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Nadine Julitz

SPD 09.11.2022 Sitzungen 8/35

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Mein Kollege Julian Barlen ist auf den oder die Anträge generell allgemein eingegangen. Ich möchte meinen Schwerpunkt im Bildungsbereich setzen. Schon bevor ich Abgeordnete hier in Mecklenburg-Vorpommern sein durfte, habe ich mich ehrenamtlich in der Jugendarbeit im Jugendweiheverein in meiner Heimat eingebracht. Ein Teil dieser Jugendarbeit bestand und besteht auch heute noch aus politischer Bildung. Gedenkstättenfahrten werden so in diesem Rahmen angeboten. Als Begleiterin war das eine der prägendsten Erfahrungen, die ich in Bezug auf Erinnerungskultur machen durfte. Ein Bus voller vierzehnjähriger Heranwachsender – und Sie können sich den Lärmpegel alle vorstellen, da fliegt auch mal was durch den Bus, laute Musik in jeder zweiten Reihe, und man musste mehrmals darauf hinweisen, dass während der Fahrt alle im Bus sitzen bleiben sollen –, es ging nach Ravensbrück. Ich selbst kenne Ravensbrück aus meiner Kindheit, meine Großeltern waren des Öfteren mit mir dort. Nach einer Führung und Gesprächen legten wir gemeinsam Rosen ab. Der Heimweg stand an. Die Rückfahrt war so ganz anders als der Hinweg: Alles war ruhig, keine Musik, kein Gegacker, stattdessen waren alle nachdenklich, ernst und still. Ich selbst war Anfang 20 zu dieser Zeit und begriff dort einmal mehr und sehr nachdrücklich, dass es kaum etwas Sinnvolleres gibt, als Geschichte so verständlich zu machen. Natürlich gehört die gute Nachbereitung dazu, Pädagogen, die wissen, wie sie auf diese Erlebnisse und Eindrücke eingehen sollten, und natürlich muss auch der Geschichtsunterricht begleiten. Aber eines ist klar, diese Art von Erinnern und Aufarbeiten ist wichtig. Ich habe gestern Abend in Waren Stolpersteine geputzt und habe erfahren, dass auch Schülerinnen und Schüler in der vergangenen Woche dort waren. Sie haben nicht nur geputzt, sondern sich auch mit den Menschen und deren Geschichten beschäftigt. Dabei ist die Aufarbeitung der Stadt beispielhaft für gelebte Erinnerungsarbeit. Das niedrigschwellige Angebot mittels eines Flyers mit Karte der verlegten Stolpersteine und den Geschichten hinter diesen Menschen, die mitten unter uns lebten, ist dabei natürlich hilfreich. Tolle Projekte mit der Verknüpfung der Medienbildung und Zeitzeugen, die immer mehr aus unserem Bild verschwinden, sind nur weitere Beispiele, wie Träger diese Herausforderungen der Bildungsarbeit angehen. Aber tatsächlich stehen wir vor großen Herausforderungen. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber bei Festveranstaltungen zu Tagen des Gedenkens vor Ort in den Kommunen sieht man seit oder sieht man alle Jahre zumeist immer die gleichen Menschen. Und keine Frage, darüber freuen wir uns, aber es ist ja kein Geheimnis, dass dies oft nicht den jüngeren Teil der Gesellschaft betrifft. Wie also halten wir Erinnerung wach? Wie verhindern wir vor allem, dass sich Geschichte wiederholt? Wie begegnen wir Antisemitismus im Alltag? Was können wir tun, damit dieser auch als solcher erkannt wird? Für uns ist klar, Gedenkstätten, Bildungsarbeit bilden dabei einen zentralen Punkt der Aufarbeitungskultur. Die pädagogische Bildungsarbeit dabei ist besonders wichtig. Die Möglichkeit des Austausches junger Menschen, auch und gerade im Heute, um das Leben von Jüdinnen und Juden eben nicht nur auf den Holocaust zu begrenzen, muss möglichst niedrigschwellig sein. Schule ist dabei ein wichtiger Partner. Lehrerinnen und Lehrer, Pädagogen müssen in ihrem Engagement in dieser wichtigen Arbeit möglichst gut unterstützt werden. Um Rassismus und Antisemitismus auch als solchen zu erkennen und reagieren zu können, müssen natürlich alle sensibilisiert sein und wissen, wann dieser als solcher zu erkennen ist. Initiativen, die gute Ideen haben, Zeitzeugengespräche nachhaltig festzuhalten, müssen besonders unterstützt werden. Aber es gibt Hoffnung: Kinder und Jugendliche sind viel offener, andere Lebensweisen verschrecken sie nicht, sondern sie machen sie neugierig. Gute Bildungsarbeit, Aufarbeitungs- und Erinnerungskultur sind der Schlüssel, Antisemitismus vorzugreifen. Wir alle wissen um die fortwährenden Anstrengungen und wir werden bei jeder Kranzniederlegung daran erinnert: „Nie wieder!“ (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD, CDU, DIE LINKE, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und FDP)

Alle Reden von Nadine Julitz Protokoll ↗