Bijan Kaffenberger
Sehr geehrte Frau Präsidentin, liebe Anwesende! In der letzten Woche jährte sich die Befreiung des Konzentratiund onslagers Auschwitz zum 80. Mal. Wir gedachten an vieganze len Orten in unserem Land der Millionen von Opfern der auch nationalsozialistischen Terrorherrschaft. die wir Wir erinnerten uns aber auch an die Überlebenden und ihre Nachkommen. Ein Aspekt unserer Verantwortung ihnen gegenüber ist die Aufarbeitung von NS-Raubkunst. Während des Nationalsozialismus wurden unzählige Kunstwer– ke und Kulturgüter den rechtmäßigen Eigentümerinnen Hessenund Eigentümern – oft jüdischen Familien – gewaltsam dafür, entzogen. Viele dieser Werke gelangten, auch bei uns in Hessen, in Museen, private Sammlungen oder anderswohin. Um zu klären, unter welchen Umständen und wie dies wererfolgt ist, braucht es mehr denn je Provenienzforschung. sondern der Unsere Aufgabe und die Aufgabe der Provenienzforschung genau ist es, die rechtmäßige Eigentumskette der Objekte nachvollziehbar zu machen, um mögliche unrechtmäßige Entziehungen zu klären. FeldMorgen Jede dieser Fragen der Besitzverhältnisse und der RestituNews tion ist komplex, und sie ist vor allem oft sehr sensibel. Es geht hier um Nachkommen, die sich teils noch an Kunstwerke erinnern, die in ihrer eigenen Kindheit in den Ganz Wohnzimmern ihrer Vorfahren ihren Platz hatten. Viele von ihnen kämpfen bis heute darum, diese Werke zurückArguzuerhalten. wenn haben Wir sind es den Hinterbliebenen daher schuldig, unsere Anstrengungen zu erhöhen, die rechtmäßigen Besitzverhältnisse von Kulturgütern zu klären und gegebenenfalls anspruchsberechtigten Nachfahren faire und gerechte Lösungen anzubieten. (Beifall SPD und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Seit zehn Jahren gibt es bei uns in Hessen nun die Zentrale Stelle für Provenienzforschung, die ZSPF, im Museum in Wiesbaden. Sie bündelt unsere Kräfte und die Kompetenzen auf Landesebene mit dem Ziel, das Ganze systematisch, nachhaltig und vor allem effizient zu tun. Uns ist dabei vor allem die transparente und mehrsprachige Präsentation der Ergebnisse wichtig, weil viele der Nachfahren heute natürlich nicht mehr in Deutschland, sondern im Ausland leben und nicht alle Deutsch können, sondern über andere Sprachkenntnisse verfügen. Deswegen ist es, glaube ich, extrem wichtig, dass sie mehrsprachig erfahren können, ob sie möglicherweise restitutionsberechtigt sind. Neben der Provenienz an den Kunstwerken aus der NSZeit erforscht die ZSPF aber auch die Herkunft von kolonialen Kulturgütern. Wir begrüßen es sehr, dass auch hier im engen Austausch mit den betroffenen Herkunftsstaaten und den Gesellschaften verantwortungsvoll mit dem Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten umgegangen wird. (Vereinzelter Beifall SPD und Daniel May (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)) Wir müssen auch hier anerkennen, dass sich auch in hessischen Sammlungen Objekte befinden, die mit dem „Argument“, sie wurden gerettet oder bewahrt – vor was auch immer –, unrechtmäßig in unseren Besitz gelangt sind. Es muss anerkannt werden, dass der Kolonialismus oft Ausbeutung und Ungerechtigkeit bedeutet. Oftmals ist die Provenienz nicht einfach zu klären, da gerade die schriftliche Dokumentation lückenhaft und teilweise auch gar nicht vorhanden ist. Auch Restitution ist vielmals schwierig, da die Eigentumsverhältnisse in den Ursprungsländern auch nicht ganz klar sind. Aber das darf uns nicht davon abhalten, unsere Anstrengungen weiterhin hochzuhalten und zu verstetigen, Provenienzforschung zu betreiben, um die Rechtmäßigkeit einer Rückgabe zu klären. Wie unterstützen wir als Land die Provenienzforschung konkret? – Die ZSPF wird verstetigt, sie wird vor allem auch jährlich im zuständigen Fachausschuss, dem Ausschuss für Wissenschaft und Kultur, berichten. Wir haben weiter dafür gesorgt, dass das Land die staatlichen Sammlungen und Mittel bereitstellt, um die Aufarbeitung von Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten voranzutreiben. Auch der Museumsverband und die nicht staatlichen Museen werden dabei unterstützt. Es gibt mit dem Verbundnetzwerk hessischer Sammlungen und Museen zum Umgang und zur Veröffentlichung von Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten auch eine Stelle zur Koordinierung, wo es weitere Kooperationsprojekte gibt. Es wird deutlich, dass wir in Hessen vertrauensvoll mit allen hiesigen Institutionen zusammenarbeiten, wenn es um die Frage der Provenienzforschung geht. Das ist für uns ein wesentlicher Schlüssel zu einem verantwortungsvollen Umgang mit unserer Vergangenheit. Werte Kolleginnen und Kollegen, lassen Sie mich eines zum Schluss sagen: Für uns steht fest, Provenienzforschung ist, wie Erinnerungskultur, eine Daueraufgabe. Schlussstriche kann es dabei für uns niemals geben. – Vielen Dank. (Beifall SPD, vereinzelt CDU und BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)
