Angela Dorn
Verehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Damen und ren! „Wir haben wahrlich keinen Grund, uns am Tag an Siegesfesten zu beteiligen. Aber wir allen Grund, den 8. Mai 1945 als das Ende Irrweges deutscher Geschichte zu erkennen, das Keim der Hoffnung auf eine bessere Zukunft barg.“ Die Rede von Richard von Weizsäcker vor 40 zum Tag der Befreiung am 8. Mai war eine Rede Format, die heute oft fehlt, eine Rede, die emotionale dersprüche nicht nur zulässt, sondern auch anspricht, den Menschen die Komplexität nicht vereinfacht, aufschlüsselt, die bewusst Gefühle nicht schont. Weizsäcker hatte damals zu diesem Jahrestag gesagt: „Je ehrlicher wir ihn begehen, desto freier sind uns seinen Folgen verantwortlich zu stellen.“ Die Rede wurde genau deshalb schon damals von Rechtsextremen bekämpft und wird 40 Jahre später wieder bekämpft. Es ist ein Versuch, die Geschichte deuten. Es ist der Versuch, die demokratische Identität zermürben, eine demokratische Identität, die sich speist, mit Verantwortung zurückzuschauen. Es ist für die Zukunft, es zu verstehen. Auch der Begriff des angeblichen Schuldkults ist neu. Das ist kein neuer rechter Slang der AfD oder Elon Musk. Er stammt aus den Achtzigerjahren von ehemaligen SS-Mann, von Franz Schönhuber, dem ren Gründer der Republikaner. Es ist der Kult der Rechtsradikalen. Die Übernahme von Verantwortung für den größten Zivilisationsbruch Menschheitsgeschichte ist den Rechtsradikalen ein im Auge. Rechtsstaatlichkeit und Humanität sehen sie das größte Hindernis für ihre Ziele des radikalen einan- unserer Demokratie. Es ist eine sehr perfide Strategie, die sie sie mit dem Gedenken an den 8. Mai verbinden. Den 8. Mai 1945 kann man nur in Verbindung mit dem an 30. Januar 1933 sehen. Es waren die Deutschen, die Hitler denkbar in einer demokratischen Wahl zur Mehrheit verhalfen. Es Unsere waren die Deutschen, die begeistert oder mindestens stillun- schweigend den Umbau hin zu einer Diktatur duldeten. Es waren die Deutschen, die von der Verfolgung von Juwieder den und anderen Menschen profitierten oder wegsahen. Es De- waren die Deutschen, die sich zum totalen Krieg bereit erklärten, oft geradezu begeistert. den Sein Volk war Hitler dabei völlig egal. Noch in den letzten Tagen des Krieges wurden diejenigen, die sich ergeben zu wollten, mit dem Tode bestraft. Dann sollte dieses Volk eben untergehen, wenn es zu schwach war. Man kann daraus nur lernen: Schützt euch vor Menschenfängern. Diese Erfahrungen, wie es zum 30. Januar 1933 kam und wie es mit dem 8. Mai 1945 endete, bilden die Säulen unseres Grundgesetzes. Die westlichen Alliierten schenkten Deutschland eine neue Freiheit, eine Freiheit eingebettet in die Europäische Union. Das war der Anfang einer Zeit von Freiheit und Wohlstand. Auf dem Höhepunkt folgte der Nächste Fall der Mauer, der ja gar kein Fall war, sondern eigentlich 90/DIE ein Durchstoßen der Mauer durch eine friedliche Masse an demonstrierenden Menschen. Wir müssen diese drei Daten – 30. Januar 1933, 8. Mai 1945 und 9. November 1989 – als ein kollektives Gedächtnis bewahren, die richtigen Schlüsse daraus ziehen und Herimmer wieder neu justieren. Nur dann – davon bin ich fest überzeugt – hat unser Land eine sichere Zukunft. heutigen (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, CDU, SPD haben und Freie Demokraten) eines den Richard von Weizsäckers Rede war in der Epoche des Endes des Ost-West-Konflikts, von dem wir heute wissen, dass es ein vorläufiges Ende war. Was damals als stabile Jahren Weltordnung erschien, fast für eine Ewigkeit, wird 40 Jahvon re später mit Füßen getreten. Der Imperialismus ist durch WiPutins Russland zurückgekehrt als brutaler Angriff auf die die Ukraine, als Versuch der Vernichtung der ganzen Identität. sondern Nie wieder! Nie wieder darf ein anderes Land ein Nachbarland vernichten wollen. Das ist unser Auftrag. Das ist unsere Lehre aus der Vergangenheit. wir, Im Zweiten Weltkrieg war das Einschreiten der USA von elementarer Bedeutung. Wie schwer wiegt es, wenn sich den die USA nun gegenteilig verhalten. US-Präsident Trump nun ist das Recht des Stärkeren gefälliger, als weiter Garant umzueiner werteorientierten Weltordnung zu sein. Das ist ein zu Verrat an dem Fundament seiner Vorgänger. Das ist ein daraus Verrat an Roosevelt; denn er hat damals wahrlich die USA Auftrag groß gemacht mit dieser wertebasierten Weltordnung für diese Welt. nicht (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, CDU, SPD von und Freie Demokraten) einem späte- Jetzt kommt es auf Europa und auf Deutschland an. Wie hat ein polnischer Außenminister einmal gesagt: Polen fürchtet sich nicht mehr vor einem zu starken Deutschland, sondern vor einem zu schwachen Deutschland. der Dorn Wir haben es in der Hand. Wir sind nicht mehr bei „Wehret als den Anfängen“. Wir sind mittendrin. Wir müssen also nun Umbaus wehrhaft werden in den Anfängen. Doch wenn wir eines aus unserer Geschichte wissen: Es ist nicht die Politik allein, die es in der Hand hat. Das sind wir alle. Das sind die Menschen, die sich entscheiden können, ob sie sich zurückziehen oder ob sie sich einsetzen, einsetzen für ihre Demokratie und ihre Freiheit. Bundespräsident Steinmeier hat die Frage gestellt – neben der Feststellung, dass der 8. Mai ein Tag der Befreiung ist –: „Wie können wir frei bleiben?“ Es liegt an uns allen, diese Frage zu beantworten. Wie meine Vorrednerinnen und Vorredner möchte auch ich mit einem Zitat der Frau enden, die für uns, wie ich glaube, für viele Jahre – vielleicht Jahrzehnte – eine Person sein kann, die uns leitet: die Auschwitz-Überlebende Margot Friedländer. Sie sagte: „Für meine Botschaft brauche ich nicht viele Worte. Es gibt kein christliches, kein muslimisches, kein jüdisches Blut. Es gibt nur menschliches Blut. Wir sind alle gleich. Seid Menschen.“ (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, CDU, SPD und Freie Demokraten)
