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Dr. Anna-Konstanze Schröder

SPD 07.12.2022 Sitzungen 8/39

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Im Tollensetal bei Altentreptow befindet sich eine der 50 wichtigsten archäologischen Grabungsstätten der Welt, so konnte man es zu Jahresbeginn der „New York Times“ entnehmen. Kennen Sie vielleicht nicht, sollten Sie aber! (Zuruf von Marc Reinhardt, CDU) Im Sommer wurden die Funde im British Museum ausgestellt. Es ging um das Zeitalter von Stonehenge. Stonehenge kennen Sie sicher. Und unsere Funde lagen neben der Himmelsscheibe von Nebra. Auch das ist bekannt. Eine Präsentation im British Museum ist der Adelsschlag für Kulturschätze. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und DIE LINKE) Was sich im Tollensetal erforschen lässt, ist bedeutsam wie das Tal der Könige in Ägypten, die Angkor-Wat-Tempelanlagen in Südostasien, der Schatz des Priamos in Südwestasien, der Machu Picchu in Südamerika. Das ist Weltrang. Diese archäologischen Fundstätten sind bekannte touristische Destinationen. Um dorthin zu fahren, sparen manche Leute sogar längere Zeit, um das sehen zu können. In Mecklenburg-Vorpommern sind die Funde des Tollensetals bislang vor allem Spezialistinnen und Spezialisten bekannt. Aber jeder und jede sollte das kennen. Das gehört zur Heimatbildung in Mecklenburg-Vorpommern. Nun, was hat man da gefunden? Für die einen ist es eine alte Straßenbefestigung, viele alte Knochen und Altmetallschrott, von dem sich manches vielleicht noch auf dem Flohmarkt verhökern ließe, alles irgendwie im Sumpf versunken. Aber für Auskenner ist es die älteste Fahrbahn Mecklenburg-Vorpommerns. Man kann ja nicht Autobahn sagen, weil Autos gab es damals nicht. Diese Fahrbahn hat Nord- und Südeuropa verbunden. Es ist das größte Schlachtfeld Europas, das mit seinen Funden zeigt und belegt, was man aus Schriftquellen in anderen Teilen Europas und Nordafrikas nur mit viel Fantasie erschließen konnte, zum Beispiel: Einen Knochen, in dem eine tödliche Pfeilspitze steckt, hat man erstmals hier gefunden, auch Zusammenhänge zwischen Kriegsverwundungen und den zugehörigen Waffen wie bestimmten Keulenformen, das alles aus der Bronzezeit, also 1.300 vor Christus. Vor allem aber zeugen die Metallfunde, Metallschmuckstücke und Waffen von der internationalen Vernetzung und von einem Wohlstand, den man nun für unsere Region und eigentlich für ganz Nordeuropa in der Bronzezeit nicht mehr leugnen kann. Das revolutioniert die Geschichtsschreibung. Wir sprechen also hier von 1.300 vor Christus minus 1.000/plus 500 Jahren. Das war lange vor den Römern, vor Alexander dem Großen, aber ziemlich zeitgleich mit Ramses dem Großen. Also dieser Spruch „Als wir noch auf den Bäumen saßen …“, wenn man sich auf diese Dinge bezieht, muss revidiert werden. Darüber hinaus geben die Funde der Wissenschaft noch viele Rätsel auf, die noch gelöst werden müssen. Als Abgeordnete des Landtags würde ich mir wünschen, dass vonseiten der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auch weitere Drittmittel für diesen tollen Fundort akquiriert werden, also statt immer nur nach Landesmitteln zu rufen, sich an das schöne, groß verlängerte DFG-Projekt zu erinnern, bei weiteren EU-Programmen Gelder zu beantragen und auch umfangreichere Programme von Stiftungen zumindest mal einzuwerben, es zumindest zu probieren. Wo das Land helfen kann, tut es das sicherlich. Aber die Funde sind es wert. Denn was wir auch nicht vergessen sollten, Mecklenburg-Vorpommern ist das Geburtsland Heinrich Schliemanns, der vor 200 Jahren geboren wurde. Auch an dieser Stelle möchte ich daran noch mal erinnern. Er war ein Pionier der Feldarchäologie, quasi auch das Vorbild für diejenigen, die die ersten Funde im Tollensetal gefunden haben. Und er fand zu Schriftquellen des Trojanischen Krieges materielle Befunde, so, wie man im Tollensetal materielle Befunde zu Kriegsbeschreibungen gefunden hat, zu denen es vorher noch nichts gab. Aber zurück zum Tollensetal, denn nicht zu vergessen ist, dass es gefährdet ist. Die jahrelange Drainage in der Agrarwirtschaft lässt den Wasserspiegel sinken und damit dringt Luft in den austrocknenden Moorkörper ein, und die sorgt für Korrosion der Metallgegenstände und fördert die Zersetzung der Textilien. Also muss man sich vorstellen, man findet da über 3.000 Jahre alte Textilien bei uns um die Ecke. Auch die Klimaerhitzung trägt dazu bei, und schließlich verlagert auch die Tollense in ihrem naturbelassenen Flussbett ihren Verlauf, sodass ständig Objekte freigelegt werden, die geborgen werden müssen. Forschungen gehen weiter, ehrenamtliche Bodendenkmalpflegerinnen und Bodendenkmalpfleger, Unterwasserarchäologen und Unterwasserarchäologinnen des Landes engagieren sich für die Sicherung der Funde. Dafür gilt unser herzlicher Dank! (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD, DIE LINKE und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Und