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Torsten Koplin

Die Linke 05.10.2022 Sitzungen 8/32

Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Harry Glawe, wir haben so manchen Strauß ausgefochten zu gesundheitspolitischen Themen, aber Respekt, da sind wir ganz dicht beieinander, und das lässt auch hoffen, dass wir zu einem Beschluss im November kommen, was die besagten Leuchttürme betrifft, mit einer sehr großen Mehrheit. Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Meine Fraktion erreichen immer wieder E-Mails und Briefe von Menschen, die nicht mehr ein noch aus wissen. Der Grund: Entweder sind sie selbst oder enge Familienangehörige am Long- oder Post-Covid-Syndrom erkrankt. Diese Menschen berichten von ihrer Odyssee durch die Arztpraxen, von gelegentlich ratlosen Medizinerinnen und Medizinern, davon, manchmal nicht ernst genommen zu werden. „Das ist alles nur psychisch“, heißt es dann. Sie berichten von verständnislosen Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern, von der Hoffnung auf Heilung und von der Verzweiflung darüber, dass es diese im Moment einfach noch nicht gibt. Angesichts dessen ist gar von einer „Pandemie der Unbehandelten“ die Rede. Diese Beschreibungen und die dahinterstehenden Leidenswege sind sehr bedrückend. Es muss furchtbar sein, wenn sie von einem Tag auf den anderen nur noch 40 Prozent ihrer Leistung, ihres Leistungsvermögens zur Verfügung haben, an schlechten Tagen sogar deutlich weniger. Und damit nicht genug, denn mit Long Covid geht ein Mix verschiedenster Symptome einher, neben der körperlichen und geistigen Erschöpfung etwa Atemnot, Konzentrations- und Gedächtnisprobleme, Störungen der Nerven- und Muskelfunktionen oder depressive Verstimmungen und Angstzustände. Nach Angaben der Greifswalder Professorin Dr. Anke Steinmetz beklagen die dortigen Long-Covid-Patientinnen und -Patienten im Durchschnitt mehr als fünf verschiedene Symptome, manche sogar mehr als zehn. Von solchen Langzeitfolgen einer Covid-19-Erkrankung sind Menschen aller Altersgruppen betroffen, Kinder und Jugendliche, Erwachsene und ältere Menschen. Wenn ich von Kindern und Jugendlichen rede, dann gucke ich gleich zu Ihnen, Herr de Jesus Fernandes, weil ich habe überlegt, wo redet es ihn hin. (Heiterkeit vonseiten der Fraktion DIE LINKE) Sie wollten im Grunde genommen einen Unterschied konstruieren in unserer Sicht auf die Behandlung von Kindern und Jugendlichen, ziehen dazu die DAK-Studie zu den Depressionen von Kindern und Jugendlichen. Allein durch die Tatsache, dass es diese Studie gibt – und Sie wissen darum, dass wir in enger Beziehung auch mit dieser Krankenkasse stehen –, hat die gesundheitliche Situation von Kindern und Jugendlichen grundsätzlich eine ganz, ganz hohe Priorität, hohe Wertschätzung, was die Behandlung betrifft seitens der Regierung. Da können Sie versichert sein, da brauchen Sie auf keinen Fall etwas zu konstruieren, was nicht da ist, Herr de Jesus Fernandes. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und DIE LINKE – Zuruf von Thomas de Jesus Fernandes, AfD) Auch wenn die Zahlen mangels ausreichender Datenlage noch mit Vorsicht zu betrachten sind, schätzen aktuelle Studien, dass circa 10 bis 15 Prozent der Corona-Patientinnen und -Patienten am Long- oder Post-Covid-Syndrom leiden. Der absolute Großteil ist im erwerbsfähigen Alter. Für Mecklenburg-Vorpommern gehen die Expertinnen und Experten der Unimedizin Greifswald aktuell von mindestens 70.000 potenziellen Long-Covid-Betroffenen aus. Dabei scheint es Frauen häufiger zu treffen als Männer. Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, diejenigen, die sich an uns wenden, wollen zunächst einmal wahr- und ernst genommen werden. Das ist mit warmen Worten aber nicht getan, denn von uns als Politikerinnen und Politikern fordern diese Menschen in allererster Linie die Bereitstellung von Mitteln für die Erforschung von Therapie- und Heilverfahren. Und ich finde, das fordern sie mit gutem Recht. Daher freue ich mich sehr, dass uns im Finanzausschuss zumindest gelungen ist, über den MV-Schutzfonds eine Kombination aus Grundlagenforschung, Versorgungsforschung und Therapieerprobung an den Universitätsmedizinen Greifswald und Rostock in Aussicht zu stellen. Und das wird hier im November unter anderem Gegenstand der parlamentarischen Debatte sein. Darüber hinaus werden wir die zwingend notwendige interdisziplinäre Diagnostik an den universitären Spitzenambulanzen sichern und durch eine sektorenübergreifende Vernetzung von Allgemeinmedizinern, verschiedenster Fachärztinnen und Fachärzte und dem kürzlich eröffneten Long-Covid-Institut in Rostock weiter ausbauen. Auch dazu möchte ich etwas sagen, weil es einen Redebeitrag gab, der das Engagement der Landesregierung hinsichtlich dieses Instituts so ein bisschen verächtlich machen wollte. (Zuruf von Thomas de Jesus Fernandes, AfD) Unsere Fraktion hat sich in den ersten Februartagen in einer Klausur mit Frau Dr. Frommhold verständigt. Es war hochspannend, sehr interessant, hat lange Wirkung bei uns gehabt. Und natürlich steht auch für uns die