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Simone Oldenburg

27.01.2023 Sitzungen 8/44

Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Nie wieder Krieg! – Niemand von uns konnte wissen, ja nicht einmal erahnen, wie wichtig und wie gegenwärtig diese Worte sind. Vielleicht wurden sie in den vergangenen Jahren manchmal auch nur noch rein rhetorisch genutzt, weil die Bedeutung dieser Worte ja von niemandem mehr in Zweifel gezogen worden ist. Das Wachhalten von Erinnerungen ist das Lernen aus der Vergangenheit, ist das Wissen um historischpolitische Ereignisse und ihre Einordnung, es ist die Auseinandersetzung mit Geschehenem, damit es nicht vergessen wird. Die Geschichte zu kennen, ist Voraussetzung dafür, sie nicht zu vergessen. Die Vergangenheit hat uns viele Fortschritte aus den verschiedensten Ländern gebracht, zum Beispiel die Demokratie aus Griechenland, aus Italien beeindruckende Kultur, aus Frankreich und England den Kampf um Freiheit und Unabhängigkeit. Historische Entwicklungen haben unser Leben geprägt, im Positiven aber auch im Negativen. Denn das, was unter anderem Kriege und Diktaturen an Not, Leid, Tod, an Grausamkeit gebracht haben, muss mindestens genauso wachgehalten werden wie all das Gute und Förderliche. Dazu gehört auch, dass dieses Wissen vermittelt wird, denn um Erinnerung und Haltung zu entwickeln, braucht es Kenntnisse über die Ereignisse, an die man sich erinnern soll, zu denen man eine Haltung entwickelt. Das Wissen muss an jene weitergegeben werden, die weit, weit nach uns, nach unseren Eltern geboren wurden, an jene Kinder und Jugendliche, die in Glück, ohne Angst und in Geborgenheit aufwachsen. Ihnen müssen wir die Geschichte nahebringen, damit es für die Mädchen und Jungen so bleibt, ihr glückliches Leben in Geborgenheit. Sehr geehrte Damen und Herren, Elisabeth Abegg, Wilm Hosenfeld, Gertrud und Otto Mörike, Oskar und Emilie Schindler: Sie sind einige der Gerechten unter den Völkern, ob sie den jüdischen Familien Unterschlupf in ihren Wohnungen gewährt haben oder als Lehrkräfte geholfen haben oder eben als Großindustrieller Schindler mehr als 1.000 Juden gerettet hat und damit ganzen Generationen das Leben geschenkt hat – all jene sind die Gerechten unter den Völkern. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD, DIE LINKE, Sebastian Ehlers, CDU, Dr. Harald Terpe, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, und Barbara Becker-Hornickel, FDP) Und wenn man die Gedenkstätte „Yad Vashem“ besucht, begegnet man beim Gang entlang der „Allee der Gerechten“ ihren Namen. Vor mehr als 20 Jahren erlebte ich das erste Mal diese Gedenkstätte und die Ausstellung, für die man sich Audioguides ausleihen konnte, damit man das unfassbare Ausmaß der Gräuel auch sprachlich Wort für Wort verstand, um so viel über das nationalsozialistische Unheil zu erfahren, um eben nicht zu vergessen. Ich brauchte keine Übersetzung, die meisten Schriften, Ausstellungsstücke, Plakate, Aufrufe waren in meiner Muttersprache verfasst, und wieder spürte ich, was es heißt, eine historische Verantwortung zu haben. Ich danke den antragstellenden Fraktionen für die gemeinsame Arbeit, die eingebrachten Anpassungen und vor allem dafür, dass es gemeinsam gelungen ist, diesen wichtigen Antrag im Rahmen des Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus heute in den Landtag einzubringen. Ich danke ebenfalls dem ehemaligen Bildungsminister Henry Tesch dafür, dass er eine Fortbildungsreihe für Geschichtslehrkräfte ins Leben gerufen hat, die nach Israel führt und nach „Yad Vashem“. Aus den verschiedensten Gründen fanden die Fortbildungen in den vergangenen Jahren nicht mehr in Präsenz statt. Umso wichtiger, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Instituts für Qualitätsentwicklung die Organisation dieser Möglichkeit, Geschichte zu erfahren, neu strukturiert und organisiert haben und sie in den nächsten Sommerferien wieder in Israel in Präsenz stattfinden wird. Diese Fortbildung ist neben den Gedenkfahrten für Schülerinnen und Schüler, die auch in die ehemaligen deutschen Vernichtungslager nach Polen führen, eine Gelegenheit, die demokratische Erinnerungskultur zu festigen. Im Rahmen des Programms „Jugend erinnert“ konnte Mecklenburg-Vorpommern mehr als 800 Jugendlichen diese Fahrt ermöglichen und damit so vielen Schülerinnen und Schülern wie in keinem anderen Bundesland. Gerade am Dienstag dieser Woche konnten wir gemeinsam mit Herrn Vorhauer und den Jugendlichen des Eldenburg-Gymnasiums in Lübz die Ergebnisse unseres großen Projektes zu den Überlebenden der Schoah präsentieren – ein Film, der unter die Haut geht, und beeindruckende Jugendliche, die mit ihrer Arbeit dafür sorgen, dass auch dieser Teil der Geschichte verstanden und wachgehalten wird. Sehr geehrte Damen und Herren, zur