Nadine Julitz
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Vor wenigen Tagen begingen wir mit dem 8. Mai den Tag des Gedenkens an das Ende des Zweiten Weltkrieges. In diesem Jahr, 77 Jahre nach der Befreiung Deutschlands vom Nationalsozialismus, wurde dieser Tag überschattet, überschattet vom Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine. Unsägliches Leid, Tod, Verletzte, Angst, Flucht, Vertreibung – all den Grausamkeiten, die wir nie wieder erleben wollten, müssen wir uns heute wieder stellen. Wie in einem Albtraum wurde dieser „Tag der Hoffnung“ zum „Tag des Krieges“, so unser Bundespräsident Steinmeier in diesen Tagen. Gerade mit diesem Wissen, mit den Erinnerungen der Überlebenden, der noch verbliebenen Zeitzeugen, haben wir eine noch größere Verantwortung, den nachfolgenden Generationen dieses Andenken zu bewahren, es ihnen weiterzugeben und sie zu sensibilisieren. Wir haben die Pflicht und die Verantwortung, alles in unserer Macht Stehende zu tun, diesen fürchterlichen Krieg zu beenden und den vielen Frauen, Kindern und Männern Schutz zu geben. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und DIE LINKE) Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich bin in den letzten Wochen außerordentlich froh, dass meine Kinder noch so klein sind, dass ich ihnen nicht erklären muss, was gerade keine zwei Flugstunden von uns mitten in Europa passiert. Was ist Krieg? Warum müssen Menschen ihr Zuhause verlassen? Reichen die Bomben bis zu uns? Warum tun Menschen anderen Menschen so etwas an? Könnten Sie diese Fragen einem 7-Jährigen beantworten? Ich müsste ganz schön rudern. Zum Glück haben wir gute Bildungseinrichtungen, tolle Träger, engagierte Lehrerinnen und Lehrer, einfühlsame Erzieherinnen und Erzieher in Mecklenburg-Vorpommern, die mit guten Konzepten ganz niedrigschwellig unsere Kleinsten politisch bilden und ihnen durch Wertevermittlung und die Stärkung des Empathievermögens Essenzielles mit auf den Weg geben, denn sie sind die Erwachsenen von morgen. An dieser Stelle möchte ich allen Akteurinnen und Akteuren in der politischen Bildung, hauptamtlich oder ehrenamtlich, den ausdrücklichen Dank meiner Fraktion aussprechen. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und DIE LINKE) Ich könnte noch viele aufzählen, aber ganz besonders erwähnen möchte ich an dieser Stelle die Landeszentrale für politische Bildung und die Landesbeauftragte für Mecklenburg-Vorpommern für die Aufarbeitung der SED-Diktatur. Was hat Sie in Ihrer Jugend, im Erwachsenwerden am meisten geprägt in Bezug auf unsere Geschichte? Ich kann das ganz klar beantworten: Das waren die Erzählungen aus der Familie – besonders mein Opa kann sehr eindrücklich von der Flucht berichten – und es sind die Besuche mit der Schulklasse in Gedenkstätten und das sind durch die Schule organisierte Zeitzeugengespräche. Und noch etwas hat mich maßgeblich geprägt und mir bewusst gemacht, dass Lehrbücher hilfreich für die Wissensvermittlung sind, allerdings wenig Emotionen hervorrufen, die meiner Meinung nach aber ganz wichtig sind, um das Ausmaß des Nationalsozialismus zu begreifen. Mit Anfang 20 habe ich ehrenamtlich Jugendweiheteilnehmerinnen und Jugendweiheteilnehmer auf deren vorbereiteten Ausflügen als Betreuerin begleitet. Ein Reisebus voller 14-Jähriger Teenager – Sie können sich wahrscheinlich vorstellen, wie die Lautstärke im Bus war. Wir sind nach Ravensbrück gefahren. Dort war auch ich zur Schulzeit und auch meine Großeltern sind mit mir zweimal da gewesen. Durch Mitarbeitende wurden die jungen Menschen also nun durch dieses Gelände geführt. Und wissen Sie was? Auf der Rückfahrt war es mucksmäuschenstill, keine Musik, kein Geschrei. Die Jugendlichen haben ihre Eindrücke verarbeitet, waren tief betroffen von dem dort Gesehenen. Und das hat auch mich geprägt. Und ja, mir geht es auch heute genauso. Bei meinen Besuchen der Gedenkstätten meines Wahlkreises und darüber hinaus empfinde ich genau das Gleiche. Ich denke an Retzow, das Waldbaulager in Neubrandenburg oder das Denkmal der Friedlichen Revolution in Waren, ja, auch jeden Stolperstein. Es macht eben einen enormen Unterschied, Geschichte aus dem Buch zu lesen oder über denselben Boden zu laufen, den Handlauf zu benutzen, den so viele Gefangene benutzt haben, originale Kleidung, Kämme, Spielzeug