Dr. Harald Terpe
Ja. Also wir haben keine Überlastung des Gesundheitssystems erlebt, aber eine starke Belastung, Überlastung des Meldesystems, der Kontaktnachverfolgung und des Quarantänemanagements. Jeder weiß das, dass eine Nachverfolgung kaum möglich gewesen ist, dass die Empfehlungen zu Quarantänemaßnahmen meistens viel später eintrafen als das Selbstverantwortungsbewusstsein derjenigen, die betroffen waren, und zu Handlungen geführt haben. Die heutigen Entscheidungen auf Basis der weitgehend realistischen Daten zur Krankenhauslage sind verständlich. Ich hatte vor vier Wochen dafür plädiert, dass wir auf Sicht fahren, dass wir also nur eine Entscheidung für vier Wochen sozusagen anstreben und dann gucken, wie die Lage ist. Und heute zeigt sich, dass die Lage entspannter ist, als sie vor vier Wochen war. Und dass zufällig nun auch das Urteil des Verwaltungsgerichts dazugekommen ist und das eben in gewisser Weise jetzt juristisch bestätigt, das schmerzt mich insofern genauso wie die Kollegin Hoffmeister, dass sozusagen die Verordnungslage nicht so gerichtsfest war, wie ich es gehofft hatte. Also unabhängig von der Verordnungslage hat sich ein sehr individualisiertes Verantwortungsbewusstsein in der Bevölkerung entwickelt, bei manchen auch nicht, aber bei den meisten. Und hierfür und vor allen Dingen hierfür kann man nicht genug danken und die Vernunftbegabten nur ermutigen, ihr Verantwortungsbewusstsein beizubehalten. (Beifall Anne Shepley, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Auch wenn aktuell keine Überlastung droht, eine angespannte Lage im Krankenhaus ist aber trotzdem noch nachweisbar. Und auch deswegen sollte den medizinischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern jede Unterstützung zuteilwerden, die wir ihnen geben können. Lassen Sie mich aber auch noch auf ein paar Punkte eingehen, die ja auch in dem Antrag mit aufgeführt werden, zum Beispiel auf die Frage, wie hat sich eigentlich die Situation in den Schulen entwickelt in den letzten Wochen. Das ist ja immer eines der Hauptthemen von Anfang an in der Corona-Pandemie gewesen. Und ich denke, dass man sagen kann, dass die Entwicklung für Schüler/-innen und Lehrer/-innen ebenfalls erfreulich vorangegangen ist. Allerdings muss ich schon auch anmerken in der, in der Gesamtschau, dass verantwortungsbewusste Familien häufig eher klüger und näher an der Corona-Realität waren als vielleicht Schulverordnungen, wenn es um den Schutz von Familienangehörigen ging. Die Verkürzung von Quarantänezeiten, wie sie im Antrag auch der Regierungskoalition in Punkt X angekündigt wird, nämlich in Form einer kurzfristigen Prüfung, ist eher eine Gratwanderung. Und ich glaube, man sollte so eine Verkürzung der Quarantänezeiten nicht verordnen, allenfalls auf der Grundlage einer Prüfung. Aber die muss dann schon solide und auf soliden Daten beruhen, Empfehlungen erarbeiten. Dann wäre jetzt vielleicht noch die Möglichkeit, kurz auch etwas zu resümieren. Zwei Jahre Pandemie – man kann, glaube ich, mit Recht sagen, dass Deutschland insgesamt und Mecklenburg-Vorpommern auch relativ gut durch die Pandemie im Vergleich zu anderen Staaten und Regionen in Europa gekommen sind. Wenn wir nach Westeuropa gucken und auch nach Osteuropa, liegen die Zahlen im Durchschnitt höher, in Frankreich, Großbritannien, Italien, Spanien, aber auch in Osteuropa sogar noch höher, als wir sie in Deutschland erlebt haben, sowohl, was die Krankenhausfälle betrifft, als auch, was die Todesfälle betrifft. Die Corona-Pandemie, kann man sagen, hat uns erstmalig im Übrigen eine weltweite realitätsnahe, man kann fast sagen, Livedokumentation des Infektionskrankheitsgeschehens gebracht, denn das, was wir über die Spanische Grippe, die ja angesprochen wurde, das sind alles Daten, die man im Nachhinein erst hatte. Und wir haben