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Christine Klingohr

SPD 05.10.2022 Sitzungen 8/32

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Die Corona-Pandemie war und ist eine riesengroße Herausforderung, die unser Land zu bewältigen hat. Sie hat den Menschen Unglaubliches abverlangt und ihre langfristigen Auswirkungen werden uns weiterhin in beträchtlichem Maße beschäftigen. Unser Ziel war von Anfang an, Gesundheit und Leben zu schützen, Wirtschaft und Arbeitsplätze zu sichern und den sozialen Zusammenhalt zu bewahren. Die Auswirkungen der Pandemie und die damit verbundenen Einschränkungen waren ohne Frage hart für uns alle. Mit Blick auf andere europäische Länder können wir heute im Nachhinein feststellen, dass sich der vorsichtige und verantwortungsvolle Kurs, auf den sich in Deutschland geeinigt wurde, bewährt hat. Wichtig ist, dass unser Gesundheitssystem standgehalten hat. Und wir können dankbar sein, dass Deutschland und auch Mecklenburg-Vorpommern vergleichsweise gut durch die Pandemie gekommen sind. Das haben wir den vielen Menschen aus den verschiedensten Gesundheitsberufen, der Pflege, den Expertinnen und Experten, den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und unseren vielen besonnenen und verantwortungsvollen Bürgerinnen und Bürgern zu verdanken. Gemeinsam wollen wir Mecklenburg-Vorpommern aus der Corona-Pandemie führen. Umso mehr gilt es nun, die Bewältigung der Pandemiefolgen in Angriff zu nehmen und entstandenen Schaden nach Möglichkeit zu heilen. Einen besonderen Fokus wollen wir heute auf die gesundheitlichen Folgen der Corona-Pandemie legen, sind es doch in Europa geschätzte 17 Millionen Fälle von Long Covid, davon bis zu 500.000 Fälle in Deutschland. Von den schlimmen unmittelbaren Folgen eines schweren oder sogar lebensbedrohlichen Krankheitsverlaufs wissen wir alle. Besonders kritisch sind dabei die auftretenden Funktionsstörungen der Lunge, des Herzens und der Nieren, die bis hin zum gänzlichen Versagen mehrerer Organe gehen können. Diese besonders akuten und behandlungsintensiven Erkrankungen standen zunächst natürlich im Mittelpunkt, als es darum ging, Corona-Patienten zu versorgen und unsere medizinischen Strukturen an die Erfordernisse der Pandemie anzupassen. Viel weniger Beachtung haben bisher die langfristigen gesundheitlichen Probleme gefunden, die auf eine Corona-Infektion folgen können. Ulli, 34 Jahre jung, eine gute Freundin unserer Familie, erkrankte im Februar dieses Jahres an Corona, ein ziemlich milder Verlauf, gleichzusetzen einer Erkältung. Ihre Familie mit ihrem Mann Danny und der fünfjährigen Tochter Luise haben Glück und bleiben negativ. Ulli erholt sich schnell und geht nach 14 Tagen wieder ihrer Arbeit im Gesundheitswesen nach. Alles könnte einfach sein, aber Ulli fühlt sich schon bald ganz schnell von ihrer Arbeit erschöpft und alle denken, ein bisschen mehr Erholung wird schon guttun. Wieder eine Krankschreibung, die Fragen des Arbeitgebers, wann Ulli wieder zur Arbeit kommt, wieder ein paar Tage Arbeit, denn die Verantwortung gegenüber den Kollegen ist groß. Bei Ulli wird eine Gürtelrose diagnostiziert. Nun denken alle, den Übeltäter gefunden zu haben. Dann, jetzt im Sommer, geht es gar nicht mehr bei Ulli, keine Kraft, um die einfachsten Dinge im Haushalt zu erledigen. Sie schafft es nicht mehr, ihre Tochter in die Kita zu bringen, schafft nicht, die Wäsche zu machen, das Aufräumen fällt ihr schwer. An die Versorgung ihrer Familie ist nicht zu denken. Hinzu kommen Zitteranfälle und Wortfindungsstörungen. Nur