Astrid Wallmann
Ich bitte um etwas Ruhe. Denn der nächste Redner steht bereit. Das ist Herr Abgeordneter Pürsün von der Fraktion der Freien Demokraten. – Herr Pürsün, Sie haben das Wort. – Ich bitte um Aufmerksamkeit. Yanki Pürsün (Freie Demokraten): Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen! Long COVID und ME/CFS sind Erkrankungen, die das Leben vieler Menschen nicht nur für ein paar Wochen oder ein paar Monate, sondern oft für Jahre verändern. Manchmal verändern sie es sogar für immer. Menschen, die vorher mitten im Leben standen, können plötzlich keine Treppen mehr steigen. Sie sind dauerhaft erschöpft und verlieren ihre Arbeitsfähigkeit. Sie kämpfen mit massiven körperlichen Einschränkungen und mit sozialer Isolation. Viel zu oft kämpfen sie auch mit dem Gefühl, nicht ernst genommen zu werden. Mit rund 800.000 Betroffenen allein in Deutschland sprechen wir längst nicht mehr über ein Randthema. Wir sprechen über eine gesundheitspolitische Aufgabe von enormer Tragweite. Die Folgen sind gewaltig: eingeschränkte Arbeitsfähigkeit, stark reduzierte Lebensqualität und eine enorme Belastung für die Angehörigen und die Pflegenden. Gerade Kinder und Jugendliche sind besonders betroffen, und zwar mit allen Konsequenzen für ihre Schulzeit, ihre Bildungschancen und ihre soziale Teilhabe. (Zustimmung Freie Demokraten) Es ist gut und längst überfällig, dass wir dieses Thema im Landtag diskutieren. Aber ich sage auch das ganz deutlich: Diese Aufmerksamkeit kommt spät. Denn, während CDU und SPD das Thema erst jetzt mit einem Antrag aufgreifen, waren die Freien Demokraten schon aktiv, als noch kaum jemand darüber sprach. Mein Thüringer Kollege Robert-Martin Montag hat sich bereits zu Zeiten der sogenannten „LiegendDemos“ intensiv mit der Situation der Betroffenen befasst. Wir haben Kleine Anfragen gestellt, als das Thema noch nicht im Fokus der politischen Debatte stand. Wir haben früh gewarnt: Die Versorgungslücken müssen geschlossen, die Forschung muss intensiviert und die bürokratischen Hürden müssen konsequent abgebaut werden. (Beifall Freie Demokraten) Heute liegen viele richtige Vorschläge auf dem Tisch. es reicht nicht, sie nur aufzuschreiben. Jetzt ist entschlossenes Handeln gefragt. Eine wirksame Behandlung kann es nur geben, wenn Forschung endlich wieder vorangetrieben wird. Die chen für ME/CFS und Long COVID werden bis nicht ausreichend verstanden. Deshalb unterstützen ausdrücklich die Forderung nach einer Ausweitung Forschungsförderung und nach stärkeren Kooperationen. Hier kann und sollte Hessen eine Spitzenrolle einnehmen, indem wir gezielt innovative Projekte fördern, die Leid zu verhindern und wirksame Therapien zu ckeln. Wir sehen außerdem große Chancen in der Digitalisierung des Gesundheitswesens. Digitale Rehabilitationsangebote, telemedizinische Betreuung und die Nutzung digitaler tientenakten könnten für viele Betroffene, die in Mobilität stark eingeschränkt sind, den entscheidenden Unterschied ausmachen. Das im Antrag erwähnte AmRe-LoCO ist ein guter Anfang. Solche Initiativen sen konsequent ausgebaut und flächendeckend umgesetzt werden. Ein Aspekt, der unserer Ansicht nach bislang noch zu kommt, ist die Diagnostik. Sie ist heute häufig aufwendig, kompliziert und dauert viel zu lang. Gerade die Hausärzte, die oft die ersten Ansprechpartner für die Betroffenen sind, brauchen mehr Unterstützung. Sie brauchen verständliche und leicht anwendbare Standards, wie 1-Minute-Sit-to-Stand-Test oder die Canadian Consensus Criteria. Wir brauchen verpflichtende Fortbildungen, damit die gnosen schneller gestellt und Fehldiagnosen vermieden werden können. Ebenso wichtig ist, dass dieser diagnostische Aufwand angemessen vergütet