Jutta Wegner
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Der Antrag von SPD und LINKE widmet sich einem wichtigen Thema, der bevorstehenden Änderung des Erwerbspersonenpotenzials in Deutschland in den kommenden Jahren. Dass es eine große Herausforderung nicht nur für die Wirtschaft, sondern für alle Gesellschaftsbereiche ist, darüber besteht hier im Saal sicherlich Einigkeit. Sie haben es eben auch schon alle betont. Deshalb ist auch die Feststellung im ersten Teil des Antrags, wonach Unternehmen künftig verstärkt auf die Arbeits- und Innovationskraft älterer Mitarbeiter zurückgreifen müssen, richtig. Mehr denn je sind die Unternehmen gefordert, dem Mangel an Arbeitskräften flexibel zu begegnen. Dazu gehört auch, älteren Menschen, die arbeiten wollen und grundsätzlich ausreichend qualifiziert sind, ein gutes Angebot zu machen. Ältere Arbeitnehmer/-innen zu verschmähen, wird man sich als Unternehmen künftig immer weniger leisten können. Und das wissen auch schon viele Arbeitgeber/-innen, insbesondere – und das ist im Begründungsteil des Antrags auch richtig dargelegt –, da Ältere entgegen manch landläufiger Meinung keineswegs weniger produktiv sind im Vergleich zu jüngeren Mitarbeitern. Das zeigen entsprechende Forschungen ganz klar, das Lebensalter sagt nur bedingt etwas über die Leistungsfähigkeit einer Person aus. Die Potenziale bei älteren Arbeitnehmern sichtbar zu machen und zu fördern, ist daher grundsätzlich gut. Schaut man sich den Antrag aber genauer an, bleibt man etwas verwundert zurück. Wieso ausgerechnet Akademiker/-innen hier im Fokus stehen, erschließt sich mit Blick in die Statistik und die Ergebnisse der Arbeitsmarktforschung nicht wirklich. Das ist hier schon mehrfach erwähnt worden. Ein Blick auf die qualifikationsspezifischen Arbeitslosenquoten zeigt, dass die Gruppe der Akademiker/-innen grundsätzlich die geringste Arbeitslosenquote aufweist. Das gilt für die gesamte Bundesrepublik wie auch für Mecklenburg-Vorpommern. Laut Bundesagentur für Arbeit lag die Arbeitslosenquote bei Akademiker/- innen in M-V 2021 bei 2,7 Prozent, die Arbeitslosenquote insgesamt bei 7,6 Prozent. Zudem dauert bei Akademiker/-innen die Phase der Arbeitslosigkeit durchschnittlich am kürzesten im Vergleich zu anderen Qualifikationsgruppen. Ferner zeigen die Statistiken für Oktober 2022, dass in Mecklenburg-Vorpommern in der Gruppe der arbeitslosen Akademiker/-innen über die Hälfte Arbeitslosengeld I bezieht, also kurzfristig arbeitslos ist, während Arbeitslose mit betrieblicher Ausbildung beziehungsweise ohne Ausbildung anteilig deutlich häufiger langzeitarbeitslos sind. Kurzum, auch unter Akademiker/-innen gibt es Arbeitslosigkeit, aber im Vergleich zu anderen Personengruppen in dieser Gruppe eher gering. Das dort brachliegende Potenzial heben zu wollen, ist zwar grundsätzlich ein unterstützenswerter Ansatz, wird aber von den Arbeitsagenturen – auch das wurde schon gesagt – schon in hohem Maße praktiziert. Deshalb sollten unserer Ansicht nach sowohl Förderbemühungen als auch Fördermittel eher den Gruppen zugutekommen, die es wirklich brauchen: (Beifall Constanze Oehlrich, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Schulabbrecher, Menschen ohne abgeschlossene Berufsausbildung, die übrigens um ein Vielfaches häufiger arbeitslos sind als Hochschulabsolvent/-innen, und vor allem die Menschen mit Migrationshintergrund im Land benötigen weitaus mehr Unterstützung, um ihre Beschäftigungsfähigkeit, wie es im Antrag so schön heißt, nachhaltig zu erhöhen. Diese Gruppen stellen auch zahlenmäßig ein weitaus größeres Potenzial dar, das es zu heben gilt. Arbeitsmarktprojekte sollten deshalb auch auf diese Gruppen fokussiert werden. Besonders überrascht hat mich, dass die von diesem Landtag in Auftrag gegebene Arbeitsmarkt- und Fachkräfteanalyse nun gezielt auch das Potenzial arbeitsloser Akademiker/-innen in M-V untersuchen soll. Eigentlich hatte ich gedacht, dass diese Untersuchung längst in Auftrag gegeben ist. Nein, eigentlich hatte ich gedacht, wir bekommen bald Ergebnisse. Stattdessen stellt sich jetzt heraus, dass Sie der in Auftrag gegebenen Studie beziehungsweise den Auftragnehmer/-innen nicht zutrauen, dass sie eine auftragsentsprechende Studie erstellen können, und müssen jetzt nachbessern. (Henning Foerster, DIE LINKE: Das ist ja albern.) Ursprünglich ging es Ihnen darum, und ich zitiere, „auf der Grundlage der Ergebnisse konkrete Maßnahmen und Projekte zu benennen, die dazu geeignet sind, von Langzeitarbeitslosigkeit betroffenen Personen eine Perspektive auf Integration in den Arbeitsmarkt zu eröffnen“. Diesen neuerlichen Antrag zu diesem Thema verstehe ich deshalb nicht. Entweder, die hier genannte Gruppe gehört zu den im Ursprungsantrag genannten Personengruppen und wir können in Ruhe die Ergebnisse der Studie abwarten, oder Sie wussten bei Ihrem ursprünglichen Antrag gar nicht so ganz genau, was Sie eigentlich wollten. Bereits im März hatte ich Ihnen ja gesagt, dass es Berge von Studien gibt. Auch dieser Personenkreis ist untersucht. Wir müssen aus den Ergebnissen der vorliegenden Studien endlich Konsequenzen ziehen. (Beifall Constanze Oehlrich, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Mit dem, was Sie hier veranstalten, drängt sich mir der Eindruck auf, Sie wissen nicht, was Sie tun, und Sie wissen nicht, was Sie wollen. Wir werden uns enthalten. – Vielen Dank! (Beifall Constanze Oehlrich, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
