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Sabine Enseleit

FDP 08.12.2022 Sitzungen 8/40

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete! Ich möchte meine Rede mit einem Zitat beginnen: „Es ist an der Zeit, im behördlichen Sprachgebrauch der Gleichstellung von Mann und Frau und dem zeitgemäßen Selbstverständnis der Frau von ihrer Stellung in der Gesellschaft Rechnung zu tragen. Somit ist es nicht länger angebracht, bei der Anrede weiblicher Erwachsener im behördlichen Sprachgebrauch anders zu verfahren, als es bei männlichen Erwachsenen seit jeher üblich ist. … Im behördlichen Sprachgebrauch ist daher für jede weibliche Erwachsene die Anrede ,Frau‘ zu verwenden.“ (Thomas de Jesus Fernandes, AfD: Wenn es aber ein „divers“ ist?!) Dies ist ein Zitat aus dem Runderlass des Bundesministeriums des Innern vom 16. Januar 1972. (Beifall vonseiten der Fraktion der FDP und Jutta Wegner, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Sein Leiter Hans-Dietrich Genscher war es, der den Begriff „Fräulein“ aus der behördlichen Sprache der alten Bundesrepublik streichen ließ. (Elke-Annette Schmidt, DIE LINKE: Hat er gut gemacht.) Diese Abschaffung hatte die FDP-Abgeordnete Marie-Elisabeth Lüders im Bundestag bereits 1954 gefordert. Manchmal dauert es eben einige Zeit, bis sich notwendige Veränderungen durchsetzen. (Elke-Annette Schmidt, DIE LINKE: Richtig!) Dabei wurde die Bezeichnung „Fräulein“ nicht immer als diskriminierend empfunden. Bis ins 18. Jahrhundert war die Anrede „Fräulein“ dem Adel vorbehalten. Erst danach wurde sie auch auf bürgerliche junge Frauen ausgedehnt, später auf alle unverheirateten Frauen und damit zu einem diskriminierenden Makel, der nur Frauen vorbehalten war. Für unverheiratete Männer gab und gibt es bis heute keine Bezeichnung. (Jens Schulze-Wiehenbrauk, AfD: Junggeselle! – Heiterkeit bei Thore Stein, AfD) Sprache wandelt sich, passt sich gesellschaftlichen Entwicklungen an und entwickelt sich weiter. Bereits im 19. Jahrhundert begann der sprachpuristische Kampf gegen französische Wörter. Vor einigen Jahren hat sich die AfD noch den Anglizismen entgegengestellt und heute möchte sie selbst das Handwerk boostern. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Heiterkeit bei Anne Shepley, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Julian Barlen, SPD: Sehr schön!) Sprache wandelt sich, und darum ist es nur folgerichtig, dass wir heute darauf achten, sprachlich allen Geschlechtern gerecht zu werden. Ein weiblicher Arzt ist nun mal eine Ärztin, und dies sollten wir auch so benennen, damit wir nicht Sprachbilder bedienen, die suggerieren, dass es sich bei dem Beruf des Arztes immer zwangsläufig um einen Mann handelt. (Thore Stein, AfD: Wer denkt das denn?) Das hat mir gerade erst, haben mir gerade erst Jugendliche von ihren Klassenkameraden erzählt. Asterisk, Doppelpunkt oder Binnen-I, bislang haben wir aus meiner Sicht noch keine befriedigende Antwort zur geschlechtergerechten Sprache gefunden. Da gebe ich Ihnen sogar recht. Auch substantivierende Partizipien sind meines Erachtens ungeeignet für geschlechtergerechte Sprache. Ein Student ist nicht automatisch ein Studierender und als Studierender muss man nicht zwangsläufig ein Student sein. Mein Kollege René Domke hat das gestern bereits sehr treffend ausgeführt, vor welchen Herausforderungen und Unstimmigkeiten wir aktuell noch mit dem Anspruch einer gendergerechten Sprache stehen. Dabei sind Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen von der AfD, mir sogar schon einen Schritt voraus. Während ich noch von Lehrlingen spreche, sprechen Sie bereits von Auszubildenden. (Heiterkeit bei Nadine Julitz, SPD – Thore Stein, AfD: Sehr gut!) In Ihrem Antrag beziehen Sie sich zur Klärung auf den Rat für deutsche Rechtschreibung. Dabei verkennen Sie allerdings, dass auch dieser lange und hart für Veränderungen wie die neue Rechtschreibung kämpfen musste. Diese Reform hat ihre Ursprünge übrigens in den 1980er-Jahren. Der Rat ging erst 2004 aus den hitzigen Debatten um die damals neue Rechtschreibung hervor. (Jens Schulze-Wiehenbrauk, AfD: War auch eine Katastrophe.) Und so stellt der Rechtschreibrat dann auch folgerichtig fest, dass sich Sprache in einer stetigen Entwicklung befindet. Darum ist eine seiner zentralen Aufgaben, die Entwicklung der deutschen Sprache zu beobachten, Zweifelsfälle zu klären und Vorschläge für das amtliche Regelwerk zu machen. Zu dieser Entwicklung tragen auch Behörden und Universitäten bei, die Universität Rostock mit dem Leitfadenhinweis für einen diskriminierungsarmen Sprachgebrauch an der Universität Rostock und das Land Mecklenburg-Vorpommern mit dem Leitfaden für die sprachliche Gleichbehandlung von Frauen und Männern in der Amts- und Rechtssprache. Es wäre fatal, wenn wir versuchen würden, sprachliche Entwicklung durch Gesetze und Verordnungen zu unterbinden, so, wie Sie es in Ihrem Antrag fordern. Abschließend noch einige Worte zum rechtlichen Aspekt. Die Zuständigkeit für die Einführung neuer Rechtschreibregeln richtet sich laut Grundgesetz nach den allgemeinen Regelungen über die Verwaltungszuständigkeiten. Bund und Länder bestimmen jeweils für ihren Zuständigkeitsbereich, welche Rechtschreibregelungen gelten. Sie sehen also, der Rechtschreiberat ist gerade nicht die letzte Instanz, was regelkonforme Sprache betrifft. Und der Rechtschreiberat spricht sich auch nicht generell gegen Unterstriche oder Doppelpunkt aus. Er empfiehlt sie zurzeit einfach nicht. (Zuruf von Enrico Schult, AfD) Sprache befindet sich im Wandel und dieser Wandel braucht manchmal seine Zeit. Darum brauchen wir Debatten darüber und müssen uns intensiv mit dem Thema auseinandersetzen, so, wie wir es heute hier auch getan haben. Wichtig ist nur anzuerkennen, dass ein Wandel stattfindet und stattfinden muss, weil sich die gesellschaftlichen Anforderungen gewandelt haben. (Zuruf von Steffi Pulz-Debler, DIE LINKE) Die Lösungen, die wir aktuell haben, sind nicht perfekt. Wir müssen weiter nach Lösungen suchen, diskutieren und debattieren. Was wir aber nicht tun dürfen, ist, uns dem Wandel zu verwehren. Das hat die FDP 1954 und auch 1972 nicht getan, denn wir stehen gestern und heute für den gesellschaftlichen Fortschritt. Sie, liebe AfD, …

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