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Sascha Meier

GRÜNE 14.05.2025 Sitzungen 21/40

Sehr geehrter Herr Präsident, liebe Kolleginnen und Kollegen! Sehr geehrter Herr Kollege Appel, irgendwie habe ich Ihrer Argumentation nicht so ganz folgen können, vor allem im Hinblick auf das, was im Koalitionsvertrag Ihrerseits niedergeschrieben worden ist. Wenn man einmal ganz ehrlich ist: Finanzielle Bildung ist unweigerlich mit ökonomischer Bildung verbunden. Gestehen Sie an dieser Stelle doch ehrlicherweise zu, dass der Status quo nicht ausreichend ist und dass der Antrag der FDP in die richtige Richtung geht. Ich will an dieser Stelle kein Wasser in den Wein schütten. Ganz ehrlich: Wo im Unterricht wird über ETFs, über Steuererklärungen, über Altersvorsorge usw. aufgeklärt? Die Durchgängigkeit des Politikunterrichts geht übrigens noch auf Schwarz-Grün zurück, aber nicht auf die aktuelle Koalition und die Maßnahmen, die Sie gerade versucht haben ins Schaufenster zu hängen. Wenn man nichts hat, kann man auch nichts ins Schaufenster hängen. Ein ETF erklärt sich nicht von selbst, eine Steuererklärung sowieso nicht. Trotzdem tun wir im Bildungssystem immer wieder so, als wäre der Unterschied zwischen Brutto und Netto zweitrangig. Hauptsache, die Schülerinnen und Schüler können die Inverse einer Matrix berechnen. Das Ergebnis: Zigtausende Jugendliche wissen, wie man lineare Funktionen ableitet, aber nicht, was ein Dispokredit ist. Sie können eine Gedichtsanalyse in mindestens drei Sprachen machen, haben aber keinen Schimmer davon, was man beim Abschluss eines Handyvertrags beachten muss oder was eine Berufsunfähigkeitsversicherung ist. Dagegen will der Antrag der FDP etwas tun. Das begrüße ich. Das begrüßen wir ausdrücklich. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und Freie Demokraten) Dieser Antrag spricht eine ganz grundsätzliche Forderung an: Wir brauchen mehr Wirklichkeit in unseren Schulen. Die Wirklichkeit ist nun einmal: Finanzbildung entscheidet über Selbstbestimmung. Sie entscheidet darüber, ob jemand Schulden macht, weil er Schulden machen muss, oder ob jemand Rücklagen bildet, weil er Rücklagen bilden kann. Sie entscheidet, ob Altersvorsorge Panik oder Plan bedeutet. Dass Expertinnen und Experten aus der Finanzpraxis an Schulen kommen, kann da helfen, wenn es richtig gemacht wird, aber nicht mit Verkaufsgesprächen, nicht mit Hochglanzprospekten, sondern mit Zeit, Sachverstand und Ernsthaftigkeit, nicht mit Show, sondern mit Substanz. Was mir aber auch hier fehlt – das sage ich sehr deutlich –, ist die strukturelle Auseinandersetzung mit ökonomischer Bildung im Rahmen eines politisch-ökonomischen Konzepts. Planspiele und Projekttage sind gut, aber sie reichen oft nicht aus, um Abhängigkeiten und die eigene strukturelle Verankerung in einem System zu erkennen, das wir selbst oft als gegeben anerkennen. Es braucht curricularen Rückhalt. Es braucht qualifiziertes Personal und ein didaktisches Konzept, das wirtschaftliche Zusammenhänge kritisch hinterfragt und den Kindern und Jugendlichen Orientierung gibt, sich selbst in finanziellen und ökonomischen Themen zurechtzufinden. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und Freie Demokraten) Es ist unsere Pflicht, dieses überlebenswichtige Thema auch in der Schule angemessen zu adressieren. Diese Pflicht endet nicht mit der Schulzeit. Ökonomische Bildung muss lebensbegleitend gedacht werden. Auch Erwachsene stehen vor schwierigen finanziellen Abwägungen und Entscheidungen, sei es bei der Altersvorsorge, bei der Baufinanzierung oder bei der Frage, wie man mit Schulden umgeht. Eine Strategie, die nur auf Schulen zielt, greift zu kurz. Wir brauchen Angebote in der Erwachsenenbildung, in der Weiterbildung, vor allem in der digitalen Welt. Wir brauchen sie niedrigschwellig zugänglich und ernst gemeint. Finanzielle Bildung ist eben keine Nische. Sie ist ein zentraler Bestandteil gesellschaftlicher Teilhabe. Außerdem ist sie mehr als ein Konsumentenratgeber. Sie ist ein demokratischer Bildungsauftrag. Ökonomische Bildung kann außerdem einen wichtigen Beitrag zur Gleichberechtigung leisten; denn die historisch bedingte ungleiche Verteilung von Ressourcen und Teilhabe zwischen Frauen und Männern ist auch ein Aspekt, der Frauen häufiger in finanzielle Abhängigkeiten führt. Diese Strukturen verstärken reale Risiken wie die deutlich höhere Betroffenheit von Frauen in Bezug auf Altersarmut. Gestern berichtete die „hessenschau“ darüber – darauf rekurrierte soeben auch der Kollege Stirböck –, dass der Anteil von jungen Frauen, die in Aktienfonds und aktienbasierte ETFs investiert haben, bei nur knapp 30 % lag, der von Männern bei fast 60 %. Der geringere Frauenanteil zieht sich durch alle Alters- und Einkommensklassen durch und bleibt selbst bei hohem Bildungsniveau bestehen. Dabei ist festzustellen, dass Frauen ihr Geld häufig breiter streuen und weniger Risiken eingehen, also bewusster mit ihren Anlagen umgehen. Ökonomische Bildung kann ein Hebel sein, um gezielt zu empowern und zu ermutigen, die eigene Altersvorsorge mit Investitionsstrategien aktiv zu gestalten, Handlungsspielräume zu erweitern und langfristig soziale Schieflagen auszugleichen. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und Freie Demokraten) Darum gehört dieses Thema in den Mittelpunkt, nicht nur als Projekt, sondern als Politikfeld und als Handlungsauftrag an uns. Außerdem geht es um die großen Fragen: Wie sichern wir langfristig unser Rentensystem? Wie schaffen wir Generationengerechtigkeit in einer alternden Gesellschaft, in der viele nicht wissen, wie Altersvorsorge funktioniert? Wie gehen wir mit immer weiter auseinandergehenden Vermögen um? Wie schaffen wir die Transformation hin zu einer nachhaltigen Wirtschaft, in der Umwelt und Klimaschutz ebenso berücksichtigt werden wie ökonomische Effizienz? Ökonomische Bildung ist kein nettes Extra, sondern Teil und muss auch immer mehr als Teil der sozialen struktur verstanden werden. Sie ist dringend auszubauen, und zwar inhaltlich, institutionell und vor allem finanziell. Wir unterstützen den Antrag der FDP; denn er spricht Thema an, das in unseren Curricula bisher einfach zu kommt. Wir wünschen uns allerdings nicht nur den der Privatwirtschaft, sondern auch eine umfassende sche Auseinandersetzung, nicht als Einzelmaßnahme, dern als Teil einer didaktisch-fundierten Gesamtstrategie; denn zwischen einer Börsenführung oder einem planspiel und echter ökonomischer Bildung liegt noch Strecke. Diese müssen wir im Interesse aller gemeinsam gehen. – Danke. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und Freie mokraten)

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