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Kathrin Anders

GRÜNE 12.11.2025 Sitzungen 21/53

Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Damen und Herren! Einsamkeit ist kein Randphänomen. Einsamkeit ist auch kein Schicksal, das Einzelne betrifft, das Einzelne einfach hinnehmen müssen. Einsamkeit ist ein gesellschaftliches Problem mit gravierenden sozialen und gesundheitlichen Folgen. Deswegen ist es auch eine politische Aufgabe, diese zu bekämpfen. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, CDU, SPD und Freie Demokraten) Es ist gut, dass wir heute darüber sprechen; denn viel zu oft ist Einsamkeit auch schambehaftet. Sie ist ein Tabuthema. Aber nur wenn wir offen auch über Einsamkeit sprechen, werden einsame Menschen den Mut finden, sich dem Thema freiwillig zu öffnen. Liebe Kolleginnen und Kollegen von CDU und SPD, allein mit schönen Worten und wohlklingenden Anträgen bekämpft man die Einsamkeit eben noch nicht. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Einsamkeit zieht sich mittlerweile durch alle Altersgruppen. Sie breitet sich aus und ist eine reale Gefahr für den sozialen Zusammenhalt. Die Studien, die Sie auch in Ihrem Antrag aufführen, sind sehr eindeutig: Einsamkeitsbelastungen können jede und jeden treffen. Fast zwei Drittel der jungen Erwachsenen in Deutschland fühlen sich regelmäßig einsam – zwei Drittel. Bei älteren Menschen ist es fast die Hälfte. Diese Zahlen sind alarmierend; denn Einsamkeit macht krank. Sie hat gravierende Auswirkungen auf die physische und psychische Gesundheit von Menschen. Chronische Einsamkeit erhöht das Risiko für Depressionen bis hin zur Suizidalität, für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Demenz, und sie beschleunigt den Alterungsprozess des Gehirns. Bei jungen Menschen sehen wir, dass Einsamkeit zu Schlafstörungen, Suchterkrankungen und psychischen Krisen führt. Das heißt, Einsamkeit kostet uns auch ne Menge. Die gesamtgesellschaftlichen Kosten durch samkeitsbedingte Gesundheitsfolgen werden auf Milliarden Euro geschätzt. Doch Einsamkeit hat nicht nur massive Auswirkungen die Gesundheit, sondern sie hat auch eine zersetzende kung auf unsere Demokratie. Das zeigen Studien Einsamkeit kann dazu führen, dass Betroffene Stück Stück das Vertrauen in gesellschaftliche Institutionen lieren, in unser Rechtssystem, in die Polizei, die und unser politisches System. Einsamkeit frisst sich in sere Gesellschaft hinein, in Familien, in Freundschaften, in Nachbarschaften. Sie ist also keine Privatsache, eine Frage des gesellschaftlichen Zusammenhalts, auf es dringend politische Antworten braucht. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Werfen wir einen Blick auf die jungen Menschen: von ihnen sind permanent online, ständig vernetzt und len sich dennoch einsam. Sie scrollen durch perfekt nierte Leben, während sie selbst das Gefühl haben, dazuzugehören. Einsamkeit in jungen Jahren bedeutet dass soziale Kompetenzen verloren gehen, dass das vertrauen ebenso wie das Vertrauen in die Gemeinschaft weniger wird. Das führt bereits jetzt zu massiven schaftlichen Problemen, bis hin zur Politikverdrossenheit, zur Entfremdung von demokratischen Prozessen. Deswegen reicht es, glaube ich, nicht aus, auf Social-Media-Kampagnen oder Aktionstage zu setzen. Wir brauchen für die jungen Menschen flächendeckende Schulsozialarbeit, ausreichende schulpsychologische Angebote an Schulen, die auch dauerhaft finanziert werden. Wir chen Programme in und außerhalb der Schule, die enz und Lebenskompetenz fördern. Wir brauchen jugendgerechte Räume, in denen junge Menschen dass Gemeinschaft mehr ist, als viele Follower zu oder ein paar Likes mehr als der Nachbarsjunge. (Beifall Lara Klaes (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)) Aber gerade hier müssen wir doch ein bisschen hinschauen; denn insbesondere da zeigt sich, wo Regierungen gewillt sind, zu investieren. Wenn wir das tun, wir, dass genau an diesen Stellen gekürzt wird: sowohl freiwilligen Leistungen der Kommunen als auch an ligen Leistungen des Landes. So wurden im vergangenen Jahr allein 1 Million Euro bei der Gemeinwesenarbeit kürzt, es wurde bei Familienerholung und bei Familienhilfe gekürzt. Sehr verehrte Damen und Herren, das ist dem vorliegenden Antrag nicht in Einklang zu bringen. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und Freie mokraten) Alle Generationen sind von Einsamkeit betroffen, und leiden Seniorinnen und Senioren genauso wie junge schen: eine Generation, deren Angehörige ihr Leben gearbeitet haben, sich engagiert haben, Familien gegründet haben und Kinder großgezogen haben und die heute ne am Küchentisch sitzen, zum Beispiel weil die weit weg wohnen – denn egal, wie gut die Kernfamilie funktioniert, es gibt manchmal doch auch äußere de, die Eltern und Kinder irgendwann trennen; man es kaum – oder weil Nachbarn oder Partner und rinnen verstorben sind, aber auch, weil Busse nicht fahren oder Treffpunkte in der unmittelbaren Umgebung ei- geschlossen wurden. einEinsamkeit im Alter bedeutet weniger Bewegung, weniger mehrere Motivation, weniger Lebensfreude, und damit beschleunigt sie den kognitiven Abbau, sie erhöht das Demenzrisiko, und das ist auch mit immensen Kosten für unser Gesundauf heitssystem verbunden. Wirdeutlich: Einsamkeit betrifft aber auch besonders die, die ohnehin für schon kämpfen: Menschen mit Behinderungen, pflegende verAngehörige, Alleinerziehende, Menschen mit MigrationsParteien geschichte, Menschen, die von Armut betroffen sind. Da unwird der Antrag aus meiner Sicht dann nicht mehr ganz so konkret. Da gibt es dann ein Programm wie „Digital im sondern Alter“. Das ist sicherlich gut und wichtig. Aber was nützt die das Tablet, wenn keiner mehr da ist, der mit einem spricht, wenn das Café dichtgemacht hat, der Verein aufgegeben hat und die Nachbarschaftsinitiative eben kein Geld mehr bekommt, wenn das Geld für den Kaffee oder den Kinobesuch gar nicht reicht? Viele fühDas unmittelbare Wohnumfeld spielt die entscheidende inszeRolle bei der Prävention und der Bekämpfung von Einsamnicht keit. Das müssen wir stärken. Wir brauchen Begegnungsoft, räume, niedrigschwellige Kontaktmöglichkeiten. Wir brauSelbstchen lebende Quartiere als Grundlage für soziale Teilhabe. gesell- (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Wir sind sehr gespannt auf den Aktionsplan gegen Einsamkeit, aber dieser braucht schon klare Ziele, und er braucht auch einen Zeitplan. Deswegen braucht es aus unserer Sicht ein bisschen mehr als nur Absichtserklärungen. Wir brauchen verbindliche Förderzusagen für soziale allen Begegnungsorte, eine verlässliche Finanzierung für Mehrbrau- generationenhäuser und Familienzentren, bessere ArbeitsResili- bedingungen für Menschen in Sozialarbeit, Pflege und Bilsichere, dung, und wir brauchen Kommunen, die finanziell in der lernen, Lage sind, echte Teilhabe vor Ort zu ermöglichen. haben (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Auch von einem Aktionstag gegen Einsamkeit zu sprechen klingt gut, aber davon alleine wird niemand weniger alleine sein. Das ist Symbolpolitik, und Symbolpolitik ist das genauer schlechteste Mittel, das komplexe Problem von Einsamkeit zu lösen; denn Einsamkeit entsteht dort, wo Menschen sehen keine Zeit und keine Räume mehr füreinander haben, wo an Armut, Stress und Unsicherheit jede Kraft rauben, wo freiwilMenschen auch mehrere Jobs machen müssen, um über die Runden zu kommen, und am Ende des Tages gar keine geEnergie mehr haben, um Freundschaften zu pflegen oder im Ehrenamt zu leben. mit Auch hier betonen Sie die Bedeutung des Ehrenamts. Die will ich gar nicht kleinreden; denn das Ehrenamt ist eine Deganz wichtige Säule unserer Gesellschaft. Aber wenn wir es überfordern, wenn wir staatliche Verantwortung immer so mehr an Freiwillige delegieren, dann ist es kein Dank, sondern eine Zumutung. Deswegen, ganz klar, Einsamkeit zu Menbekämpfen heißt vor allem, Teilhabe zu ermöglichen. Teillang habe braucht Strukturen vor Ort. Unterfinanzierte Kommunen können das allein nicht leisten. Deswegen brauchen alleigerade die Kommunen die verlässliche Finanzierung dafür. Kinder (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Umstänglaubt Wir wollen ein Hessen, in dem niemand durchs Raster Partne- fällt, egal, ob 17 oder 77 Jahre alt. Einsamkeit ist oft sehr mehr leise. Aber wenn man genauer hinhört, dann kann es laut werden. Dann schreit es aus leeren Vereinsheimen, aus stillen Schulhöfen, aus Wohnungen, in denen kein Telefon mehr klingelt. Wenn wir also wirklich den Zusammenhalt stärken wollen, dann müssen wir mehr tun, als nur Anträge schreiben. (Zuruf Turgut Yüksel (SPD)) Dann müssen wir wirklich investieren in Menschen, in Beziehungen und vor allem in die Strukturen vor Ort. Echter Zusammenhalt entsteht dort, wo Politik nicht nur redet und darüber debattiert, sondern tatsächlich auch handelt. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

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