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Jutta Wegner

GRÜNE 25.01.2023 Sitzungen 8/42

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Wenn es nach der AfD geht, soll das Gymnasium nur noch den am besten benoteten Schülerinnen und Schülern vorbehalten sein, (Jens-Holger Schneider, AfD: Aber das erzählt doch Herr Brodkorb, ne?! Nur mal so nebenbei.) und dadurch meint sie gleichzeitig, die Regionalschulen durch leistungsstarke Schülerinnen und Schüler aufzuwerten. (Enrico Schult, AfD: Oh, geht das wieder los!) Wie ich in meiner ersten Rede zu diesem Gesetzentwurf bereits ausgeführt habe, berücksichtigt es aber nicht in ausreichendem Maße die Rolle der Eltern, sondern sie lässt auch die reale Situation außer Acht, dass viele Betriebe in Ausbildungsberufen heute gezielt Abiturient/-innen auswählen, weil die Regionalschulen nicht gut genug seien. Das mag vielerorts, mancherorts trauriger Fakt sein, die Schuld daran aber den Schülerinnen und Schülern zu geben, halte ich für zutiefst ungerecht, (Beifall vonseiten der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) denn die Verantwortung tragen wir Erwachsenen. (Jens-Holger Schneider, AfD: Ja, macht weiter so, dann werdet ihr schon sehen, was ihr davon habt!) Wir sind es, die dieses Schulsystem aufgebaut haben und seit Jahren daran herumdoktern. Während die AfD Frühselektion also verschärfen möchte, sagen wir, dass die Kinder heute viel zu früh voneinander getrennt werden, Klassen und Freundschaften nicht nur nach der 4., sondern auch nach der 6. Klasse zerrissen werden und ein möglichst langes gemeinsames Lernen unmöglich gemacht wird. Länder, die in sämtlichen PISA-Tests hervorragend abschneiden, lassen die Kinder im Klassenverband bis zur 9. Klasse gemeinsam lernen. Erst danach erfolgen eine Benotung und der Weg in die Berufsausbildung beziehungsweise in die allgemeinbildende Oberstufe. Der hier vorliegende Gesetzentwurf ist eine weitere Verschärfung der aktuellen Frühauslese, und aus diesem Grund lehnen wir ihn ab. (Beifall vonseiten der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Ich meine, stellen wir uns doch einfach mal vor, wir hätten gemeinsame Grund- und Regionalschulen, in denen alle Kinder gemeinsam von der 1. bis zur 9. Klasse lernen, in der die Leistungsstarken die Leistungsschwächeren stützen und in denen soziale Unterschiede keine Rolle spielen. (Jens-Holger Schneider, AfD: Oha! Schuluniform?) Stattdessen statten wir diese Schulen gut aus mit einer Schulfamilie, die nicht nur aus Lehrer/-innen, sondern auch aus Sozial- und Sonderpädagogen/-innen sowie Erzieher/-innen, Technikhausmeister/-innen und vielen anderen bestehen. Dann kann jedes Kind sein Potenzial entfalten. Gehen wir endlich weg von starren Lehrplänen, permanentem Frontalunterricht, Auswendiglernen, niederschreiben und vergessen! Die Betriebe beklagen, die Auszubildenden seien zunehmend nicht in der Lage, Zusammenhänge zu erfassen, warteten permanent auf Anweisungen und seien nicht in der Lage, selbstständig und durchhaltend zu arbeiten. (allgemeine Unruhe – Glocke der Vizepräsidentin) Das liegt aber doch nicht daran, dass diese Generation per se leistungsschwächer ist, sondern dass sie in diesem Schulsystem dazu gemacht wird. Um in dieser sich immer schneller vernetzenden Welt Lösungen für schwierigere Herausforderungen zu finden, braucht es Kreativität, eigene Visionen und Ideen. Nutzen wir die Erkenntnisse der Hirnforschung! Sicherlich wird jedes Kind mit einem gewissen Satz an genetischen Voraussetzungen geboren, aber wir haben alle als Erwachsene noch circa ein Drittel mehr Vernetzung übrig, als wir tatsächlich nutzen. Das Potenzial ist immens. Es ist auch ein Trugschluss zu glauben, das Gehirn von Kindern vernetzt sich erst dann, wenn es etwas lernt. Die moderne Hirnforschung fand heraus, dass es genau umgekehrt ist: Die Vernetzungen entstehen zuerst und werden dann stabilisiert, wenn das Kind in seiner Lebenswelt diese tatsächlich nutzt und aktiviert. (Stephan J. Reuken, AfD: Was sagt uns das?) Damit belegt der Hirnforscher Professor Gerald Hüther heute, was Konfuzius bereits vor 2.500 Jahren beobachtete: „Sage es mir, und ich werde es vergessen. Zeige es mir, und ich werde es vielleicht behalten. Lass es mich tun, und ich werde es können.