Cirsten Kunz-Strueder
Sehr geehrte Frau Präsidentin, meine Damen und Herren! Liebe Gäste auf der Besuchertribüne, herzlich willkommen. Wenn Sie sich fragen, wie es ist, in einer Welt zu leben, die mich nicht versteht und in der ich mich nicht einfach verständigen kann, dann besuchen Sie einmal ein Fest, eine Veranstaltung oder eine Tagung des Gehörlosenverbands. Dort werden Sie sich plötzlich die Frage stellen: Wer versteht mich? Wo ist mein Platz? Wo finde ich jemanden, der mir hilft? Wie verstehe ich eigentlich die Beiträge? Wann muss ich klatschen? Wie sind das Programm und der Ablauf? – Sie werden schnell merken, wie verloren Sie in diesem Moment sind. Anders als in der hörenden Welt wird es aber bei Veranstaltungen, die von gehörlosen Menschen organisiert werden, immer und ganz selbstverständlich jemanden geben, der uns versteht und für uns übersetzt. Jemanden, der dafür sorgen wird, dass wir uns ganz selbstverständlich dort wohlfühlen, dass wir uns nicht fehl am Platz vorkommen, dass wir willkommen sind und uns willkommen fühlen, dass Inklusion sehr konkret gelebt wird und dass Sie nicht am Rande stehen, sondern mittendrin dabei sein dürfen. (Beifall SPD, CDU, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und Yanki Pürsün (Freie Demokraten)) Inklusion bedeutet nämlich, dass ich sein darf, wie ich bin – ganz selbstverständlich –, dass ich nicht gezwungen werde, so zu tun, als könnte ich etwas, was ich einfach nicht kann, sondern dass ich sein darf, wie ich bin, und dass ich gut so bin. Meine Damen und Herren, ich durfte an der Fachtagung des Gehörlosenverbands teilnehmen. Es ging um die Frage der institutionell ausgelösten kognitiven Fehlentwicklung durch Sprachdeprivation in Förderschulen mit dem Förderschwerpunkt Hören in Hessen. Die Berichte der Betroffenen waren verstörend, erschütternd und beschämend. Kinder und Jugendliche, Schülerinnen und Schüler wurden gezwungen, die Lautsprache zu lernen, obwohl sie sie nicht hören können. Es war verboten, zu gebärden, und zwar in hessischen Schulen. Das hatte Auswirkungen auf das Lernen, auf das Leben, auf Lebensentwürfe, auf die Selbstbestimmung und auf die eigene Würde. Dies geschah zu einer Zeit, in der man – hoffentlich im guten Glauben, das Richtige zu tun – das absolut Falsche getan hat. Diese Zeiten sind leider gar nicht so lange her, wie ich mir das angesichts der Schilderungen gewünscht hätte. Man kann leichter etwas wegwischen, wenn es irgendwann in den 1950er-Jahren stattgefunden hat. Es hat mich jedoch tief betroffen gemacht, als klar wurde, dass diese Erfahrungen gemacht wurden, als ich selbst zur Schule gegangen bin, und Altersgenossinnen und Altersgenossen das erleben mussten. Mich hat die Vorstellung erschüttert, dass man diesen Schülerinnen und Schülern, wenn sie gebärdet haben, mit Linealen und Zeigestöcken auf die Finger geschlagen hat und dass dies nicht in den 1950er-Jahren passiert ist, sondern in einer Zeit, in der ich zur Schule gegangen bin. Dann war das plötzlich nicht mehr so weit weg. Gleichzeitig haben Eltern ihre Kinder in diese Schulen gegeben, weil sie davon ausgingen, dass dort auf die Bedarfe, die Bedürfnisse, aber auch auf die Talente der eigenen Kinder besonders gut eingegangen wird. Das verstärkt das Gefühl von Betroffenheit und Erschütterung noch einmal mehr. (Beifall SPD, CDU, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und Freie Demokraten) Diese Pädagogik hat eben nicht dazu geführt, dass Talente besonders gefördert wurden. Sie hat auch nicht dazu geführt, dass gehörlose Kinder besonders gut auf die hörende Welt vorbereitet waren. Vielmehr hatte diese zum Ziel, dass diese Kinder in der hörenden Welt später so wenig wie möglich negativ auffallen. Man hat ihnen eine Sprache beigebracht, die sie gar nicht verstehen. Aber nicht nur das. Statt in Mathe Mathe zu lernen, ging es um die Aussprache. Statt in Erdkunde Erdkunde zu lernen, ging es um die Aussprache. Statt in Biologie, in Chemie, in Physik und in Geschichte die Fachinhalte zu lernen, ging es um die Aussprache. Das Nichtanerkennen und das Nichtzulassen von