zu sehen oder wie in Ravensbrück durch Führerhäuser zu laufen, deren Aussicht auf die Appellplätze gerichtet sind, oder aber die Spielplätze der eigenen Kinder auf dem Hinterhof, damit es keine Berührungspunkte gibt. Das alles lässt sich nur schwer aus Büchern lernen. Doch zum Glück bieten unsere Rahmenpläne für alle Schularten darüber hinaus auch die Möglichkeit, Zeitzeugengespräche zu führen, sie gemeinsam vorzubereiten und auszuwerten. Meine geschätzte Kollegin Sylvia Bretschneider hat sich immer genau für diese Art der politischen Bildung eingesetzt und so auch als Landtagspräsidentin jedes Jahr eine Schulklasse nach Ravensbrück eingeladen, um dort zwei Tage diese besondere Art der Gedenkarbeit erleben zu dürfen. Zweimal durfte ich mit meinem ehemaligen Kollegen Peter Ritter als Abgeordnete dort mit jungen Leuten und Zeitzeugen ins Gespräch kommen. Die Rosen, die wir dort gemeinsam zum Schluss in den See geworfen haben, haben immer bei allen Gänsehaut ausgelöst. Leider werden uns Zeitzeugen nicht für immer zu diesen Gesprächen zur Verfügung stehen. Daher ist es unsere Aufgabe, Erinnerungen und Mahnung an unmenschliche Gräueltaten zu bewahren. Dafür können auch themenübergreifende Projekte dienen, aufgezeichnete Zeitzeugengespräche können mit den Schülerinnen und Schülern ausgewertet werden oder gar im Rahmen der Förderung von Medienkompetenz Gespräche für die Nachwelt aufgezeichnet werden. Der Versuch, Erinnerungen zu konservieren und so festzuhalten, Darstellungen und Berichte von Zeitzeugen bieten zweifellos andere Möglichkeiten für Perspektivwechsel und das Hineinversetzen als schwarze Buchstaben auf weißem Grund in einem Lehrbuch. Darüber hinaus ist die vielfältige Gedenkstättenlandschaft in unserem Land mit ihren tollen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie ehrenamtlich Engagierten hervorzuheben. Die Erfahrungen, die junge Menschen im Rahmen von Projekttagen und Schulfahrten zu den Gedenkstätten mit ihren altersspezifischen Programmen machen, sind nicht durch eine Befassung im Klassenraum zu ersetzen. Bilder, Tonspuren, Eindrücke, Berichte, all das verbleibt bei den meisten im Kopf und kann aktiv falschen Darstellungen und geschichtsverachtenden Vergleichen entgegenwirken. Wer sich intensiv mit der Vergangenheit im Kontext politischer Bildung und Einordnung der erlangten Informationen durch pädagogisch ausgebildetes Personal befasst hat, wird weniger dazu tendieren, sich auf einer Kundgebung mit Sophie Scholl zu vergleichen. Wissen ist stark und stärkt eine plurale Gesellschaft und macht Demokratie wehrhafter. 77 Jahre nach Ende eines unmenschlichen Krieges mit einem Ausmaß an Grausamkeit, das sich durch Worte nicht beschreiben lässt, ist es auch hier ganz besonders als Generation derer, die dieses Leid nicht miterleben mussten, unsere Aufgabe, Gedenken und Mahnung wachzuhalten, nicht nur an Gedenktagen, sondern jeden Tag. Das können Kleinigkeiten wie Wachsamkeit und Klarstellungen bei geschichtlichen Falschdarstellungen sein, die uns im alltäglichen Umfeld begegnen, das kann solidarische Unterstützung für von Anfeindungen oder Beleidigungen betroffene Mitmenschen beim Einkaufen im Supermarkt oder der Fahrt im öffentlichen Nahverkehr sein. Das können auch größere Aktionen wie zivilgesellschaftliche Aktivität in Bündnissen oder Demonstrationen und Kundgebungen gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit sein. All das setzt ein Bewusstsein für geschichtliche Zusammenhänge, Ereignisse und ein gewisses Maß an Empathie voraus. Darum ist es aus unserer Sicht besonders wichtig, die Erinnerungskultur, Initiativen der politischen Bildung und das Bewusstsein für begangenes Unrecht zu stärken, denn überlebende Zeitzeugen des nationalsozialistischen Regimes und insgesamt des Zweiten Weltkrieges werden uns leider nicht für immer von den Gräueltaten des Nationalsozialismus berichten können. Es ist an uns, das Gedenken wachzuhalten, damit so etwas nie wieder passiert. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und DIE LINKE) Mit unserem Antrag wollen wir die weitere Stärkung der politischen Bildung unterstützen und bitten daher um Zustimmung zu unserem Antrag. – Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und eine gute Debatte! (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und DIE LINKE)
