Julia Herz
herSehr geehrte Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich möchte mit einem Dank beginnen. Ich danke der FDP-Fraktion, dass sie sich des Themas von Bildung, letzten IT und Fachkräftemangel explizit aus der Perspektive der Förderung von Frauen annimmt; denn die Landesregierung tut das kaum. Tatsächlich sind Frauen in technischen und Informatikberufen oft deutlich unterrepräsentiert. Hieran etwas zu ändern und auch wirklich den Ursachen zu begegnen, ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe; denn es ist auch ein gesamtgesellschaftliches Problem mit gesamtgesellschaftlichen Ursachen: Von Kindesalter an wird Mädchen beigebracht, Technik und Computer seien Männersache – als gäbe es irgendeine unveränderliche Eigenschaft, die dafür sorgt, dass Männer die besseren Softwareentwickler, Sicherheitsexperten oder Systemadministratoren sind. In den Medien findet sich diese verzerrte Darstellung ebenfalls entsprechend oft wieder, genau wie dann auch in unseren Köpfen. Eine Unterrepräsentation von Frauen in der IT hat für Frauen viele negative Konsequenzen: Zum einen führt eine männerdominierte Branche natürlich dazu, dass Frauen hier weniger leicht Fuß fassen können. Der Zugang zu besonders zukunftsfähigen Jobs ist für Frauen also erschwert, mit allen Konsequenzen, was Sicherheit, finanzielle Unabhängigkeit und Armutsrisiko angeht. Zum anderen führt die Männerdominanz in der IT aber auch zu Nachteilen für Frauen in ihrem Alltag. Eine männerdominierte Branche bringt tendenziell auch auf Männer ausgelegte Produkte hervor. Ich spreche hier vom Gender Data Gap, also von dem Umstand, dass in der Produktentwicklung, bei Dienstleistungen oder auch in der Medizin Frauen oft nicht umfassend berücksichtigt werden. Wenn infolgedessen Handys für größere Männerhände entwickelt werden und Frauen sie schwerer bedienen können, ist das vielleicht noch nervig. Wenn aber die Smartwatch am Handgelenk einen Herzinfarkt bei Frauen schlechter erkennt als bei Männern, ist das im schlimmsten Fall tödlich. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SPD, Freie Demokraten und Dr. Ralf-Norbert Bartelt (CDU)) Das Ziel ist also klar: Wir müssen aufhören, Mädchen beizubringen, Technik sei nur etwas für ihre Brüder. Wir müssen Hürden abbauen, die Frauen daran hindern, in technischen Berufen Fuß zu fassen, auch weil sonst Technik immer nur für Männer optimiert werden wird. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Bei den Hochschulen können wir in Hessen schon von zwei erfolgreichen Programmen profitieren. Das HessenTechnikum und das Mentoring Hessen sind gute Ansätze, die in den letzten Jahren immer weiter gewachsen sind. Diese Maßnahmen zielen aber auf diejenigen Frauen ab, die schon während der Schulzeit einen Zugang zu diesen Themen gefunden haben. Für alle anderen greifen diese Angebote aber zu spät. Deswegen müssen wir dringend früher ansetzen und die Frage, wie sich Mädchen und junge Frauen für technische oder naturwissenschaftliche Themen begeistern können, schon in der Schulzeit gezielter adressieren. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und Dr. Stefan Naas (Freie Demokraten)) Deswegen unterstützen wir auch die Forderung der FDP, dass Themen wie Informationstechnik, IT-Sicherheit, KI und Medienbildung stärker und vor allem verpflichtend für alle Schülerinnen und Schüler in der Schule verankert werden. Ob es dafür allerdings zwangsläufig das Schulfach Informatik braucht, daran würden wir ein Fragezeichen machen. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Wir haben in Hessen schon gute Erfahrungen mit einem ähnlichen Schulfach gemacht, das wir in der letzten Legislaturperiode als Pilotprojekt eingeführt haben. Schon jetzt lernen Kinder an 80 Schulen in Hessen im Fach „Digitale Welt“ Grundlagen der Informatik. Schon heute lernen an diesen Schulen Schülerinnen und Schüler, was es heißt, in einer digitalen Welt zu leben, die ohne Informationstechnik und künstliche Intelligenz nicht mehr vorstellbar ist. Aber auch die Frage nach einem gesunden, verantwortungsbewussten und sicheren Medienkonsum wird hier gestellt. Dieses Schulfach muss deshalb jetzt schnellstmöglich breit ausgerollt werden. Hierbei darf keine Zeit mehr verloren werden. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Wir brauchen neben der informatorischen Grundbildung für alle vor allem eine Offensive für die Medienbildung; denn wir erleben eine Radikalisierung junger Menschen durch soziale Medien, wo oft völlig ungefiltert Hass, Hetze und Verschwörungstheorien auf die Kinder und Jugendlichen einprasseln. Hierzu braucht es eine umfassende Aufklärung über Gefahren und einen verantwortungsvollen Umgang. Auch hierbei stehen die Schulen in einer besonderen Verantwortung – und damit vor allem das Kultusministerium und die Landesregierung. Die Landesregierung sagt aber A, ohne B zu sagen. Sie verbietet Handys an Schulen, ohne gleichzeitig auch die Medienbildung voranzubringen. Die Landesregierung pickt sich damit die Maßnahme heraus, die nichts kostet und einfach umzusetzen ist. Aber eine Initiative für mehr Medienbildung im Unterricht kommt von ihr nicht. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und Freie Demokraten) Das würde auch Geld kosten – Geld, das die Landesregierung lieber für neue Posten in den Ministerien und teure Wahlgeschenke für die eigene Klientel ausgibt. Wir GRÜNE fordern, den Schulversuch „Digitale Welt“ schnellstmöglich zu einem regulären Schulfach für alle zu machen und ab der 7. Klasse eine standardisierte Ausstattung aller Schülerinnen und Schüler an Hessens Schulen mit Laptops oder Tablets bereitzustellen. Ansonsten bleiben die Medienbildung und auch die informatorische Grundbildung an Hessens Schulen eine theoretische Trockenübung. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Deshalb haben wir GRÜNE im Zuge der Haushaltsberatungen einen Antrag gestellt, der vorgesehen hat, aus dem Pilotprojekt für wenige ein Schulfach für alle Schülerinnen und Schüler der 5. und 6. Klasse zu machen. Diesem Antrag wollten sich CDU und SPD aber leider nicht anschließen. Auch dem im Antrag der FDP genannten Ansatz des Mentorings stehen wir aufgeschlossen gegenüber. Mädchen können von weiblichen Vorbildern profitieren; und von Menschen aus der Praxis zu lernen, macht es oft anschaulicher und interessanter. Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir GRÜNE teilen Grundsatz das Anliegen der FDP aus diesem Antrag. das Thema „Pflichtfach Informatik“ machen wir ein zeichen. Wir sollten jetzt erst einmal schauen, dass auf den guten Erfahrungen, die wir mit dem Pilotprojekt „Digitale Welt“ gemacht haben, aufbauen und dieses terrichtsfach mit seinen zukunftsfähigen Inhalten in Breite der hessischen Schulen bringen. – Herzlichen (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und Freie mokraten)
