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Sabine Enseleit

FDP 09.11.2022 Sitzungen 8/35

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete! Wenn ich Ihren Antrag lese, sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen der AfD, dann gruselt es mich. (Beifall vonseiten der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Und es tut mir um die Kinder und Jugendlichen leid, die jetzt schon im Hamsterrad der Notenerlangung kaum zur Ruhe kommen, in einer aufwühlenden Zeit des Erwachsenwerdens, wo man bekanntermaßen und zu Recht als Jugendlicher auch noch ein paar andere Interessen hat als die Schule. Die Bestrebung, den Zugang zu Bildung zu reglementieren, gab es in der Geschichte immer wieder, je nachdem, in welchem Bereich gerade ein Mangel zu verzeichnen war, auch übrigens in den alten Bundesländern. Ich habe selbst erleben dürfen, wie in den 80er-Jahren versucht wurde, der beginnenden Akademisierungswelle entgegenzutreten. Damals haben die Lehrer entschieden, wer auf das Gymnasium darf und wer nicht. Nicht verwunderlich, dass es hauptsächlich die Kinder von Ärzten, Lehrern und Unternehmern waren, die eine solche Empfehlung bekommen haben. (Zuruf von Enrico Schult, AfD) Die Kinder aus der Arbeiterklasse wurden wieder dorthin zurückgeschickt, wo sie herkamen. Ich kenne nicht wenige Beispiele, wo junge Menschen sich mühsam auf dem zweiten Bildungsweg die ihnen versagte gymnasiale Ausbildung zurückholen mussten. Dabei muss man auch im Blick behalten, dass Kinder aus Arbeiter- oder anderen bildungsferneren Familien oft erst im Laufe ihrer Bildungsbiografie lernen zu lernen und sich das Wissen, was in Akademikerhaushalten beim Abendessen beziehungsweise im Alltag nebenbei besprochen wird, erst mühsam erarbeiten müssen. Wer also entscheidet, wer für welche Schulart geeignet ist? Kinder aus Akademikerfamilien studieren wesentlich häufiger als Kinder aus Arbeiterfamilien beziehungsweise bildungsferneren Schichten. Mit Ihrer Gesetzesänderung werden Sie diesen Trend weiter befördern und der Bildungsgerechtigkeit den Boden entziehen. Auch weiß man inzwischen, dass Noten alleine nichts über den Bildungsstand oder die Befähigung aussagen, den einen oder anderen Beruf auszuüben. Mit Ihrem Antrag versuchen Sie, nur noch mehr Druck auf die Familien und Kinder auszuüben. Sie sollten sich vielmehr damit beschäftigen, warum Mecklenburg-Vorpommern weiterhin eine so hohe Anzahl an Schulabbrechern aufweist. Diese Anteile liegen in Ostdeutschland insgesamt über denen in den westlichen Bundesländern. Die Zahl der Schulabbrecher ist in Mecklenburg-Vorpommern nach einem Rückgang im vergangenen Jahr jetzt wieder gestiegen. Im Juni verließen 1.075 Jugendliche die allgemeinbildenden Schulen mit weniger als der Berufsreife, so das Statistische Landesamt. Von ihnen haben 646 gar keinen Abschluss und 429 einen Förderschulabschluss, der ebenfalls nicht zur nahtlosen Aufnahme einer Berufsausbildung berechtigt. Im bundesweiten Vergleich gelten diese Jugendlichen deshalb ebenfalls als Schulabbrecher. Seit Jahren findet das Land keine adäquaten Antworten, warum diese Zahlen weiterhin so hoch sind. Ja, uns fehlen Menschen, die eine Ausbildung im Handwerk beginnen, aber wer das ist, sollte bitte nicht die AfD entscheiden. Statt also die Anzahl der Abiturientinnen und Abiturienten künstlich zu begrenzen, wie Sie es in Ihrem Antrag vorsehen, sollten Sie sich darüber freuen, dass so viele junge Menschen so bildungsorientiert und lernwillig sind, (Zuruf von Horst Förster, AfD) und sich um diejenigen kümmern, die sich offenbar in unserem Schulsystem besonders schwertun, und das oftmals aus vielfältigen Gründen. In diesem Zusammenhang sollten wir uns auch selbstkritisch fragen, ob unser Schulsystem mit seiner Pädagogik, seinen Lehrinhalten und seinen Schulformen noch in die heutige Zeit passt, warum wir es damit nicht schaffen, alle Kinder mitzunehmen. Und wir müssen uns selbstkritisch fragen, ob wir genug tun, um die Wahl einer Ausbildung attraktiv zu machen, ob wir die verschiedenen Ausbildungen genug bewerben, bekanntmachen und Entwicklungsmöglichkeiten aufzeigen. Viele Handwerksmeister haben als Unternehmer heute oftmals ein deutlich höheres Einkommen als Akademiker. Auch darüber sollten wir mehr sprechen und den Weg in die Selbstständigkeit bewerben und ebnen. Übrigens besitzt inzwischen jeder vierte Auszubildende Abitur. Es ist also nicht so, dass jeder Abiturient auch automatisch ein Hochschulstudium anstrebt. Für mich und meine Fraktion ist ganz klar, jeder beziehungsweise jede entscheidet selbst, wie viel und welche Art der Bildung er oder sie für sich als richtig erachtet, unabhängig davon, wo er oder sie damit hinwill. (Beifall René Domke, FDP) Eingriffe und künstliche Verknappung haben, wenn überhaupt, immer nur kurzfristig Erfolge erzielt. Wir aber wollen, dass jeder in diesem Land Zugang zu der Bildung haben soll, die er oder sie möchte. Darum lehnen wir Ihren Antrag selbstverständlich ab. – Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! (Beifall vonseiten der Fraktion der FDP und Torsten Koplin, DIE LINKE)

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