Zeit des Nationalsozialismus wurde auch in Deutschland auf den verschiedensten Wegen und an den unterschiedlichsten Orten Widerstand organisiert und geleistet – Widerstand zum diktatorischen nationalsozialistischen Morden und Unterdrücken. Diese Widerstandskämpfer setzten täglich ihr Leben aufs Spiel, aber für sie gab es niemals einen Zweifel an der Notwendigkeit ihres Handelns. Sie waren Geistliche, Studentinnen und Studenten, Industrielle. Oder sie waren ganz einfache Arbeiter, wie die Sekretärin und der Tischler aus Wismar, die sämtliche Flugblätter entwarfen, vervielfältigten und verteilten. Es waren meine Großeltern Erika und Bernhard Härtel. Durch die Erzählungen meiner Oma wurde Geschichte wachgehalten. Sie hat uns Kindern ihr Leben erzählt, wir konnten fragen, um zu verstehen. Und diese einmalige Chance, mit jenen zu sprechen, die während des Nationalsozialismus gelebt und überlebt haben, wird mit jedem Tag geringer. Bevor die Zeit weiter vergeht, müssen wir sie festhalten, brauchen wir ihre Erinnerung, um zu beurteilen und um eben wachzuhalten. Deshalb werden wir auch weiterhin in der politischen Bildung einen großen Schwerpunkt darauf legen, die Erlebnisse der Zeitzeugen in Film- und Tonaufnahmen festzuhalten. Und das darf sich nicht alleine auf den Geschichtsunterricht beschränken, denn es gibt wohl kein einziges Fach, das keine Berührungspunkte zu diesem Thema hat. Deshalb braucht es fächerverbindende Angebote, die Wissen bündeln und auf verschiedenen Wegen mit unterschiedlichen Methoden den Zugang erleichtern. Dazu gehört auch, Kindern und Jugendlichen den Besuch der Mahn- und Gedenkstätten zu ermöglichen, und zwar zu den KZ-Gedenkstätten, aber auch zu den Gedenkstätten und Orten für die Opfer der jüngeren deutschen Geschichte. Hier werden wir die finanziellen Mittel aufstocken und die Antragstellung erleichtern, denn wichtig ist auch, … (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD, CDU, DIE LINKE, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und FDP) … wichtig ist auch, dass wir die Altersgrenze für die Teilnahme an Projekten, die in Gedenkstätten stattfinden, heruntersetzen, um noch mehr Schülerinnen und Schülern die Chance zu geben, Geschichte zu erleben. Sehr geehrte Damen und Herren, viele dieser Gedenkstätten, die besucht werden können, informieren auch über die Zeit der SED-Diktatur. Es ist wichtig, dass auch die widersprüchliche Geschichte der DDR immer wieder Gegenstand der Bildung, der Auseinandersetzung und natürlich auch der Aufarbeitung ist. Vor 33 Jahren beendeten die Männer und Frauen mit einer friedlichen Revolution diesen Staat mit seinen Ungerechtigkeiten, seinen Errungenschaften, mit seinen nahezu unüberwindlichen Grenzen, aber auch mit der von vielen empfundenen großen sozialen Sicherheit. Sie beendeten die geschlossene Gesellschaft und erkämpften Freiheit in jeglicher Form. Danke … (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD, DIE LINKE, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und Barbara Becker-Hornickel, FDP) Danke für diese Kraft, für das persönliche Risiko, für diesen Mut! Diejenigen, die damals junge Erwachsene waren, sind vielleicht längst Großeltern. Ihre Erinnerung an ihr Leben und auch an ihre Ängste und Sorgen, ihre Erinnerung an ihre Wahrnehmung der alltäglichen Widersprüche muss ausführlich und nicht als Randthema der Geschichte und des Unterrichts behandelt werden. Sie ist Teil unseres Lebens, unserer Geschichte, sie ist Teil der deutschen Geschichte. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD, CDU, DIE LINKE und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) So hat ihr Bildungssystem einerseits die sozialen Schranken weitestgehend überwunden, vermittelte wirklich eine tiefgründige Allgemeinbildung und hat aber gleichzeitig engstirnig und dogmatisch meinen Freund Peter von Abitur und Studium ausgeschlossen. Er wurde stellvertretend für seinen Vater Fritz Kalf bestraft. Im Jugendwerkhof Bautzen verbrachte Peter einige Jahre seines Lebens, weil sein Vater offen Kritik am Staat äußerte und sich den Mund nicht verbieten ließ. Auch das gehört zur Geschichte. Sehr geehrte Damen und Herren, Erinnerung muss wachgehalten werden. Wir dürfen nicht wegsehen, wir müssen hinschauen. Wir dürfen nicht dulden, wir müssen erinnern und aufklären. Wir dürfen nicht verharmlosen, wir müssen uns ehrlich auseinandersetzen. Geben wir den Kindern und Jugendlichen in unserem Land noch mehr Gelegenheiten, in ihrer Schulzeit diese Kenntnisse zu erwerben, ob es Fahrten, Projekte oder Gesprächsrunden sind, denn unsere Geschichte ist unsere Verantwortung! (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD, CDU, DIE LINKE, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und FDP)

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