dadurch, dass in dieser Situation alle zusammenhalten und Oma und Opa für Luise einspringen, kann das Leben der kleinen Familie irgendwie weitergehen, denn der Papa von Luise ist selbstständig. Er muss arbeiten gehen, damit die Familie finanziell über die Runden kommt. Noch geht es Ulli nicht viel besser, und ich bin froh, dass wir uns diesem Thema zuwenden, um Aufklärung zu geben und die fach- und sektorenübergreifende Forschung, Therapie und Behandlungssteuerung voranzutreiben. Inzwischen wissen wir, dass auch Menschen, die zunächst einen vergleichsweise harmlosen und milden Krankheitsverlauf durchgemacht haben, infolge dieser Infektion gesundheitliche Einschränkungen erleben. Zusammengefasst werden die Symptome und Beschwerden, die den Zeitraum der akuten Krankheitsphase um mindestens vier Wochen überschreiten, unter dem Begriff „Long Covid“. Für Mecklenburg-Vorpommern ist bei vorsichtiger Schätzung derzeit von circa 70.000 Betroffenen auszugehen. Bei manchen von ihnen sind die länger anhaltenden Beschwerden nur leicht, andere Betroffene sind durch Long Covid jedoch stark in ihrem täglichen Leben eingeschränkt, bis hin zur Berufsunfähigkeit und bis hin zum Unvermögen, den eigenen Alltag zu bestreiten. Zu den Symptomen von Long Covid zählen unter anderem Erschöpfung, Kurzatmigkeit und Konzentrationsstörungen, wobei die Ausprägung wie gesagt stark variiert. Derzeit entwickelt sich ein gewisses Bewusstsein für die Langzeitfolgen von Corona-Infektionen und die Situation der Betroffenen. Dazu tragen bürgerschaftliche Initiativen und Betroffenenorganisationen bei. Im Kontext der Corona-Pandemie erhält auch das Chronische Erschöpfungssyndrom verstärkt Aufmerksamkeit. Dieses stellt eine schwere neuroimmunologische Erkrankung dar, die infolge von Infektionskrankheiten auftreten kann, eben auch nach einer Corona-Infektion. Erforscht ist dieses Syndrom bisher jedoch kaum. So hat den Petitionsausschuss des Landtages im Frühjahr eine Petition zum Thema ME/CFS erreicht. In der Petition wurde auf die Situation von Menschen aufmerksam gemacht, die an dem Chronischen Erschöpfungssyndrom leiden. Daraufhin hat der Ausschuss am 2. März eine Anhörung mit Vertreterinnen und Vertretern der Wissenschaft, von Betroffenenorganisationen und des Sozial- und Wissenschaftsministeriums durchgeführt, um die derzeitige Lage und mögliche Handlungsoptionen zu ermitteln. Der Ausschuss hat seinerzeit beschlossen, die Landesregierung solle prüfen, in welcher Weise Unterstützung – insbesondere in den Bereichen Forschung, Aufbau medizinischer Behandlungs- und Versorgungsstrukturen, Information und Aufklärung der Ärzteschaft und der Gesellschaft sowie Errichtung von Koordinierungsstellen – geleistet werden kann. Der Ausschussvorsitzende Thomas Krüger kam auf mich zu, ob wir uns auch als sozial- und gesundheitspolitische Sprecher diesem Thema widmen können. Seit dem 7. April standen wir als gesundheitspolitische Sprecher der Regierungsfraktionen und auch mit anderen demokratischen Fraktionen – ich erwähne Frau Becker-Hornickel und Herrn Dr. Terpe – in regelmäßigem Austausch mit Expertinnen und Experten auf den Gebieten der inneren Medizin und der rehabilitativen Medizin, die sich auf die Behandlung von Patienten mit Long Covid spezialisiert haben. In Zusammenarbeit mit dem Sozial- und Gesundheitsministerium haben wir die besten Möglichkeiten ausgelotet, um Menschen mit Anzeichen von Long Covid oder des Chronischen Erschöpfungssyndroms helfen zu können. Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass derzeit nicht nur ein Mangel an gesellschaftlichem Bewusstsein für die Situation von Long-Covid-Erkrankten, sondern auch an wissenschaftlichen Erkenntnissen zur Diagnostik und Therapie dieses Krankheitsbildes herrscht. Gleiches gilt für das Chronische Erschöpfungssyndrom. Seither hat das Sozial- und Gesundheitsministerium in Abstimmung mit dem Ministerium für Wissenschaft und Kultur zwei Anträge für den MV-Schutzfonds erarbeitet, die im November dem Landtag zur Entscheidung vorgelegt werden sollen. Um Forschungsprojekte zu ermöglichen und um die Kapazitäten für Behandlung und Beratung von Long-Covid-Patientinnen und -Patienten auszubauen, möchten wir den Universitätskliniken in Rostock und Greifswald über 2 Millionen Euro zur Verfügung stellen. So kann die Versorgung von Long-Covid-Patienten in Mecklenburg-Vorpommern ausgehend von den universitären Spezialambulanzen gesichert und sektorenübergreifend durch Vernetzung von Allgemeinmedizinern, Internisten, Neurologen, Pneumologen, Gastroenterologen, Arbeitsmedizinern und dem Long-Covid-Institut in Rostock ausgebaut werden. (Marc Reinhardt, CDU: Siehste!) Darüber hinaus unterstützen wir die Gründung des Instituts Long Covid in Rostock. (Marc Reinhardt, CDU: Da kann man doch mal klatschen, Mensch!) An dessen Spitze steht Frau Dr. Jördis Frommhold, Frau des Jahres 2021, die sich deutschlandweit als Expertin für Long Covid einen Namen gemacht hat. (Thomas de Jesus Fernandes, AfD: Die hat ja auch schon Buchlesungen gemacht.) Sie hat bisher mehr als 5.500 Patientinnen und Patienten mit Long Covid behandelt. Bisher gibt es kein spezialisierteres Institut in Deutschland, das sich vorrangig der Therapie und Erforschung der Long-Covid-Erkrankungen widmet. (Thomas de Jesus Fernandes, AfD: Na, na, na!) Mecklenburg-Vorpommern wird hier eine Vorreiterrolle einnehmen. Neben der Patientenberatung soll das Institut den interprofessionellen Austausch zum Thema Long Covid befördern. Die Arbeit des Instituts wird dadurch zur Verbesserung des diagnostischen und therapeutischen Umgangs mit Long Covid sowohl in der hausärztlichen Versorgung in ländlichen Gegenden als auch in den Kliniken beitragen. Zudem soll durch die Schulung und Aufklärung in Unternehmen für die Situation von Long-Covid-Betroffenen sensibilisiert werden und die Anpassung des betriebsinternen Gesundheitsmanagements unterstützt werden. Freuen wir uns bereits heute auf zwei Leuchtturmprojekte in der medizinischen Versorgung nicht nur in Mecklenburg-Vorpommern, sondern auch in ganz Deutschland! Für rundum gesunde und aktive Menschen, die bisher keine Berührungspunkte mit Long Covid oder dem Chronischen Erschöpfungssyndrom hatten, mögen die Auswirkungen dieser Erkrankungen schwer vorstellbar sein. Umso wichtiger ist es, auf die Situation all jener Menschen aufmerksam zu machen, die unter den beschriebenen Symptomen leiden. Auch zu diesem Zweck haben wir die heutige Aussprache beantragt. Gerade angesichts der Folgen der Corona-Pandemie, aber auch mit Blick auf die multiplen Krisen und Herausforderungen, denen wir uns derzeit stellen müssen, wollen wir als Regierungsfraktionen für eine Gesellschaft werben und eintreten, in der die Menschen aufeinander achten und sich helfend die Hand reichen. In diesem Sinne freut es mich, die beschriebenen Projekte mit auf den Weg zu bringen. – Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD, DIE LINKE, Dr. Harald Terpe, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, und Barbara Becker-Hornickel, FDP)

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