eigentlich durch die Meldungen, die Zahlen, durch die Statistik erstmalig ein Virusinfektionsgeschehen dokumentiert und erstaunliche, glaube ich, auch Erkenntnisse gewinnen können, denn diese Virusinfektion ist auf eine unimmunisierte Bevölkerung getroffen. Und wir konnten feststellen, dass es Erregerbesonderheiten gegeben hat, nämlich natürlich kein Massensterben wie bei Seuchen des Mittelalters, aber die Mortalität oder auch Letalität schien es nicht verantwortbar zu machen, die Pandemie ohne Schutzmaßnahmen ablaufen zu lassen, denn auch, wenn wir Todesfallraten von unter einem Prozent eher im Promillebereich haben, ist die Hochrechnung gemessen auf die deutsche Bevölkerung, hätte man durchaus mit mehreren 100.000 Gestorbenen rechnen müssen in den Gruppen. Und da hat schon insbesondere das Krisenmanagement in der Anfangszeit der Corona-Pandemie erheblich zu dem Erfolg beigetragen, dass es dazu nicht gekommen ist. Die Tendenz zu schweren Krankheitsverläufen, insbesondere bei vulnerablen Gruppen und Risikopatienten, steht außer Frage. Aber was wir auch lernen konnten, ist eine Neubewertung des Begriffes „Impfdurchbruch“, denn bislang waren wir immer davon ausgegangen, dass, wenn man bei einer Erkrankung impft, es durchaus Impfdurchbrüche gibt, aber die verhältnismäßig selten sind. Und wir haben bei der Corona-Pandemie erlebt, dass es sehr, sehr viele Impfdurchbrüche gegeben hat. Und weil wir keine Daten zu anderen derartigen pandemischen Virusentzündungen in dieser dichten Dokumentationsfolge haben, wissen wir eigentlich gar nicht, ob das nicht immer der Fall gewesen ist. Man kann es nur vermuten. Auf jeden Fall erleben wir oder haben wir die Corona-Pandemie als eine Virusentzündung mit vielen Impfdurchbrüchen erlebt. Also wir können lernen: Impfung schützt nicht zweifelsfrei vor Infektionen, aber die Datenlage sagt, dass die schwere Erkrankung geringer ist. Was wir, glaube ich, auch uns eingestehen müssen, ist, wir haben vor allen Dingen in dem ersten Jahr, aber bis heute andauernd, eine Unterbewertung der Erringung der natürlichen Immunität gehabt. Das hat eigentlich nie so richtig die Rolle in der Diskussion gespielt. Inzwischen wissen wir aber, wenn wir von Durchseuchungszahlen reden, dass natürlich auch die natürliche Immunität, nämlich die Schutzmöglichkeiten eines Immunsystems des Menschen durchaus eine erhebliche Rolle auch beim Schutz vor Infektionserkrankungen darstellen. Wir müssen uns sicherlich die Möglichkeit erhalten, dass wir relativ kurzfristig auch die Zahl der Impfungen wieder erhöhen können, wenn es erforderlich ist, zum Beispiel im nächsten Herbst oder im nächsten Winter. Eine dauerhafte Aufrechterhaltung einer Impfinfrastruktur für mehr als 500.000 Impfungen pro Tag in Deutschland ist aber auf lange Sicht weder logistisch noch personell möglich. Deswegen werden wir beim Übertritt von der pandemischen Lage in die endemische Lage ein ähnliches System der Impfungen haben, wie wir es auch von der Grippeimpfung kennen, dass es nämlich die Möglichkeit gibt, sich zu impfen, und dass man aber sozusagen das auf freiwilliger Basis macht. Und schließlich möchte ich zum Schluss auch darauf noch zu sprechen kommen – und das ist immer auch ein Grund, selbstkritisch zu sein und nicht in zu viel Eigenlob zu verfallen –: Wir haben, und das war auch von Anfang an klar, auf dem weiten Weg der Corona-Pandemie in den letzten zwei Jahren doch zahlreiche organisatorische, kommunikative und logische Defizite auch gehabt im Pandemiemanagement. Aber wir haben eben auch, und das möchte ich zum Schluss noch mal betonen, eben auch den Erfolg gehabt, dass wir besser durch die Pandemie gekommen sind als andere. – Vielen Dank für die Aufmerksamkeit! (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD, DIE LINKE und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