doch bleibt eben noch sehr viel zu tun. Darum stellen wir auch diesen Antrag. Das Grabungsgebiet und die Funde müssen touristisch erschlossen werden, einerseits, um sie für die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern bekannt zu machen – die Bürgerinnen und Bürger müssen wissen, was für ein Schatz in ihrer Heimat verborgen ist –, und zugleich muss es erschlossen werden als touristische Destination, als, weiß ich nicht, Machu Picchu von Deutschland. Wir wollen mal ganz groß klotzen und nicht kleckern! Dazu kommen der Schutz und die Erhaltung der im Boden verborgenen und im Moorkörper konservierten Kulturschätze. Auch Möglichkeiten der Intensivierung der bisherigen Ausgrabungen müssen untersucht und eruiert werden. Berücksichtigt werden muss ein integriertes Gesamtkonzept für die Funde im Tollensetal, gemeinsam mit dem Archäologischen Freilichtmuseum in Groß Raden und dem demnächst entstehenden Archäologischen Landesmuseum in Rostock. Federführung bei dem allen soll das Landesamt für Kultur und Denkmalpflege haben, denn hier laufen auch alle bisherigen Aktivitäten zusammen, hier werden die ehrenamtlichen Bodendenkmalpfleger vernetzt und betreut, hier werden auch die Funde aufgenommen. Natürlich sind weitere Verantwortliche einzubeziehen. Im Antrag – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – haben wir aufgeführt den Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern, die Kommunalverantwortlichen, da insbesondere die Stadt Altentreptow und das Amt Tollensetal. Dazu kommen aber auch Pädagoginnen und Pädagogen, die ehrenamtlichen Bodendenkmalpfleger/-innen, die sich zum Beispiel in der Gesellschaft für Archäologie engagieren, aber auch in der Gesellschaft für Schiffsarchäologie oder im Landesverband für Unterwasserarchäologen, nicht zu vergessen der Kreis Mecklenburgische Seenplatte und die Universität Greifswald. In Trägerschaft des Landkreises liegen 1 Million Euro Fördermittel für zwei Mitarbeitende an der Universität und eine Anschubfinanzierung für Umsetzungen vor Ort. Dieses Projekt hat eine Laufzeit von drei Jahren. Die Gelder liegen nun bereit. Die Verantwortlichen sollten hier nun zeitnah zusammenfinden, um damit loszulegen. (Zuruf vonseiten der Fraktion der CDU: Haben sie schon!) Auf dieses Projekt bezieht sich auch der Änderungsantrag der CDU. Dem Dank, der darin enthalten ist für alle Engagierten, die die Gelder zusammengetragen haben, schon ein solches Projekt formuliert haben, schließen wir uns gern an. Uns ist es aber wichtig, dass die Federführung für das Ganze neben diesem Projekt weiterhin beim Landesamt für Kultur und Denkmalpflege liegt, denn dort läuft bisher alles zusammen, (Marc Reinhardt, CDU: Dann wird ja nicht viel passieren, wie immer.) und auch über das Projekt hinaus muss ja das dort vor Ort weiter konzipiert werden. Darum werden wir diesen Antrag dann ablehnen. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und DIE LINKE – Marc Reinhardt, CDU: Aha!) Das Projekt soll es aber natürlich weiter geben, (Zuruf von Marc Reinhardt, CDU) das soll auch weiter entstehen. Es ist nur wichtig, dass eben alle Akteure an dieser Stelle gut zusammenarbeiten. Die Funde im Tollensetal reichen bis, also da hat immer mal einer was gefunden, in den 80er-Jahren wurde es systematischer. Aber Ausgrabungen begannen erst in den 2000er-Jahren, wissenschaftliche Untersuchungen erst infolge des DFG-Projektes. Erste Publikationen habe ich selbst 2015 aus dem DFG-Projekt gefunden, und ich habe sie auf Facebook geteilt, auch aus so einem Heimatstolz heraus, was es bei uns doch alles gibt, dort in der Nähe wohne ich, guckt mal, das gibt es. Ich war damals noch in der Wissenschaft aktiv, und zu meinem Erstaunen haben sich Kollegen von mir gemeldet, die in der evolutionären Anthropologie arbeiteten. Ich kriegte dann Nachrichten aus New York und Neuseeland, die fragten: Oh, du wohnst da, wann können wir dich denn mal besuchen und dort vor Ort etwas angucken? Da habe ich dann geschrieben: Na ja, das ist noch alles relativ neu, da gibt es noch nicht viel zu sehen, meldet euch später noch mal. Das Problem ist nur, jetzt, sieben Jahre später, gibt es immer noch nichts, was man zeigen könnte, außer man hat Glück, dass der Buschfunk der Bodendenkmalpfleger meldet, da sind gerade wieder Ausgrabungen, da gibt es was zu gucken. (Marc Reinhardt, CDU: Wir haben da mehr Glück gehabt.) Aber ich könnte jetzt niemanden aus New York einladen und sagen, da gibt es immer was zu sehen. Und das muss sich unbedingt ändern, (Zuruf von Marc Reinhardt, CDU) denn offensichtlich gibt es weltweit Interesse an diesen Funden. Das LAKD soll die Federführung haben. Und ich werbe hiermit darum, dass Sie unseren Antrag annehmen (Thore Stein, AfD: Schaffen die das denn?) und den Änderungsantrag ablehnen. – Vielen Dank! (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und DIE LINKE)

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