also unbedingt notwendig ist und warum noch eigentlich viel weitergehende Maßnahmen neben tatsächlichen Verboten in Richtung Lebensmittelindustrie notwendig sind, lässt sich auch anhand einer dramatischen Fallzahl ableiten. Und zwar gibt es einen regelmäßig erscheinenden Bericht der BARMER-Krankenkasse. Und in der letzten Ausgabe – das war im „Ärzteblatt“ zu lesen – wurde dargestellt, dass bereits ein Drittel aller Kinder unter zwölf Jahren eine Kariesbehandlung absolvieren mussten. Und der Hauptgrund für Karies – das dürfte, glaube ich, auch jedem bekannt sein – sind ist nun mal Zucker und eine mangelnde Zahnhygiene. Und in diesem Zusammenhang muss auch die stetig zunehmende Anzahl an Kindern erwähnt werden, die bereits im Kleinkindalter übergewichtig oder sogar adipös sind. Herr Minister Backhaus hat die völlig wahnsinnige Zahl von 70 Milliarden Euro genannt, durch die das Gesundheitssystem jedes Jahr belastet wird durch eben Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Und dies kommt im Regelfall durch einen ungesunden Lebensstil. Und dass die Weichen für solche Erkrankungen bereits im Kleinstkindesalter gestellt werden, das dürfte auch ersichtlich sein. Und hier muss man auch entsprechend frühzeitig eingreifen. Wir brauchen also neben Lobbyanträgen des Bauernverbandes für mehr Schweineschnitzel auf dem Mensateller vor allem eine durchdringende und umfassende Aufklärung über Ernährung insgesamt. Und vor allem muss die Politik die Lebensmittelindustrie – und da zählt natürlich in erster Linie die Politik auf Bundesebene – an die kurze Leine nehmen, wenn es um die bewusste Überzuckerung von speziell für Kinder hergestellten Nahrungsmitteln geht. Hier darf sich der freie Markt schließlich nicht austoben, wenn es zulasten der Gesundheit geht und insbesondere zulasten der Gesundheit der Jüngsten, und hier muss die Politik entschieden einen Riegel vorschieben, denn da hören die Grenzen des freien Marktes schlichtweg auf. – Herzlichen Dank! (Beifall vonseiten der Faktion der AfD)
