Jens-Holger Schneider
Wertes Präsidium! Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete! Liebe Landsleute! Liebe Tierfreunde! „Wer gegen Tiere grausam ist, kann kein guter Mensch sein.“ Dieses Zitat von Arthur Schopenhauer steht exemplarisch für das ethischmoralische Dilemma beim Thema Tierversuche. Ich nenne nur die Stichworte „Anthropozentrismus“ (also, ob der Mensch im Mittelpunkt steht) versus „Biozentrismus“ (ob jegliches Leben im Vordergrund steht). Wir als AfD-Fraktion versuchen, hier im Landtag dafür zu sensibilisieren, alternative Methoden zu Tierversuchen zu fördern. Die Wissenschaftler unseres Landes gehen in der Regel sehr verantwortungsvoll mit unseren Mitgeschöpfen um. Das zeigt die Beantwortung meiner Kleinen Anfrage vom 30.03. des Jahres, Drucksache 8/370. Dennoch waren von 2018 bis 2019 – neuere Zahlen lagen der Landesregierung nicht vor – neben verschiedenen anderen Tieren 59.377 Mäuse, 39.906 Fische und immerhin 12.030 landwirtschaftliche Nutztiere Teil dieser Versuche. In der Antwort steht auf meine Anfrage unter Punkt 7, wie viele Tiere bei Tierversuchen getötet wurden, ich zitiere: „Der überwiegende Teil der im Rahmen von Tierversuchen verwendeten Tiere wird im Verlauf der Versuche getötet. Detaillierte Angaben der Anzahl von Tieren, die im Rahmen von Tierversuchen getötet werden, liegen der Landesregierung nicht vor.“ Zitatende. Ich finde diese Zahlen erschreckend hoch, und bei meiner Recherche zum Thema habe ich festgestellt, dass quer über Partei- und Fraktionsgrenzen hinweg viele Anträge in anderen Landesparlamenten zur Problematik der Tierversuche gestellt wurden. Letztes Beispiel dafür ist ein Antrag der CDU- und SPD-Landtagsfraktionen des Saarlandes vom 10.02.2022, Drucksache 16/1915-NEU. Allerdings im Landtag in M-V, also in unserem Landtag, ist dies nicht passiert in letzter Zeit, und aus diesem Grunde haben wir uns dieser Sache angenommen und gesagt, das Thema müssen wir auf die Agenda heben. Aus dem Grundgesetz – in Artikel 20a steht der Tierschutz als Staatsziel –, dem Tierschutzgesetz und aus ethisch-moralischen Gründen, Stichwort „Pathozentrismus“, also das Leid der Mitgeschöpfe in den Vordergrund stellend, sind wir verpflichtet, alternative Methoden zu Tierversuchen zu erforschen und zu nutzen. Forschung, (Beifall vonseiten der Fraktion der AfD – Thore Stein, AfD: Genau.) Forschung benötigt Förderung, daher unser Antrag. Und ja, medizinische Forschung zum Wohle des Menschen ist richtig und wichtig und wird nicht infrage gestellt. (Zuruf vonseiten der Fraktion der AfD: Ja.) Nichtsdestotrotz haben schon 1959 zwei britische Forscher, der Zoologe William Russell und der Mikrobiologe Rex Burch, in ihrem Buch „The Principles of Humane Experimental Technique“ das sogenannte 3R-Prinzip veröffentlicht. Die darin beschriebenen Handlungsgrundsätze sollen die Zahl der Tierversuche begrenzen und das Leid der verwendeten Tiere auf ein unerlässliches Maß verringern. Die konsequente Umsetzung des 3R-Prinzips in allen Bereichen tierexperimenteller Forschung ist eine der zentralen Forderungen der Basler Deklaration, in der sich Wissenschaftler aus Deutschland, der Schweiz, Großbritannien, Frankreich und Schweden mit dieser Problematik auseinandergesetzt haben, und die Voraussetzung, dass Tierversuche von den zuständigen Behörden überhaupt genehmigt werden. Folgende Prinzipien werden im Sinne der 3R bei der Planung und Durchführung von Tierversuchen angewendet: – Replacement, also die Vermeidung Wenn möglich, werden Tierversuche durch Alternativmethoden ersetzt. Auf diese Alternativmethoden gehe ich noch ein. Es wird immer geprüft, ob es zur Beantwortung der wissenschaftlichen Fragestellung ausreicht, auf einfache Organismen wie Bakterien oder wirbellose Tiere zurückzugreifen oder Zell- und Gewebekulturen, Computermodelle oder andere Ersatzmethoden zu