Jutta Wegner
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Frau Ministerin Oldenburg! Meine Damen und Herren Abgeordnete! Bildung schafft die Voraussetzung für ein selbstbestimmtes Leben und für echte gesellschaftliche Teilhabe. Jedem einzelnen Kind gerecht zu werden, seine Schwächen zu kennen und Stärken zu fördern, ist die grundlegende Aufgabe einer Schule, die wie ein Dach all die anderen Herausforderungen wie Inklusion und Integration überwölbt. Dabei ist das Wort „Herausforderung“ eigentlich nur ein Euphemismus für all die Probleme, die unsere Schulen täglich zu bewältigen haben. Nicht nur die Folgen der Corona-Pandemie, verursacht durch Schulschließungen und Distanzunterricht, sondern auch die zuletzt unerwartet hinzugekommenen, aber sehr willkommenen Tausenden zusätzlichen Schülerinnen und Schüler aus der Ukraine treffen leider immer noch auf marode Schulen, in denen seit vielen Jahren zu wenig Lehrkräfte trotz allem ihr Bestes geben. Wenn ich mir Ihren Haushalt anschaue, Frau Oldenburg, denn sehe ich weder ein schlüssiges Gesamtkonzept noch eine nachhaltige Lösung unserer drängendsten Probleme, den Lehrermangel. In den nächsten Jahren wird sich die Generation der Babyboomer schrittweise in die wohlverdiente Rente verabschieden, doch ist sie es, die die derzeitige Schule trägt. 83 Prozent der Lehramtsstudierenden in Mecklenburg-Vorpommern bricht das Studium ab. Wies soll so denn dem demografischen Wandel begegnet werden? Was wir brauchen, ist eine Revidierung des Bildungssystems und des Lehramtsstudiums. Wer Lehrer wird, muss sich dessen bewusst sein, dass das Berufsziel Pädagoge ist, nicht Historiker, Linguist, Informatiker oder Biologe. Und das gibt man am Ende eben irgendwie an Kinder weiter. Nein, man wird Erzieher, Pädagoge und Mentor. Didaktik, Sonderpädagogik, Entwicklungspsychologie, das sollte im Zentrum des Studiums stehen. Erst danach erfolgt die fachspezifische Ausbildung. Dessen sollten sich die Studierenden vom ersten Tag an bewusst sein und während ihrer Ausbildung praxisorientiert auch die entsprechenden Fähigkeiten erwerben können. Selbstbestimmtes Lernen, das selbstständige Erarbeiten von Sachverhalten und nicht mehr das frontale Vermitteln, Auswendiglernen, Erbrechen und wieder Vergessen von Inhalten sollte im Zentrum eines modernen Unterrichtes stehen. (Beifall vonseiten der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Wer das erlebt hat, will selber nicht mehr Lehrer werden. Um dies zu ändern, müssen wir die Schulen aber entsprechend erneuern und ausstatten. Ich nenne nur ein einziges Beispiel, die Digitalisierung. Der Bund hat 5,5 Milliarden Euro in den DigitalPakt Schule gesteckt. 99 Millionen davon flossen nach Mecklenburg-Vorpommern. Sie haben diesen Betrag um 10 Millionen aufgestockt. Mit anderen Worten, 109 Millionen Euro stehen den Schulen in M-V für die Digitalisierung zur Verfügung. Nur fünf Prozent der Mittel wurden bisher abgerufen. Ich meine, wenn es Ihnen ernst ist, warum treiben Sie dieses Projekt nicht viel konsequenter voran? (Beifall vonseiten der Fraktionen BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und FDP) Liebe Regierungskoalition, sagen wir mal, das Bildungssystem ist ein Körper. Er ist 100 Jahre alt und er ist krank. Mit Ihrem Etat versuchen Sie, hier und da Schmerzen zu lindern, offene Wunden zusammenzunähen und Krücken zu liefern, die den Apparat stützen. Aber ich bitte Sie, erneuern Sie ihn! Schaffen Sie ein Schulsystem, das den modernen Anforderungen gerecht wird! Schaffen Sie ambitionierte Veränderungen! Revidieren Sie das Studium und setzen Sie den Schwerpunkt Ihrer Politik in eine nachhaltige Bildungspolitik, damit Chancengleichheit mehr ist als eine leere Worthülse! Und, liebe Kolleg/-innen von der AfD und auch an Sie, Frau Rösler, das erklärt vielleicht auch, warum wir keine Änderungsanträge eingebracht haben, weil mit Schönheitsreparaturen ist hier nichts getan. (Beifall vonseiten der Fraktionen BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, FDP und Daniel Peters, CDU) Wir müssen wirklich aufstocken und anfangen. – Vielen Dank! (Beifall vonseiten der Fraktionen der CDU, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und FDP)
