Kerstin Geis
Sehr geehrte Frau Präsidentin, werte Kolleginnen und Kollegen! In der Tat, die Freien Demokraten sprechen in ihrem Setzpunkt eines der großen Themen unserer Zeit an: die digitale Zukunft unseres Landes und implizit auch, wie wir es schaffen, in diesem Innovationsfeld wieder in der Spitzengruppe mitzuspielen. Eines muss klar sein: Wenn wir Potenziale, die in diesem Bereich selbstverständlich auch bei Mädchen und jungen Frauen vorhanden sind, nicht fördern, wird uns das nicht gelingen. Wir können es uns im internationalen Wettlauf um die Innovationsführerschaft nicht leisten, die Hälfte der Gesellschaft zu vernachlässigen. (Beifall SPD und Wiebke Knell (Freie Demokraten)) Das Land Hessen ist sich dieser Herausforderung bewusst und hat eine Reihe von Angeboten und Maßnahmen entwickelt, um die Attraktivität der MINT-Fächer, insbesondere der Informatik, für Mädchen und junge Frauen zu steigern und aktiv um sie zu werben, vom Digi-Truck, der sich an Grundschulkinder richtet, über „Mehr Mädchen in MINT“, die „IT-Girls Night“, das Ostercamp Informatik bis hin zur „MINT Summer School for Girls“, die jeweils von Hochschulen des Landes angeboten werden und sich an Schülerinnen unterschiedlichen Alters richten. An den Hochschulen selbst sind digitale Inhalte und Fragestellungen inzwischen Querschnittsaufgaben in allen Fachbereichen. Darüber hinaus gibt es mit „ProCareer.MINT“ eine eigene Förderlinie für Studentinnen aus dem MINTBereich. Die Initiative „Women go digital“ und „Deine Zukunft #real:digital“ haben Sie bereits in Ihrem Antrag erwähnt. Die Forderung in Ihrem Antrag, diese bestehenden Programme zu bündeln, kann ich allerdings nicht teilen. Es ist doch gerade der dezentrale Charakter der verschiedenen Initiativen, der sie sozusagen in der Breite wirken lässt. So gelingt es, die verschiedenen Zielgruppen unter den Mädchen und Frauen passgenau anzusprechen und die Angebote auf sie auszurichten. In den Programmen der Hochschulen ist bereits eine langjährige Expertise vorhanden, für die eine zentrale Struktur keinen Vorteil brächte, sondern wahrscheinlich eher hinderlich wäre. Denn am Ende des Tages, werte Kolleginnen und Kollegen von den Freien Demokraten, bedeutet eine Bündelung, wie Sie sie fordern, eine Zentralisierung, eine Bürokratisierung und eine Vereinheitlichung von Angeboten, die gerade von ihrer Vielfalt leben und dadurch erfolgreich sind. Auch Ihre Absicht, das Fach „Digitale Welt“ bzw. Informatik kurzfristig zu einem versetzungsrelevanten Schulfach zu machen, überzeugt mich nicht wirklich. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich habe kein prinzipielles Problem mit dieser Forderung. Aber wir sollten den zweiten Schritt nicht vor dem ersten machen und dabei auch aktuelle Forschungsergebnisse im Auge behalten. Fakt ist: Wir würden heute nicht über dieses Thema diskutieren, wenn Mädchen und junge Frauen in MINT und im Bereich der IT nicht deutlich unterrepräsentiert wären. Gleichzeitig zeigen verschiedene Studien und Projekte, dass Mädchen vor allem durch Spaß an den konkreten Fragestellungen und den jeweiligen Problemlösungen für diese Bereiche interessiert und motiviert werden können. Dann ist die logische Konsequenz doch: Je mehr Angebote, umso mehr Interesse ist da zu entwickeln. (Beifall SPD) Wenn nun eines Ihrer zentralen Anliegen ausgerechnet die Versetzungsrelevanz ist, kann dies ungewollt und vermeidbar zu Nebenwirkungen führen. Denn damit wird nur zusätzlicher Druck auf eine im Fach unterrepräsentierte Gruppe, nämlich Mädchen und junge Frauen, ausgeübt. Im Zweifelsfall geht es dann nur noch darum, das Fach Informatik irgendwie zu bestehen, um die Versetzung nicht zu gefährden. Mit Spaß und langfristiger nachhaltiger Motivation oder gar Begeisterung hätte das ziemlich wenig tun. Am Ende hätte man das Gegenteil von dem erreicht, man erreichen wollte, nämlich Abschreckung und tierung ungleicher Zugänge. Deshalb ist es der Ansatz, mit Pilotprojekten zu beginnen