verwenden. – Reduction, also die Verringerung Die Anzahl der Versuchstiere wird auf ein notwendiges Minimum reduziert. Dazu tragen ein kluges Versuchsdesign und statistische und methodische Optimierungen bei. Geeignete Tiermodelle werden aufgrund von Erfahrungswerten sorgfältig ausgewählt. Durch die zentrale Erfassung der Ergebnisse aus Tierversuchen und eine gute Abstimmung zwischen Wissenschaftlern wird verhindert, dass ähnliche Versuche mehrmals gemacht werden. – Und Refinement, also die Verbesserung Die Tiere müssen artgerecht gehalten werden, also mit genügend Platz und in einer Umgebung, die ihr Wohlbefinden fördert. Durch die ständige Verbesserung der Untersuchungsmethoden, wie beispielsweise Betäubung, Narkosen und spezielles Tiertraining, werden Stress und Leiden so weit wie möglich reduziert. Die von mir angesprochenen Alternativmethoden möchte ich ebenfalls kurz erläutern. Da gibt es zum einen die Simulation in Computermodellen, computergestützte Techniken und die Künstliche Intelligenz, also die KI. Wir haben ja gestern von der Landesregierung, in der Fragestunde der Landesregierung gehört, wie sehr sich die Landesregierung bemüht, hier effektiv zu fördern. Mittels computergestützter Techniken und KI können Tierversuche abgelöst werden, indem sie die Schädlichkeit eines Stoffes berechnen oder das Fortschreiten von Krankheiten simulieren. 2018 wurde beispielsweise eine Software für Toxizitätstests entwickelt, die die Giftigkeit von Substanzen schon vor deren Entwicklung voraussagen kann. Dafür greift der Algorithmus auf Unmengen an Daten über die Molekularstruktur und Wirkungsweise chemischer Substanzen zurück. Diese Methode liefert zuverlässigere und genauere Daten und Ergebnisse als Tierversuche. Simulatoren menschlicher Patienten: Es gibt mittlerweile sehr realistische Simulatoren, die menschliche Patienten zur Einübung verschiedener Operationstechniken nachahmen. Übungen an lebenden Tieren sind somit weitestgehend unnötig. Dann gibt es das sogenannte In-vitro-Verfahren. In-vitro-Verfahren verwenden Gewebemodelle mit menschlichen Zellen. So kann beispielsweise die Toxizität von Medikamenten erforscht werden. Die entsprechenden Forschungen mittels des In-vitro-Verfahrens sind dabei wesentlich genauer als Tierversuche. Miniorgane: Auch die Entwicklung miniaturisierter menschlicher Organe trägt dazu bei, Tests an Tieren zu reduzieren. Mithilfe von 3D-Organoiden und In-vitro-Verfahren entwickelten Wissenschaftler der Universität Duisburg-Essen sogenannte Mini-Brains, an denen Wirkstoffe gegen Schlaganfälle getestet werden können. Die Forschung hierzu steckt jedoch noch in den Kinderschuhen. Wir sehen also, wie wichtig dort auch Forschungsförderung ist. Sogenannte Multi-Organ-Chips: Mittlerweile kann sogar das Wechselspiel der verschiedenen Organe miteinander simuliert werden. So kann der menschliche Organismus nachgestellt und können verschiedene Versuche, beispielsweise zu Nebenwirkungen von Medikamenten, an diesen künstlichen Organismen nachgestellt werden. Ich könnte noch viele weitere Argumente für unseren Antrag anführen, habe mich angesichts der limitierten Redezeit für das Wesentliche entschieden und bitte um Zustimmung zu unserem Antrag, und aus dem Prinzip, dass wir alle Verantwortung tragen, auch ganz im Sinne des zweiten Teils, Punkt 8, der Grundprinzipien der Deklaration von Basel. Ich zitiere: „Wir, die Unterzeichnenden, … bitten Meinungsbildner, Vertreter der Medien und Lehrer darum, heikle Fragen zur Forschung mit Tierversuchen unvoreingenommen zu diskutieren und einen ausgleichenden Dialog mit Forschern anzustreben.“ Zitatende. Als Abgeordnete des Landtages M-V sind wir solche Meinungsbildner. Ich bedanke mich für die Aufmerksamkeit und hoffe auf eine rege und faire und dem Thema angemessene Diskussion. – Vielen Dank! (Beifall vonseiten der Fraktion der AfD)
