Enrico Schult
Später, bitte! Ich kann es Ihnen aus dem letzten Lockdown berichten, als ich selbst – damals im Homeoffice gebunden – den Unterricht für unsere Kinder sicherstellen musste. Und glauben Sie mir, es war kein Zuckerschlecken, weder für mich noch für meine Kinder, denn es kommt nicht von ungefähr, dass Lehrer ein mehrjähriges Studium ableisten müssen, um Kinder unterrichten zu dürfen. Das, liebe Kollegen, können die meisten Eltern gar nicht leisten, auch wenn sich einige durchaus dazu berufen fühlen. Hinzu kommt, dass in vielen Elternhäusern die nötige Technik, aber auch die erforderliche Ruhe fehlt, um angestrengt arbeiten zu können. Zum anderen gebe ich zu bedenken, dass nicht in allen Elternhäusern in M-V die Notwendigkeit der Schulbildung einen so hohen Stellenwert hat, wie es eigentlich geboten wäre. Gepaart mit dem Credo „Das bisschen Schule macht sich von allein“ (Zuruf von Marc Reinhardt, CDU) müssen wir einfach davon ausgehen, dass bei Aussetzung der Schulpflicht einige Eltern ihr Kind nicht zur Schule schicken, weil es für sie vielleicht bequemer ist. Das frühe Aufstehen entfällt, kein Quengeln mehr beim Anziehen, keine Frühstücksbrote, die geschmiert werden müssen, keine Zeitnot beim Gang zum Schulbus. Und ich selbst kann davon berichten, dass sich die Lehrerin im letzten Lockdown per E-Mail an einige Eltern wandte und zuletzt schon flehend bat, man möge sich doch bitte endlich mal zurückmelden. Nicht auszuschließen, dass bei Aussetzung der Schulpflicht wieder einige meinen – und nicht nur die Kinder –, es seien Corona-Ferien angesagt. Festzuhalten ist, Schulen sind erstrangige, unverzichtbare Institutionen, sie sichern kulturelle und alltagskulturelle Grundbestände und soziale Teilhabe. Mittlerweile ist – sicher zulasten der Schulleitung und Lehrer – auch das Pandemiemanagement der Schulen erprobt. Vor allem gibt es ein genaues, sicheres Regelwerk in den einschlägigen Verordnungen, das die weitgehende Unversehrtheit und Gesundheit der Kinder eher in der Schule sichert, als dass dies irgendwo anders sichergestellt würde. Und auch Sie wissen, werte Kollegen von den GRÜNEN, auch aus der Expertenanhörung im Bildungsausschuss letzte Woche – die Frau Wegner ist ja nun nicht dabei –, die meisten Infektionen erfolgen eben nicht in Schulen, sondern vielmehr im Elternhaus oder dort, wo Kinder sonst so herumlaufen, wenn sie nicht in die Schule müssen. Die Begründung Ihres Antrags erfolgt dann auch etwas salomonisch in einem aufgeweichten „einerseits/andererseits“. Ja, Sie wüssten schon, dass Präsenzunterricht die beste Unterrichtsform wäre, aber Sie meinen dann andererseits, Eltern bräuchten doch verlässliche Betreuungsmöglichkeiten, Schulbesuch Ja oder doch eher Jein, indem – und was für eine verrenkte Verstelltheit der Formulierung doch – die selbstbestimmte „Entscheidung über den Schulbesuch temporär ... gestärkt“ würde. Salopp gesagt, Sie eiern herum. Sie wollen sich hier vielleicht den Eltern etwas anbiedern, Sie wollen in einem eher schwachen Antrag liberal auftrumpfen. Sie wollen aber vor allem Entscheidungen vermeiden, indem Sie diese Entscheidung an die Eltern delegieren. Gerade die Pandemie verlangt aber nach einem klaren Kompass. Er liegt zuerst darin: Lassen wir die Schulen geöffnet, halten wir an der Schulpflicht fest, insofern Kinder in den Schulen nicht nur verlässlich getestet, sondern gleichfalls verlässlich geschützt, betreut, gebildet und erzogen werden. Geborgenheit sichert vor allem die Schule, die doch Sie sich, liebe Kollegen von den GRÜNEN, ja als Ganztagsschule wünschen. Dann überlassen Sie es doch bitte vorrangig der Schule! Dass sie den Schutz der Kinder gewährleisten kann, das hat sie hinlänglich gezeigt. – Wir lehnen den Antrag ab. (Beifall vonseiten der Fraktion der AfD)