und diese sorgfältig und professionell auszuwerten, und zwar unter besonderer Berücksichtigung der Bedürfnisse von Mädchen und en. Es geht nicht um einen Wettlauf der Bundesländer, als erstes ein eigenständiges Schulfach einführt. Es letztlich um die Frage, wie es am besten gelingt, alle der mitzunehmen und echtes Interesse und Begeisterung für MINT und IT zu wecken und zu erhalten; denn das, Neugier und Begeisterung, ist die Basis für Innovation, aber nicht die Fixierung auf irgendwelche versetzungsrelevanten Noten als Selbstzweck. (Beifall SPD) Auch an anderer Stelle macht Ihr Antrag den Schritt vor dem ersten, nämlich wenn es um weibliches Unternehmertum geht. Grundsätzlich glaube ich, dass der Unternehmergeist bei Frauen und Männern gleich teilt ist. Die interessante Frage ist: Warum spiegelt das dann so wenig in der gesellschaftlichen Realität der? Wie so oft liefert uns ein Blick in die Geschichte aufschlussreiche Erkenntnisse. Blickt man auf die Anfänge der modernen Computer in ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zurück, stößt man einen erstaunlichen Befund. Das, was wir heute Codieren nennen, wurde ganz überwiegend von Frauen gemacht. Programmieren, Software entwickeln, das war eine endomäne. Sie war es vor allem deshalb, weil Programmieren nicht wie heute als hip, cool und modern sondern im Gegenteil als eine der Hardwareentwicklung untergeordnete Hilfstätigkeit. Der Zugang und die präsentation von Männern bei gleichzeitiger Verdrängung von Frauen ging einher mit einer Neubewertung und wertung von Softwareentwicklung und Programmierung. Hier nähern wir uns dem Kern des Problems, das über MINT- und IT-Bereich hinausgeht, nämlich die Barrieren für Frauen im Erwerbsleben, insbesondere in den von serer Gesellschaft als wesentlich oder hoch angesehenen Funktionen. Wir alle kennen die Stichworte: gläserne cke, Gender Pay Gap, Gender Data Gap, Gender Gap. Hier hilft aus meiner Sicht nicht ein einzelnes derprogramm des Landes Hessen. Hier brauchen wir klassisch eine wirksame und durchsetzungsstarke und Sozialpolitik. (Beifall SPD und vereinzelt CDU) Wir können es uns einfach nicht leisten, dass – wie geschehen – zum Beispiel das Elterngeld als „nice to ve“ abqualifiziert wird oder dass die Kindergrundsicherung und die Bekämpfung der Kinderarmut, liebe Freie kraten, über Monate und Jahre hinweg nicht vom kommen; denn das sind die Kehrseiten ein und derselben Medaille. Wer mehr Teilhabe für unterrepräsentierte Gruppen braucht die entsprechenden Instrumente. Wir Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten haben zum Beispiel Hochschulbereich mit dem BAföG ein solches Instrument geschaffen. Deshalb ist es grundfalsch, Instrumente das Elterngeld, das die Vereinbarkeit von Familie und ruf erleichtert, zur Disposition zu stellen. zu (Beifall SPD) Es geht auch darum, Geschlechterrollen aufzubrechen und was Diskriminierungen auf dem Arbeitsmarkt, in den Betrieben Zemen- und in den Schulen abzubauen. Es geht auch darum, dass richtige es nicht nur ungerecht, sondern auch ökonomisch schädlich ist, wenn Bildungschancen und Bildungserfolg stark vom Geldbeutel und Status der Eltern abhängen. FrauWie viele fähige Naturwissenschaftlerinnen und Programwer miererinnen gehen uns dadurch verloren? Es geht darum, geht dass die Geburt eines Kindes und die Phase der FamilienKingründung kein Karriereknick für Frauen sein dürfen, schon gar nicht in einer sogenannten Männerdomäne. genau (Beifall SPD und Ingo Schon (CDU)) Meine Damen und Herren, das Land Hessen leistet viel für die Förderung junger Frauen in den Bereichen MINT und IT, aber die große Herausforderung liegt im Abbau überholter gesellschaftlicher Vorstellungen und ungerechzweiten ter Zugangsbarrieren. Wir haben es gerade eben gehört. auch Hier gibt es noch viel zu tun. Frei nach einer großen Programmiererin gesagt: Wenn es eine gute Idee ist, dann tue veres einfach. – Vielen Dank fürs Zuhören. sich wi- (Beifall SPD und vereinzelt CDU)
