Barbara Becker-Hornickel
Sehr geehrte … Entschuldigung! Ist hier schon Wasser? Ja. (Die Abgeordnete Barbara Becker-Hornickel trinkt aus dem Wasserglas.) So! Sehr geehrte Präsidentin! Das läuft sich noch warm. (Heiterkeit vonseiten der Fraktion der SPD) Meine Damen und Herren Abgeordnete! Mal jetzt ein ganz anderes Thema, fernab von dem, was uns eben alles beschäftigt hat. Ich möchte gerne, dass zwei besondere Dinge, die zusammengehören aus meiner Sicht, in das Zentrum unseres politischen Gestaltungswillens rücken – Menschen mit Behinderung auf der einen Seite und die Kunst auf der anderen Seite. Schon seit Jahren setze ich mich eigentlich mit viel Herz für diese beiden Seiten ein. Und ich denke, was im Sport schon mit viel Erfolg bei uns fast Normalität geworden ist, dass Menschen mit Behinderungen – oder mit besonderen Bedarfen, wie ich gestern gelernt habe –, dass das sehr gut zusammenpasst mit dem Sport, so, denke ich, kann das genau auch in der Kunst sein. Ich möchte, dass wir in Mecklenburg-Vorpommern durch unseren Antrag die vielversprechende Chance ergreifen, die Arbeitssituation von Künstlerinnen und Künstlern mit Behinderung konkret zu verbessern. Auch sie haben ein Recht darauf, am gesellschaftlichen Leben und am Arbeitsmarkt teilzuhaben. Wie soll das jetzt gehen? Welchen Vorschlag habe ich? Was meine ich genau? Die Kulturstiftung des Bundes stellt 3,9 Millionen Euro für das Mentoring-Programm mit dem Namen „pik“ zur Verfügung – „pik“ steht für das „Programm für inklusive Kunstpraxis“. Hier werden Menschen mit Behinderung dafür fit gemacht, dass sie sichtbar werden in unserem Leben, und zwar auf drei Ebenen: im kulturellen Leben, im sozialen Leben und somit auch im ökonomischen Leben. Diese drei Ebenen greifen dann ineinander, sobald wir Menschen mit Behinderungen den richtigen Start für ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen. Lassen wir Menschen mit Behinderungen ihr Leben eigenverantwortlich gestalten, und zwar durch Kunst, mit Kunst und für die Kunst! Kunst und Kultur haben einen hohen Anteil am Arbeitsmarkt, und Kulturinstitutionen, viele Verbände wünschen sich mehr Menschen mit Behinderungen im Kunstsektor. Zugegeben, es ist erst der 30. Artikel der UN-Behindertenrechtskonvention, in dem die Vertragsstaaten das Recht von Menschen mit Behinderungen anerkennen, gleichberechtigt mit anderen am kulturellen Leben teilzunehmen. Die tägliche Begegnung mit Menschen mit Behinderungen sensibilisiert nämlich für ihre unterschiedlichen Bedürfnisse. Inklusive Kultur tritt also für beides an, für die unmittelbare Teilhabe aller Menschen an der Kunst und in der Folge für die Arbeit an einem zeitgemäßen Gesellschafts- und Beschäftigungsbild. Ich denke, Schluss damit, eingeschliffene Normvorstellungen zu reproduzieren. Gerade die Kunst vermag es, Normierungen auszuhebeln. Durch Kunst, mit Kunst und für die Kunst kann Inklusion in diesem Sinne am besten gelingen. Sie kennen sicher schon, wenn Sie auch unser TV-Programm ab und zu aufmerksam verfolgen, dass es immer mehr auch Schauspieler gibt durchaus mit Trisomie 21 oder gehörlose Schauspieler, die voll ihren Beruf ausüben können. Oder, ein anderes Beispiel, ich bin begeisterte Zuhörerin, ein bisschen Musik kann ich auch selber machen. Ich denke, ich kriege aus jedem Instrument was rausgeklopft. Das ist schon seit frühester Kindheit in unserer Familie durchaus gewesen. Aber ich gehe in ein Konzert und angekündigt war einer der weltbesten Hornisten, Felix Klieser. Ich habe mir überhaupt keinen Kopf gemacht, wer ist Felix Klieser. Ich dachte, Hornist, na ja, interessante Konzerte, tolle Musik. Ich hatte sogar eine CD von ihm. Als ich dann in den Konzertsaal kam, ich muss ehrlich zugeben, ich kam mir ja ein bisschen voyeuristisch vor, denn Felix Klieser hat keine Arme, aber er spielt Horn. Und dieses Konzert, man geht dort nicht hin, weil es jemand spielt, der keine Arme hat, nein, weil er anerkennenswert ist, einer der besten Hornisten, die wir in Europa haben. Und ich denke, das ist ein Erlebnis gewesen. Diese Möglichkeiten – wir haben uns nachher unterhalten, das geht so als Patronatsdame, was ich dann im Rahmen der Musik- und der Festspiele bin –, das sind alles private Initiativen, die die Familien mit ganz viel Kraft, mit sehr viel Aufwand und zu Anfang mit wenig Unterstützung auch durchgeführt haben. Und ich denke, wir sollten diese Möglichkeit der zielgenauen Unterstützung, eine personenkonzentrierte Beratung während der Programms, der Laufzeit von pik, durchaus nutzen. Mindestens ein Mentee mit Behinderung sollte pro Jahr bis 2025 erfolgreich für das Mentoring-Programm hier aus Mecklenburg-Vorpommern ausgewählt werden. Mentoren werden wiederum auf Vorschlag der Mentees gewonnen, und das Rennen um die begehrten Förderplätze hat begonnen. Die Bewerbungsfrist endet im Februar 2023 für den ersten Jahrgang. Also, um den Einstieg in das Bewerbungsverfahren zu erleichtern, braucht es schnell eine mögliche Auswahlliste zur Orientierung für die Bewerberinnen und Bewerber, welche Mentoren auch mit Behinderungen schon erfolgreich in Führungspositionen im Kultursektor tätig sind. Es geht um erfolgreiche Rollenvorbilder, und es gibt sie. Dies könnte von der Landesregierung mit einer Webseite beispielhaft aufbereitet werden, natürlich unter Berücksichtigung von einfacher Sprache, um ihr Engagement für und mit Menschen mit Behinderungen im Kultursektor zu stärken. Ja, es ist ein Bundesprogramm. Aber was können wir hier im Land ausrichten? Genau das ist ja mein Anliegen. Viel zu oft verweisen wir in den Zuständigkeiten von Bund und Land auf Berlin. Was ist also zu tun? Bei Menschen mit Behinderungen müssen wir hier, genau hier vor unserer eigenen Haustür, starten. Ich habe das Gespräch zum Beispiel mit einer Betroffenen geführt, die Trisomie 21 hat. Sie hat Lust, sich professionalisiert in Kunst und Kultur zu entfalten. Mit pik gibt es endlich vom Bund eine Förderung von Soloselbstständigen – auch das können diese Menschen sein –, um die ersten Schritte durch ein 1:1-Mentorat in eine künstlerische Führungsposition zu erreichen. Ich wünsche mir, dass Menschen mit Behinderungen in Mecklenburg-Vorpommern, die Lust haben, sich künstlerisch zu entfalten, hier genau richtig sind. Ein Falsch gibt es nämlich in der inklusiven Kunstpraxis nicht. – Vielen Dank! Ich freue mich über Ihre Zustimmung zu unserem Antrag. (Beifall vonseiten der Fraktion der FDP, Dr. Sylva Rahm-Präger, SPD, und Anne Shepley, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
