Barbara Becker-Hornickel
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren Abgeordnete! Herr Koplin, es wird nicht oft vorkommen, dass ich mich Ihren Worten anschließe, und dann schon zu Beginn meiner Rede, (Heiterkeit vonseiten der Fraktion DIE LINKE) also mit dem, womit Sie aufgehört haben, wo Sie sich furchtbar darüber geärgert haben … (Torsten Koplin, DIE LINKE: Ich weiß das zu schätzen und finde es trotzdem schade.) Na ja, die Zeit ist ja noch lang. Vielleicht kommen Sie dann zu uns. Eine meiner ersten Begegnungen, Erfahrungen im Petitionsausschuss, das war die Begegnung mit ME/CFS-Patienten. Patienten, die in der Mitte des Lebens standen, kamen zu Wort, Menschen, die aufgrund ihrer Erkrankung nicht mehr am gesellschaftlichen Leben teilnehmen konnten. Sie nannten sich selbst „die Unsichtbaren“. Wir hatten Patient/-innen, die lagen, die konnten nicht aufstehen, sie konnten sich nicht versorgen. Es war unglaublich bedrückend, wenn so Selbstverständlichkeiten, morgens aufzustehen, in den Spiegel zu schauen und sich selber zu erkennen und überhaupt ein ganz normales Leben zu führen, für diese Menschen schlicht und einfach nicht mehr möglich waren. Und schon damals gab es eine erste Anhörung von Spezialisten. Und das hatte gezeigt, die Ursachen der Erkrankung sind unerforscht, Behandlungen oder gar Heilung nahezu unmöglich, eine Therapie existiert nicht. Mittel zur Forschung sind dringend erforderlich. Und jetzt erfahren wir aus unseren Wahlkreisen, aus der Öffentlichkeit, E-Mails und Briefen – wir wurden, glaube ich, alle von denselben Menschen angeschrieben, die uns um Hilfe bitten, da Spätfolgen einer Corona-Erkrankung immer häufiger auftauchen –, die Symptome schnelle Erschöpfung, Konzentrationsprobleme, Depression, ich will nicht alles noch mal wiederholen, sind Folgen, die den Menschen außerordentlich schwer zu schaffen machen. Und es trifft auch hier wieder Menschen, die aus ihrem aktiven Leben herausgerissen werden und einfach nur eines wollen, Sie wollen ihr Leben wiederhaben, sie wollen ihr selbstbestimmtes Leben weiterführen. Die Krankheitsbilder von ME/CFS und Long Covid, das haben wir jetzt ausreichend gehört, ähneln sich. Ein Engagement zur Erforschung und Therapie von Long Covid ist gleichzeitig ein Engagement und Hoffnung für ME/CFS-Patienten. Meine Damen und Herren, um ausreichend Erkenntnisse über diese Erkrankung zu sammeln, müssen wir gemeinsam das Long-Covid-Register nutzen. Hier werden die Fälle systematisch erfasst und analysiert. Das Register kann helfen, Krankheitssymptome besonders für Hausärzte zu erkennen. Wir haben erfahren, dass viele Patienten – auch das war schon Thema hier – nicht entsprechend behandelt werden. Sie treffen doch auf relatives Unverständnis, was sie denn da so vortragen. Und die Forschungsstudien über Long Covid müssen dringend auf den Weg gebracht und dauerhaft gefördert werden. Eine zielgenaue Diagnose und Therapie verhindert langes Leiden. Es ist hervorragend, dass in Rostock nun ein Long-Covid-Institut unter der Leitung von Professorin Jördis Frommhold entsteht. Dieses Institut kann in unserem Bundesland, in Deutschland, aber auch weltweit bei der Bekämpfung und Therapie von Long Covid und – so ist unsere ganz große Hoffnung – auch bei ME/CFS helfen. Weiterhin brauchen wir Zentren der Behandlung wie in der MEDIAN Klinik Heiligendamm und den Post-Covid-Ambulanzen in den Universitätsklinika. Wir sagen, Mecklenburg-Vorpommern ist Gesundheitsland. Unsere Kliniken und Universitäten haben einen großen Anteil an der Versorgung im Land. Und wir können innovative Strukturen in der Gesundheitswirtschaft aufweisen. Ich erinnere an BioCon Valley und an bedeutende Branchennetzwerke. Die bereits existierenden Strukturen unterstützen den Aufbau zur Forschung von Long Covid. Zudem sind unsere Erholungsgebiete – das spielt auch eine Rolle –, die vielen Reha-Standorte und Kliniken ein zusätzlicher Faktor. Ein Antrag aus dem Landesparlament Thüringen – das muss erlaubt sein – ist ein Antrag der Freien Demokraten. Hier werden unter anderem systematische Fort- und Weiterbildungen für Ärzte gefordert. ME/CFS soll in den Nationalen Kompetenzbasierten Lernzielkatalog aufgenommen werden sowie im Lehrplan des Medizinstudiums verankert werden. Außerdem soll eine Aufklärungs- und Sensibilisierungskampagne auf die Situation der Betroffenen aufmerksam machen, um Akzeptanz und Verständnis zu verbessern, durchaus eine Blaupause für die Bekämpfung von ME/CFS und Long Covid. Lassen Sie uns gemeinsam daran arbeiten – und ich denke, die Strukturen und die Chancen, wie ich das heute wahrgenommen habe, stehen hier außerordentlich gut –, lassen Sie uns gemeinsam daran arbeiten, dass wir die Long-Covid-Patienten optimal versorgen! Nehmen wir diese Menschen ernst! Sie fühlen sich oft hilflos und alleingelassen. Nutzen wir auch hier durch kluge Investitionen unser Gesundheitssystem! Schonen wir durch jetzt rechtzeitiges Reagieren und Handeln alle möglichen Ressourcen, dass wir die gesellschaftlichen Kosten, die durch Long Covid entstehen können, reduzieren und beherrschen! Ich sage schlicht und einfach: Lassen Sie uns nicht länger warten, wir werden dabei sein. – Danke! (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD, DIE LINKE, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und FDP)