Frage, an wen würden Fördergelder gehen, wo engagieren wir uns. Und wir sind zutiefst davon überzeugt, dass das Geld hier richtig investiert ist. Und manchmal muss man einfach auch neidlos anerkennen, dass es Koryphäen gibt, die sind derartig spitze, dass ihr Name immer und immer wieder Erwähnung findet, bundesweit. Und wir können, Herr de Jesus Fernandes, stolz darauf sein, (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und DIE LINKE) dass es so ist, dass wir solche Leute in unserem Land haben, in diesem Fall Frau Dr. Frommhold, die ich sehr schätze. Erfreulich ist aber auch, dass wir damit die verschiedenen, bislang parallel laufenden Aktivitäten im Land sinnvoll zusammenführen können. Außerdem soll ein Abrechnungssystem entwickelt werden, nach dem die Diagnostik und Behandlung von Post und Long Covid endlich über die Krankenkassen abgerechnet werden. Das ist für uns ein elementar wichtiger Punkt. Letzteres ist besonders hervorzuheben, denn bundesweit existieren noch immer keine Abrechnungsnummern für Long-Covid-Diagnose- und -Therapieverfahren. Für die betroffenen Patientinnen und Patienten ist es eine Zumutung, wenn notwendige medizinische Maßnahmen aufgrund von bürokratischen Hürden im Sinne einer fehlenden Finanzierungsgrundlage so nicht durchgeführt werden können. Um das zu vermeiden, sind die Medizinerinnen und Mediziner aktuell gezwungen, ihre Aufwendungen irgendwie querzufinanzieren. Ich möchte das noch mal hervorheben. Also wir sind es ja gewohnt, wir gehen zur Ärztin/zum Arzt, erfahren eine Behandlung, diese Behandlung wird entsprechend attestiert und abgerechnet. Das ist wie eine Selbstverständlichkeit. Hier gibt es das noch nicht, aber diejenigen Medizinerinnen und Mediziner, die dieses Krankheitsbild erkennen, müssen ja irgendwie diese Leistung auch honoriert bekommen. Darauf haben sie ja ein Anrecht und wir eine Fürsorgepflicht dafür. Und hier ist eine besondere Brisanz. Das ist nicht haltbar. Dafür müssen schnellstmöglich bedarfsgerechte Lösungen gefunden werden. Bedarfsgerecht, liebe Kolleginnen und Kollegen, heißt in diesem Fall individuell kalkulierbar, und zwar hinsichtlich der notwendigen Maßnahmen und der Behandlungsdauer. Mit den so beliebten Einheitspauschalen ist das bei einer derart komplexen Erkrankung nicht getan. Aus den benannten Gründen kann im Übrigen auch das Long-Covid-Institut in Rostock zunächst keine gesetzlich Versicherten aufnehmen, es sei denn, sie zahlen die Behandlung selbst beziehungsweise bekommen diese gefördert. Das muss schnellstmöglich abgestellt werden. Wir werden weder bei Long Covid noch bei irgendeiner anderen Erkrankung eine Zweiklassenmedizin zwischen privat und gesetzlich versicherten Patientinnen und Patienten akzeptieren. Frau Präsidentin! Sehr geehrte Abgeordnete! Zu guter Letzt möchte ich noch auf eine Tatsache hinweisen, die mich besonders ärgert. Durch das Phänomen Long Covid ist eine Erkrankung ins öffentliche Licht gerückt, die es bereits lange vor dem SARS-CoV-2-Virus gab. Sie trägt, das ist hier mehrfach genannt worden, den Namen „Chronisches Fatigue-Syndrom“. Es gibt noch andere Bezeichnungen, die kriege ich irgendwie doch nicht über die Lippen, ich habe es versucht, aber geht nicht. Mittlerweile ist uns das Chronische Fatigue-Syndrom als schwerste Form des Post-Covid-Syndroms bekannt. Erstmalig beschrieben wurde die Erkrankung beziehungsweise ihre Symptomatik aber bereits im Jahr 1968. Seitdem leiden Hunderttausende Menschen, aktuell sind es in Deutschland 250.000 Betroffene, darunter circa 40.000 Kinder und Jugendliche, an den lebenszerstörenden, alle Kräfte raubenden Folgen, ohne dass sich die Politik oder große Teile der Gesellschaft besonders darum gekümmert hätten – auch wir nicht! –, ein Umstand, der sicherlich auch darauf beruht, dass solche Patientinnen und Patienten aus dem sozialen Fokus verschwinden, da ihnen die Teilhabe am sozialen Leben häufig nicht mehr möglich ist. Damit stehen wir vor der Situation, dass das Chronische Fatigue-Syndrom, obwohl seit über 50 Jahren bekannt, noch immer zu wenig erforscht, dementsprechend kaum behandelbar und schon gar nicht heilbar ist. Offenbar trifft das auch hier zu, was die Long-Coviderkrankte Lehrerin Ricarda Piepenhagen in ihrem Brief an uns alle zur aktuellen Situation ihrer Leidensgenossinnen und -genossen gesagt hat, ich zitiere: „Dass wir so wenig gehört werden, hat einen einfachen Grund: Menschen, die im Bett liegen, können nicht demonstrieren gehen.“ Damit muss Schluss sein, und deshalb möchte ich zum Abschluss meiner Rede eine Botschaft an die Betroffenen aussprechen: Wir haben Sie gehört und wir nehmen Ihre Leiden ernst! (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD, DIE LINKE und Barbara Becker-Hornickel, FDP) Die Projekte – ich komme zum Schluss –, die wir nun aus Landesmitteln unterstützen werden, werden einen wichtigen Beitrag leisten, der weit über unser Bundesland hinausstrahlen dürfte. – Vielen Dank für die Aufmerksamkeit! (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und DIE LINKE)

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