Nina Heidt-Sommer
Herr Präsident, meine sehr geehrten Damen und Liebe Kolleginnen und Kollegen von den Freien Demokraten, gerne beginne ich mit dem, was uns verbindet: wollen gemeinsam, dass junge Menschen ökonomische Bildung erfahren. Ich finde es sehr gut, dass wir heute Ihre Initiative hin über dieses wichtige Thema im debattieren. (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Freie Demokraten) Ökonomische Bildung ist eine zentrale Voraussetzung die Teilhabe an unserer Gesellschaft. So weit sind wir alle einig. In den Antworten – jetzt kommt das Aber, es kommt noch viel Aber – (Heiterkeit) auf die Frage, wie wir erreichen können, dass sich Menschen besser mit finanziellen Dingen auskennen, terscheiden wir uns ganz erheblich. Ihre Sammlung Ideen und auch die mündliche Begründung Ihres legen den Betrachterinnen und Betrachtern nahe, dass Land Hessen die ökonomische Bildung bisher sträflich nachlässigt habe (Dr. Stefan Naas (Freie Demokraten): Das ist so!) und die Schulen dringend auf die Umsetzung der von nen vorgetragenen Punkte warten würden. Das ist nicht der Fall. Meine Damen und Herren, wenn neue ge – – (Zurufe Freie Demokraten) – Hören Sie mir doch einmal zu, dann können Sie noch etwas lernen. Eine ganz zentrale Kompetenz für Lernen ist: erst einmal zuhören und dann in einen treten. (Heiterkeit – Zurufe Freie Demokraten) Wenn neue Dinge in das System Schule eingebracht den, lohnt sich ein Blick darauf, was bereits vorhanden ist. Ökonomische Bildung findet an hessischen Schulen ist ganz unterschiedlichen Fächern statt: im Sachunterricht an Infra- der Grundschule, im Fach Politik und Wirtschaft bzw. im Fach Gesellschaftslehre und Arbeitslehre. Das Fach Politik und Wirtschaft vermittelt ökonomische Bildung unter einer Perspektive, die im Kerncurriculum festgeschrieben ist. ein kurz Im Rahmen der Entwicklung personaler Kompetenz werBlick den die Lernenden zu mündigen Bürgerinnen und Bürgern, kriti- die sich in die Debatte über Lösungen grundlegender wirtson- schaftlicher Fragen einbringen können. Die Zielperspektive ist, dass junge Menschen um Zusammenhänge der Börsen- sich wirtschaftlich vernetzenden Welt wissen und deren eine Einflüsse auf ihr Leben reflektieren können. Nur so können sie mündig ihre eigenen Interessen vertreten. Inhaltlich gesehen, sollen die Schülerinnen und Schüler zum Beispiel am Ende des 10. Schuljahres an den ReDealschulen die Verflechtungen innerhalb der Wirtschaft und grundlegende Prinzipien der Marktwirtschaft kennen. Sie sollen um ihre Stellung als am Wirtschaftsgeschehen Beteiligte wissen. Wichtig ist, dass die Schülerinnen und Schüler über Formen organisierter Interessenwahrnehder mung, zum Beispiel über Verbraucherverbände, GewerkWort. schaften und Unternehmerverbände, Bescheid wissen. (Beifall SPD und vereinzelt CDU) Der Beitrag des Faches Politik und Wirtschaft zur ökonoHerren! mischen Bildung ist hier von großem Wert. Ökonomische Bildung findet hierbei nämlich mit fachdidaktischer EinWir bettung und unter Wahrung des Beutelsbacher Konsenses statt. Das bedeutet: Was kontrovers ist, muss auch konauf trovers dargestellt werden. Wie in allen Bereichen schuliPlenum schen Lernens müssen wir auch im Bereich ökonomische Bildung darauf achten, dass Positionen didaktisch eingebettet werden. Dargebotene Inhalte müssen immer kritisch und reflektiert werden. Meine Damen und Herren, ein weiteres Fach ist die für Arbeitslehre. Sie umfasst als Integrationsfach unter andeuns rem Elemente der Ökonomie und der Arbeitswissenschaft. und Arbeit wird als wichtiger Bestandteil gesellschaftlicher Teilhabe verstanden. Die Lernenden sollen zum Beispiel Marktmechanismen und deren Auswirkungen aus verschiedenen Perspektiven beurteilen. Sie sollen Arbeitsverfahren junge in Betrieben kennenlernen und auswerten. Außerdem solunlen sie bei der Entscheidung über ihre Studien- und Berufsvon orientierung unterstützt werden. Antrags das Wir als hessische