“ Sagen Sie einem Kind, dass Wasser über 100 Grad verdunstet, sagen Sie ihm, dass sich der Siedepunkt des Wassers durch die Zugabe von Salz erhöht, weil die Wassermoleküle sich an die Salzmoleküle binden. Lassen Sie das Kind das auswendig lernen und niederschreiben. So ist unser Schulsystem. Sie haben gerade vergessen, was ich gesagt habe? Ich auch. (Jens-Holger Schneider, AfD: Nein.) Kochen Sie Wasser auf und zeigen ihm, dass es aufhört, wenn man Salz hineintut! (Zuruf von Jens-Holger Schneider, AfD) Ein guter Lehrer. (Jan-Phillip Tadsen, AfD: Nein.) Lassen Sie das Kind in einem großen Topf Wasser selber aufkochen, Salz hineintun und Nudeln für die ganze Klasse! (Ministerin Simone Oldenburg: Das ist aber ungesund.) Lassen Sie jedes Kind eine angeweichte Nudel aus dem Wasser nehmen und erfahren, dass Spaghetti dehydriert werden und sich mit Wasser vollsaugen! Erklären Sie, dass Stärke und Proteine in den Spaghetti aufgebrochen beziehungsweise denaturiert werden, damit unser Körper sie besser verdauen kann! Lassen Sie die Klasse den Tisch decken, essen Sie gemeinsam und räumen wieder auf! Unsere Vision von einem Schulsystem. (Beifall vonseiten der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Stephan J. Reuken, AfD: Ein bisschen Unterricht wäre nicht schlecht.) Denn nun wird Ihre Klasse nicht nur den chemischen Vorgang verstehen können, sondern auch Nudeln kochen. Und Sie haben möglicherweise auch die Leidenschaft einer zukünftigen Köchin oder eines Restaurantfachmanns geweckt und ganz nebenbei den Klassenverband gestärkt. (Jens-Holger Schneider, AfD: Wir brauchen aber auch Ingenieure, ne?!) Das ist nur ein Beispiel dafür, wie Schule den Kindern nicht nur alles beibringen kann, sondern Kinder sich auch eingeladen fühlen, sich das Wissen, das es gibt, selbst anzueignen. Ich meine, wir haben einen Fachkräftemangel im Handwerk, praktisches Arbeiten findet in der Schule aber nicht statt. Würden die Kinder bis zur 9. Klasse gemeinsam lernen und regelmäßig nähen, saugen, bauen und planen, und das auch mal in der Arbeitssprache Englisch, sie würden nicht nur ihre Leidenschaft als Schneider, Tischler, Linguist oder Architekt entdecken, sondern sie würden durch die gegenseitige Unterstützung auch ihre empathischen Fähigkeiten stärken. Neue Erzieher/-innen, Altenpfleger oder angehende Lehrer/-innen wären geboren. Durch das gemeinsame Sammeln von Erfahrungen würde auch mehr Achtung vor der Arbeit des anderen entstehen. Damit die Klasse ein Projekt erfolgreich beendet, braucht es sowohl diejenigen, die planen, berechnen und organisieren, als auch diejenigen, die umsetzen, handwerklich geschickt und geduldig sind. Im Grunde übten die Kinder hier für ihr Leben. Kinder könnten früh durch eigene Erfahrungen entscheiden, wohin ihr künftiger Weg sie führt, und egal, ob es die Uni oder eine Ausbildung ist, es wird zu einem erfolgreicheren Weg in den künftigen Beruf führen. Nicht eine noch stärkere Frühselektion, sondern ein längeres gemeinsames Lernen, projektorientiert und praxisnah, sollte das Ziel sein. (Beifall vonseiten der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Wir hätten deutlich weniger Studienabbrecher und fehlende Azubis, wenn doch jeder bereits in der Schule selbstbestimmt Verantwortung für sich und andere übernehmen würde und nach dem Abschluss in der Lage wäre, sein eigenes Leben zu gestalten. Ich glaube, wir reden über viel, viel mehr als einen Notendurchschnitt. – Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! (Beifall vonseiten der Fraktionen BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und FDP)

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