Barbara Becker-Hornickel
Sehr geehrte Präsidentin! Meine Damen und Herren Abgeordnete! Seit ich zum Europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung zu Gast der Veranstaltung des Selbsthilfe M/V e. V. war, lassen mich die Menschen, die ich dort kennenlernen durfte, und ihre Geschichten einfach nicht mehr los. Auf der einen Seite ein Leben mit Handicap und auf der anderen der unbedingte Wille, das eigene Leben in die eigenen Hände zu nehmen, nein, mehr noch, auch für andere da zu sein und zu helfen. Selbsthilfe, das Wort sagt es schon, dazu wird man nicht überwiesen, da wird man nicht hingetragen, da muss man selbst sagen, ja, ich will es. (Beifall vonseiten der Fraktion der AfD und Sabine Enseleit, FDP) Ich habe dort sehr viel Kraft und Leidenschaft erlebt für die eigenen Ziele, Verbesserung der Versorgung und die zustehenden Rechte dann noch einzufordern, das zeichnete diese Diskussion aus. Die Selbsthilfe M/V in Mecklenburg-Vorpommern umfasst mehr als 20 Verbände. Das haben meine Vorredner alle schon vorgetragen, brauche ich nicht zu wiederholen. Aber ich sage es noch mal: Sie hilft Menschen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, ein zutiefst liberaler Gedanke, die eigene Vorstellung vom Leben, die noch gegebenen Chancen zu ergreifen und umzusetzen. Die Menschen organisieren sich selbst aus eigenem Antrieb. Gerade für Menschen, die neu von einer chronischen Krankheit betroffen sind, sind die Selbsthilfegruppen ein wichtiger sozialer und auch emotionaler Ankerpunkt. Das Teilen von Erfahrungen, Erlebnissen, auch Schrecknissen und deren Bewältigung kann helfen und Hoffnung geben. Sollten wir eine Studie auflegen oder auch evaluieren, wie es hier schon vorgetragen wurde, zur gesundheitlichen Selbsthilfe in Auftrag geben, dann dürfen die Ergebnisse nicht – wie doch manchmal – in einer Schublade verschwinden. Und schon jetzt wage ich vorauszusagen, dass uns das Ergebnis nicht gefallen und ein immenser Handlungsbedarf aufgezeigt wird. Was sich die Menschen in Selbsthilfegruppen mit ihren Verbänden wünschen, ist eine Politik auf Augenhöhe und kein Schaulaufen. (Beifall vonseiten der Fraktion der FDP und Thomas de Jesus Fernandes, AfD) Die Selbsthilfe M/V ergänzt und ist Bestand des Gesundheitssystems, auch dazu wurde hier schon vorgetragen. Es gibt trotzdem Dinge, die haben mich zutiefst erschüttert. Es kann doch nicht der Regelfall sein, dass Menschen, die ohnehin unter einem Handicap leiden, mehrere Monate warten müssen, um zum Beispiel eine psychiatrische Hilfe zu finden. Handlungsbedarf heißt in jedem Fall auch Finanzierungsbedarf. Die Länder, so auch unser Bundesland, fordern die Selbsthilfe, aber es ist dringend geboten, die gewährte Unterstützung auszubauen. Leider ist im aktuellen Haushalt davon wenig, nach meiner Auffassung eher nichts zu finden, jedenfalls nicht, was in die Zukunft schaut. Seit Jahren sind die Mittel eingefroren und werden lediglich fortgeschrieben. Unter den aktuellen Bedingungen sind so viele Dinge nicht mehr möglich. Ich war auch bei dieser Anhörung dabei. Wir alle haben die 79-jährige Dame erlebt, die gesagt hat, Sie sind in der Politik und ich muss Ihnen mal was ins Stammbuch schreiben. Eine 79 Jahre alte Dame, die ihre Arbeit – sie besucht im Rahmen der Selbsthilfe Menschen, die nicht mehr mobil sind, die nicht mehr irgendwo hingehen können –, aber sie kann diese Mittel, die sie aufwendet, nicht abrechnen. Das geht einfach zu ihren privaten Lasten, und – das war auch ein bisschen eigenartig, das so zu hören – wenn sie jemandem ein paar Blümchen mitbringen will, dann geht das auch aus der eigenen Tasche. Da ist nicht mehr drin. Und die Selbsthilfe lebt vom Ehrenamt und die Menschen werden immer älter. Ich glaube, das ist hier, oder im Nebensatz war das, es fehlen auch junge Menschen, die sich dort engagieren, und alle haben dort ein Recht auf Unterstützung und Anerkennung. Wenn Ergebnisse einer Studie vorliegen, verlangen wir einen ehrlichen Umgang mit den Erkenntnissen. Alle Beteiligten müssen an einen Tisch, und nicht unbedingt der eckige, sondern am runden Tisch ist der Austausch gefordert. Und es muss gesprochen werden. Ja, es muss gesprochen werden, nicht übereinander, sondern miteinander. Ich persönlich möchte mich bei allen Ehrenamtlern und Engagierten bedanken. Der Besuch bei ihnen hat trotz aller aufgezeigten Unwuchten Mut gemacht. Sie alle haben meinen höchsten Respekt. Wir stimmen diesem Antrag zu. – Danke! (Beifall vonseiten der Fraktionen der AfD, CDU und FDP)
