Dirk Bamberger
FörFrau Präsidentin, liebe Kolleginnen, liebe Kollegen! Frau Präsidentin, bitte gestatten Sie mir vereinzelt die Anwendung von Gebärden, die ich selbst anwenden werde. wurden. Liebe Freunde, die ihr im Publikum sitzt! Manchmal gibt Fa- es Debatten in diesem Haus, bei denen es um Zahlen, um Da- Zuständigkeiten und um Verwaltungsfragen geht. Manchmal gibt es Momente wie diesen, in denen ein Parlament die innehalten muss, weil es um Menschen geht, um Biografien, um verlorene Chancen und um tiefes menschliches LautLeid, das viel zu lange niemand sehen wollte. der Liebe Kolleginnen und Kollegen, die meisten von Ihnen haben den Begriff Sprachdeprivation bis heute vielleicht Des- noch nie gehört. Ich mache Ihnen daraus keinen Vorwurf; ein denn genau das ist Teil des Problems. Dieses Leid war und ist. ist unsichtbar. Es ist leise, es ist verdrängt. zu Gerade deshalb ist dieser Moment heute ein historischer DolmetMoment, ein historischer Moment für gehörlose Menübersetschen, denen man nicht nur das Hören, sondern auch die Sprache genommen hat. Es geht um Menschen, die Opfer eines Systems wurden, das davon überzeugt war, das RichIch tige zu tun. Es geht um ein System, das glaubte, gehörlose Kinder „normal“ machen zu müssen. Es geht um ein Mal System, das ihnen ihre Hände verboten hat, ihre Sprache verboten hat, ihre Identität verboten hat. erst Mein Vater ist einer dieser Menschen. In seiner TaubstumUm menschule geschah etwas, was man sich heute kaum noch eine vorstellen kann. Gehörlose Kinder durften nicht gebärden. Das Stellen Sie sich vor: Zwei kleine Jungen auf dem Schulhof Jah- – Friedrich sitzt hier oben, das war sein Freund –, beide Kinder- hören nichts. Beide wollen miteinander sprechen, lachen, Fragen stellen und einfach Kinder sein. Sie dürfen das aber nicht. Die Hände mussten in den Taschen bleiben. Wer bitten dennoch mit den Händen sprach, bekam Strafen. Manchen Kindern wurde auf die Finger geschlagen, aber nicht, weil das sie böse waren oder weil sie jemandem geschadet hätten, sondern weil sie versucht haben, sich mitzuteilen, weil sie versucht haben, Mensch zu sein. Liebe Kolleginnen und Kollegen, was macht das mit einem Kind, wenn man ihm beibringt, dass seine einzige Möglichkeit der Kommunikation falsch ist, dass die Art, wie es denkt, fühlt und kommuniziert, unterdrückt werden muss? Diese Kinder lernten keine Deutsche Gebärdensprache. Sie entwickelten notdürftige Ersatzsprachen, sogenannte Hausgebärden, wie ich sie auch spreche: Bruchstücke von Kommunikation, Bruchstücke von Bildung, Bruchstücke von Teilhabe. Viele Betroffene sagen heute einen Satz, der mich jedes Mal tief erschüttert: Wir wurden dumm gebildet. – Nicht, weil diese Menschen weniger intelligent gewesen wären. Nein, weil man ihnen systematisch den Zugang zur Welt genommen hat. Man hat ihnen Zeit geraubt, Bildung vorenthalten und Selbstvertrauen genommen. Doch das Leid endete nicht bei den Betroffenen selbst, es wanderte in ihren Familien zu uns CODAs. Wir wurden zu Dolmetschern unserer Eltern, lange bevor wir überhaupt verstehen konnten, was es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen. Wir übersetzten bei Behörden, bei Banken, beim Arzt. Stellen Sie sich einen sechsjährigen Jungen vor, der seiner Mutter eine Krebsdiagnose vermitteln muss. (Der Redner räuspert sich, um sich zu sammeln.) Entschuldigung. (Allgemeiner Beifall) Ein Kind, das eigentlich auf einem Spielplatz sein sollte und stattdessen Worte übersetzen muss, die selbst Erwachsene kaum ertragen können. Das ist ein Teil meiner persönlichen Biografie. Liebe Kolleginnen und Kollegen, heute geht es nicht darum, Schuld auf einzelne Verantwortliche vergangener Jahrzehnte zu laden. Aber es geht um Wahrheit, und es geht um Verantwortung – Verantwortung für die Würde dieser Menschen. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Ich wünsche mir sehr, dass es uns heute mit dieser Debatte gelingt, den Betroffenen einen Teil der Würde, die ihnen genommen wurde, wieder zurückzugeben, liebe Kolleginnen und Kollegen. (Allgemeiner Beifall) Wir tragen dafür Verantwortung, dass Politik sich zukünftig nicht mehr anmaßt, Inklusionswege vorzugeben, dass Inklusion nicht zu einem Streitpunkt unterschiedlicher politischer Ideologien und Überzeugungen verkümmert, sondern ein gemeinsames Ziel aller politischen Kräfte ist, dass Politik die Wahlfreiheit zwischen inklusiver Beschulung an Regelschulen und an Förderschulen sicherstellt und mögliche Einschränkungen dieser Wahlfreiheit abbaut, dass die Politik künftig den Menschen in den Mittelpunkt stellt und nicht das System, dass die Deutsche Gebärdensprache endlich selbstverständlich als das anerkannt wird, was sie ist: eine vollwertige Sprache, eine Sprache voller Kultur, Ausdruck und Menschlichkeit. Deshalb geht es heute vielleicht vor allem um ein einziges Wort. Ein Wort, auf das viele Betroffene ihr Leben lang gewartet haben. Es heißt Entschuldigung. (Beifall CDU, SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und Freie Demokraten) Wir sagen heute: Wir sehen euch, wir hören euch, wir erkennen an, was euch genommen wurde, und wir geben euch das Versprechen, dass nie wieder einem gehörlosen Menschen in diesem Land seine Sprache genommen wird. – Vielen Dank. (Beifall CDU, SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und Freie Demokraten)