wird. Denn diese krankungen lassen sich nicht in fünf Minuten zwischen Tür und Angel abhandeln. Wer will, dass die Betroffenen schnell und kompetent Hilfe bekommen, muss dafür gen, dass sich diese Arbeit für die Ärztinnen und lohnt. Besondere Aufmerksamkeit müssen wir den jüngsten entinnen und Patienten schenken. Die Kinder und lichen verlieren nicht nur Lebensqualität, sondern Bildungschancen. Deshalb brauchen wir flexible, gestützte Lösungen. Homeoffice-Regelungen für die tern, digitale Lernangebote und individuell angepasste terstützungsmodelle in der Schule und in der Ausbildung sind keine netten Zusatzoptionen, sondern echte digkeiten. (Beifall Freie Demokraten) Integration statt Ausgrenzung, das muss unser Anspruch sein. Zentrale Beratungsstellen und verbindliche chungen für die Schulen, wie sie in den Anträgen geschlagen werden, können wertvolle Unterstützung ten, sofern sie praxisnah gestaltet sind. Unser Ziel nicht, einen neuen Verwaltungsapparat aufzubauen. mehr wollen wir, dass konkrete Hilfen für die Schulen, Lehrkräfte und die Familien bereitgestellt werden. Wir müssen außerdem viel stärker aufklären. Noch immer erleben die Betroffenen Stigmatisierung. Noch immer wird ihre Erkrankung zu oft psychologisiert. Die gesellschaftliche Wahrnehmung von ME/CFS und Long COVID muss sich ändern. Die Rentenversicherungsträger und die soziaAber len Dienste müssen diese Erkrankung als eine körperliche anerkennen und die Ansprüche entsprechend einordnen. Aufklärungskampagnen in der Gesellschaft, in der Ärztedie schaft, bei den Gutachtern und in der Sozialgerichtsbarkeit Ursasind ebenso wichtig wie eine bessere Sensibilisierung des heute medizinischen Fachpersonals. Das betrifft etwa die Retwir tungsdienste und die Notaufnahmen. Nur so können wir der sicherstellen, dass die Menschen nicht zusätzlich durch Unwissenheit oder Fehlbehandlung belastet werden. helfen, Unser Ziel muss es sein, die Betroffenen in die Lage entwi- zu versetzen, ihr Leben so weit wie möglich eigenverantwortlich zu gestalten. Dafür muss unser Gesundheitssystem den nötigen Rahmen schaffen, und zwar durch den Einsatz neuer Technologien, durch gezielte Unterstützung und durch eine konsequente Verbesserung der VersorPagungsstrukturen. ihrer Dabei gilt für uns Freie Demokraten: Neue Strukturen dürProjekt fen nicht einfach plötzlich aufgebaut werden. Sie müssen müs- dort entstehen, wo man damit Versorgungslücken schließen und bestehende Angebote sinnvoll ergänzen kann. Wir brauchen Lösungen, die wirken, und keine Bürokratie, die mehr Zeit und Geld frisst, als sie an Nutzen bringt. kurz Long COVID und ME/CFS sind komplexe Erkrankungen, die unsere Gesellschaft fordern. Sie verlangen Solidarität, wissenschaftlich fundiertes Handeln und den Mut, neue Wege zu gehen. klare, den Deshalb sagen wir heute klar: Wir begrüßen die beiden vorliegenden Anträge. Wir werden ihnen zustimmen. Das geschieht nicht, weil wir jeden einzelnen Aspekt teilen, Dia- sondern weil das wichtige Schritte in die richtige Richtung sind. Gerade bei der Initiative der GRÜNEN sehen wir VorErschläge, die sehr weit reichen. Wir teilen das Ziel, die Versorgung in Hessen deutlich zu verbessern. Wir werden aber darauf achten, dass die Umsetzung konkret, praxisnah sorund umsetzungsorientiert bleibt. Wir werden weiter genau Ärzte hinschauen und uns dafür einsetzen, dass schwer kranke Menschen einfacher und schneller an die dringend benötigte Unterstützung kommen. Denn eines ist klar: Die BetrofPatifenen können nicht warten. Jugendauch (Beifall Freie Demokraten und vereinzelt BÜNDNIS digital 90/DIE GRÜNEN) ElUnPräsidentin Astrid Wallmann: NotwenAls Nächste erhält Frau Abgeordnete Funken für die CDUFraktion das Wort.