SPD haben in unserem Wahlprogramm ver- gefordert, das Fach Arbeitslehre in allen Schulformen einzuführen. Wir haben gefordert, die Themen Transformation, Mietverträge, Steuererklärungen sowie Leben und Arbeiten in der digitalen Welt in diesem Fach stärker lebensweltbezogen miteinander zu vereinbaren. Das ist aus Ihunserer Sicht immer noch eine gute Idee. aber Din- (Beifall SPD und vereinzelt CDU) All das ist auch mit den Bildungsstandards vereinbar. Dieser Ansatz zur Vernetzung findet sich auch im Koalitionsvertrag. wirklich das Meine Damen und Herren, ökonomische Bildung wird, Dialog wie die meisten Bereiche schulischen Lernens, dann transparenter, wenn es Kooperationen mit außerschulischen Partnerinnen und Partnern gibt. Eine Grundvoraussetzung dieser Kooperation ist aber, dass diese in ein pädagogiwer- sches Konzept eingebunden ist. Kooperationen zwischen Schulen und Betrieben und anderen außerschulischen Inin stitutionen finden an unseren Schulen statt. Die mit der Berufsorientierung beauftragten Lehrkräfte leisten mit ihrer Netzwerkarbeit an unseren hessischen Schulen Großartiges. Ihnen sei an dieser Stelle ein ganz herzlicher Dank gesagt. (Beifall SPD und vereinzelt CDU) Schülerinnen und Schülern an den allgemeinbildenden Schulen der Sekundarstufe I – übrigens nicht nur an den Gymnasien, an den Haupt- und Realschulen, sondern auch an den von Ihnen in Ihrem Antrag nicht erwähnten Mittelstufenschulen – bekommen so einen guten Überblick zur beruflichen Orientierung. Dies ist einer der Punkte, an denen Ihr Sammelantrag aus mehreren Gründen problematisch ist. Ihre Ideensammlung stellt kein schlüssiges Gesamtkonzept dar. Es bedarf aber eines Gesamtkonzepts, um nachhaltig Schulentwicklung zu betreiben. Man muss festhalten, dass Sie die Dinge, auf die Sie sich berufen, etwas ungenau recherchiert haben. Ein Beispiel: das von Ihnen erwähnte Projekt „School meets Finance“ in Hamburg. „School meets Finance“ wird durch Finance City Hamburg GmbH, eine Public-private-Partnership, koordiniert und basiert auf klaren Regeln. Beteiligt sind die Finanzbehörde, die Handelskammer Hamburg und der Finanzplatz Hamburg. Ihr Ziel ist, dass Jugendliche über Finanzthemen weniger abstrakt informiert werden und vorhandenes Interesse gefördert wird. Dieses Projekt in Hamburg ist aber ein zusätzliches Angebot, für das sich Schulen bewerben können. Wenn man Ihren Antrag liest, könnte man den Eindruck gewinnen, dass wir ein solches Angebot ganz dringend brauchen, weil es in Hessen sonst gar nichts gibt. Das ist, wie der Kollege Appel und ich Ihnen jetzt sehr ausführlich dargelegt haben, erstens nicht der Fall, und zweitens ist eine fundierte ökonomische Bildung an den Schulen eine unverzichtbare Voraussetzung dafür, dass sich die Schulen den Unternehmen öffnen können. (Beifall SPD und CDU) Was mich am Antrag der Fraktion der Freien Demokraten aber wirklich irritiert, ist Folgendes. Sie wollen die schulische ökonomische Bildung verbessern und erwähnen als mögliche Kooperationspartner mit keinem Wort die wichtigen Partner, mit denen das Land Hessen seit Jahrzehnten erfolgreich zusammenarbeitet, nämlich die Verbraucherzentralen, die Gewerkschaften, die Arbeitgeberverbände und die Handwerkskammern. Ich bin absolut dafür, den Finanzsektor in den Bereich ökonomische Bildung einzubeziehen. Ich weiß, dass viele Betriebe aus dem Finanzsektor tolle Angebote machen. Aber die in Ihrem Antrag vorgenommene Verengung hinterlässt bei mir den Eindruck, dass Sie das Thema ökonomische Bildung eben nicht in der notwendigen Multiperspektivität sehen. Man könnte sogar sagen, es entsteht der Eindruck, dass hier mehr oder weniger erfolgreiche Lobbyarbeit im Vordergrund steht. Meine Damen und Herren, ökonomische Bildung ist uns wichtig. Wir gehen dieses Thema intensiv an. Wir stehen für Multiperspektivität statt Verengung, und wir nehmen unsere Verantwortung in diesem Bereich sehr ernst. (Beifall SPD und CDU)