Gebärdensprache hat dazu geführt, dass nicht nur eine vollwertige sprachliche Entwicklung verhindert oder erschwert de. Vielmehr wurden mit der Konzentration auf die mittlung der Sprechsprache statt auf Fachinhalte wege vielfach nachhaltig beeinträchtigt, weil Fachinhalte schlichtweg nicht vermittelt wurden, zumindest nicht dem Maße, wie es schulaltersgerecht notwendig wäre. Deswegen ist es gut und wichtig, dass wir heute kennen, dass die damalige einseitige Orientierung an sprachlichen Förderkonzepten und das fehlende oder spätete Angebot barrierefrei zugänglicher Sprache, sondere der Deutschen Gebärdensprache, in vielen zur Sprachdeprivation führte. Das hat tiefgreifende für die kognitive, emotionale, soziale und schulische wicklung zahlreicher Betroffener und damit auch für bensentwürfe und für die Selbstbestimmung und die nen Entwicklungsmöglichkeiten. Es ist gut und überfällig, dass wir heute darüber und damit Betroffenen Sichtbarkeit verschaffen und ihrem Leid Sichtbarkeit verschaffen. (Beifall SPD, CDU und vereinzelt BÜNDNIS DIE GRÜNEN) Damit verändern wir die Vergangenheit nicht. Der nach hinten ist aber wichtig, um es in Zukunft besser chen zu können. Für die Gegenwart und für die machen wir vieles besser. Wir handeln, und das ist gut Es ist wichtig, dass die Ausweitung frühkindlicher derangebote und die Entwicklung bilingualer Bildungskonzepte Fortschritte gemacht haben, dass die Beratungsstrukturen für betroffene Familien professionalisiert Bilinguale und barrierefreie Förder- und Bildungsangebote für gehörlose und hörgeschädigte Kinder und ihre milien müssen kontinuierlich weiterentwickelt werden. zu gehören die frühe Bereitstellung eines vollwertigen sprachlichen Zugangs in Deutscher Gebärdensprache, Sicherung und die Weiterentwicklung bilingualer Konzepte in Bildungseinrichtungen, also Gebärdensprache und sprache, aber auch die Stärkung der Elternberatung und interdisziplinären Zusammenarbeit. Gebärdensprache muss selbstverständlicher werden. wegen ist es gut und richtig, dass das Jahr 2026 Schwerpunktjahr für die Deutsche Gebärdensprache Das soll dazu beitragen, Gebärdensprache bekannter machen. Wir brauchen mehr Menschen, die als scherinnen und Dolmetscher arbeiten können, die zen und damit Menschen verbinden und zusammenbringen. Dafür muss man den Beruf aber erst einmal kennen. bin sehr froh, dass es gelungen ist, dass heute übersetzt wird. Nach meinem Wissen ist das heute zum ersten der Fall. Das ist eigentlich schon ein bisschen traurig. Bevor Beratung und Förderung greifen können, muss einmal bekannt sein, dass eine Hörstörung vorliegt. frühzeitig Maßnahmen ergreifen zu können, ist also frühzeitige Erkennung der Hörstörung entscheidend. Neugeborenen-Hörscreening hat in Hessen seit vielen ren einen hohen Stellenwert. Mit dem Hessischen vorsorgezentrum verfügt Hessen über eine sehr erfolgreiche Struktur. Um die Versorgungslücken im ambulanten Bereich außerhalb der Ballungsräume zu decken, wir die Landesregierung, einen Förderaufruf zur Unterstützung der Anschaffung moderner Diagnostikgeräte für wur- Neugeborenen-Hörscreening zu initiieren; denn die VersorVer- gungslücken entstehen aufgrund der hohen AnschaffungsLebens- und Betriebskosten der erforderlichen Geräte. Dem wollen wir begegnen. in Darüber hinaus ist und bleibt es wichtig, im Austausch zu gewesen bleiben und Hinweise darauf aufzunehmen, wo Sprachdeprivation weiter reduziert werden kann, welche Barrieren aner- noch bestehen, die dringend abgebaut werden müssen. Inklusion gelingt nur, wenn wir das gemeinsam möglich malautver- chen und möglich machen wollen. Dazu braucht es manchinsbe- mal Gebärdensprachdolmetschung, manchmal technische Hilfsmittel, manchmal eine Rampe oder einen Fahrstuhl. Fällen Folgen Eine wirklich inklusive Gesellschaft erkennt man daran, Entdass niemand darum kämpfen muss, verstanden zu werLeden. Man erkennt sie daran, dass niemand darum kämpfen eigemuss, dabei sein zu dürfen und sein zu dürfen, wie man wirklich ist. – Vielen Dank. sprechen (Beifall SPD, CDU, vereinzelt BÜNDNIS 90/DIE somit GRÜNEN und Freie Demokraten) 90/
