Eva-Maria Kröger
Deinen Optimismus hätte ich gerne. (Zuruf von Julian Barlen, SPD) Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wie fühlt es sich an, sich weder mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht noch mit der damit verbundenen gesellschaftlichen Rolle identifizieren zu können, vielleicht mit dem eigenen Körper und Teilen der eigenen Identität nicht im Reinen zu sein? Ich weiß es nicht. Zweifel gehören sicher dazu, Angst auch, Wut, Traurigkeit. Und viele Gespräche habe ich zu diesem Bereich des Lebens schon geführt, auch durch meine ehrenamtliche Tätigkeit. Viel gelesen habe ich, und trotzdem kann ich nur erahnen, wie sich das anfühlen muss. Die Zahl junger Menschen, die benennen können, dass sie sich nicht eindeutig als Junge oder als Mädchen empfinden, diese Anzahl steigt und somit auch der Bedarf, dass wir uns mit gebotener Ruhe, Ernsthaftigkeit und vor allem einer großen Offenheit dieser Debatte zuwenden, denn ich finde, es ist unsere gesellschaftliche Verantwortung den Kindern, den Jugendlichen und ihren Familien gegenüber, dass wir sie bestmöglich begleiten, dass wir sie stärken, dass wir sie auch beschützen und dass wir ihnen Sicherheit geben. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD, DIE LINKE und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Ich finde, diese Thematik ist sehr komplex, und eine kurze Debatte hier im Landtag wird sicherlich den hohen Ansprüchen dieses Themas auch gar nicht gerecht. Der Absender des Antrages, die AfD, ist zudem, wie wir jetzt ja auch schon deutlich gehört haben, gar nicht daran interessiert, an der Seite von Trans- und Intermenschen zu stehen, und der AfD geht es nicht um das an dieser Stelle so wichtige sachliche Gespräch, die nötige gesellschaftliche, rechtliche, medizinische, psychologische und auch staatliche Unterstützung. Nein, der AfD geht es darum, Nonkonformität zu bekämpfen, ein tradiertes Familien- und Lebensbild zu bewahren, Ängste vor Veränderung zu schüren und jede Chance zu nutzen, Geschlechterforschung und Geschlechtervielfalt zu bekämpfen. (Zuruf von Jan-Phillip Tadsen, AfD) Und an die AfD gerichtet: Vielleicht denken Sie mal darüber nach, ob die in der Gesellschaft vorhandenen und übrigens auch von Ihnen immer wieder betonten sexistischen Rollenbilder für Jungen und Mädchen nicht auch mögliche Ursachen sind (Horst Förster, AfD: Was? Was ist das für ein Blödsinn?!) für ein Unwohlsein mit der jeweils zugewiesenen Geschlechterrolle. (Horst Förster, AfD: Was ist denn das für eine Unterstellung?) Zum Thema: In der Fachwelt – und das haben wir von Frau Hoffmeister schon gehört – wird der Einsatz von Hormonen zur Verschiebung der Pubertät oder zur Geschlechtsangleichung sehr kontrovers diskutiert, sowohl der Zeitpunkt der Einnahme, Form und Inhalt der begleitenden Beratungen, die Langzeitwirkungen, aber eben auch die Risiken eines Abwartens. Für Hormontherapien gibt es keine gesetzliche Regelung, sondern medizinische Leitlinien bilden hier die Grundlage. Und aktuell wird unter großer fachlicher Begleitung auch eine neue Leitlinie zu dem Thema abgestimmt. In der Praxis – auch das haben wir schon gehört, und das will ich hier auch noch mal untermalen – tragen Ärztinnen und Ärzte eine sehr große Verantwortung. Ihre Fachkenntnisse und eine zugewandte Beratung und Behandlung sind enorm wichtig. Und es ist oft unglaublich schwierig, geeignete Mediziner/-innen zu finden, erst recht außerhalb großer Städte. Es ist ganz schwierig, Ärztinnen und Ärzte kontaktieren zu können, aufsuchen zu können, wenn man mit dieser Herausforderung leben muss. Sie wissen oder Sie müssen wissen, dass die Pubertät von vielen Transjugendlichen als sehr große Not erlebt wird, weil der Körper sich verändert, und das eben in eine Richtung, die im Zweifel die falsche ist. Währenddessen fehlen Schutzräume, es kommen Ängste auf vor Umkleidesituationen beim Sport, es kommt zu Mobbing, es fehlt eine Sensibilität bei manchen Lehrkräften, und wenn dann in der Nähe auch keine Beratungsstelle vorhanden ist, dann sind die jungen Menschen sehr schnell sehr alleingelassen. Und glauben Sie mir, auch ich habe mit jungen Menschen gesprochen, die zum Kreis der Trans- und Interpersonen gehören, und das geht einem schon ganz schön unter die Haut, wie emotional das Thema ist, was das mit dir macht, was das mit deiner Familie macht und vor allem, wie alleingelassen du dich fühlst. Mein Fazit: Ja, es existieren kontroverse wissenschaftliche Ansichten, denen werden wir hier in der Kürze der Zeit nicht gerecht. Als LINKE stehen wir für den respektvollen und würdevollen Umgang mit Transkindern und -jugendlichen. Wir fordern mehr nicht binäre beziehungsweise gendersensible Konzepte für unsere Bildungseinrichtungen und für den Sport. Forschung und Beratung sind viel wichtiger als Verbote und Verurteilungen. Und es ist Zeit, dass wir endlich die bereits beschlossene Transberatungsstelle einrichten. (Torsten Koplin, DIE LINKE: Ja.) Für uns steht hier das Wohl der jungen Menschen im Mittelpunkt, und deshalb lehnen wir diesen AfD-Antrag auch ab. – Vielen Dank! (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD, DIE LINKE und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
