Julia Herz
Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Damen und ren, liebe Kolleginnen und Kollegen! Der Setzpunkt viel über das Verständnis der AfD, nicht nur zu von Gleichberechtigung, sondern auch zur Wissenschaftsfreiheit. Um es klar und deutlich zu sagen: Unsere schulen haben die Autonomie, selbst zu entscheiden, was sie forschen, über was sie diskutieren und wie sie wissenschaftliche Exzellenz voranbringen. Wenn hier die Hochschulen und für die Wissenschaft Geschlecht Vielfalt eine Rolle spielen, ist das im Sinne der schaftsfreiheit und Hochschulautonomie von uns zu respektieren. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, vereinzelt CDU und SPD) maSie Aber das ist überhaupt nicht der Grund, warum Sie diesen Antrag heute stellen. Ihnen geht es mit diesem Antrag nicht um eine inhaltliche Auseinandersetzung mit wissenschaftspolitischen oder frauen- und vielfaltspolitischen Fragestellungen. Das wissen Sie. Das wissen wir. Das wisdafür, Nach- sen mittlerweile, glaube ich, alle. nämlich (Andreas Lichert (AfD): Es gibt Wissenschaftsfreiheit, genau!) 90/ Ihnen geht es in diesem Fall darum, Institutionen zu diskreditieren, die sich mit den Strukturen der DiskriminiePapier rung, Vielfaltsförderung und Gleichstellung der Geschlechei- ter auseinandersetzen. (Dr. Frank Grobe (AfD): Hier geht es nicht um Gleichstellung!) keinen IhIhnen geht es auch darum, diese Ansätze lächerlich zu machen. Ihrer (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, vereinzelt CDU und SPD – Zuruf Andreas Lichert (AfD)) Wir sind dankbar für Institutionen wie das Cornelia Goethe Centrum und für ihre exzellente und bereichernde wissenschaftliche Arbeit. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und vereinvon Blick zelt SPD – Lachen Dr. Frank Grobe (AfD)) saAnders als die AfD haben Wissenschaft und Forschung, aber auch die Wirtschaft schon längst die Notwendigkeit erkannt, Diversität und Geschlecht zu berücksichtigen, und zwar nicht aus Gutmütigkeit, sondern weil verschiedene verbindPerspektiven und Sichtweisen zu besseren Ergebnissen geführen. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, vereinzelt 90/DIE SPD und Wiebke Knell (Freie Demokraten)) ZuruGeschlecht und Vielfalt sind vor allem riesige Potenziale für Perspektiven, Kreativität, wissenschaftliche Innovation und Exzellenz. Damit haben diese Themen das Potenzial, unsere Gesellschaft zu bereichern. erste Davon einmal abgesehen, formuliert die Frankfurter Goethe-Uni ihre zehn Punkte sehr anders, als es uns die AfD hier glauben lassen möchte. Die AfD spricht in ihrem Antrag von „Handlungsanweisungen“. Dieser Eindruck, der Weihier vermittelt werden soll, ist schlichtweg falsch. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, vereinzelt CDU, SPD und Dr. Stefan Naas (Freie Demokraten) – Dr. Frank Grobe (AfD): Das steht da drin!) Das Papier wurde innerhalb der Gremien der Universität Her- nicht formal verabschiedet. Damit handelt es sich hier um sagt eine Empfehlung der Universität, die keinen bindenden Fragen Rechtscharakter hat. Aber das Schöne ist, dass die meisten Menschen inzwischen verstanden haben, was die AfD für Hocheine Partei ist, zu (Zuruf Volker Richter (AfD)) ihre für und damit auch verstanden haben, dass man nicht in Aufund regung verfallen muss, wenn die AfD ein Konzept für Wissenunseren Untergang hält. schlicht (Zurufe AfD: Oh!) Aber nur einmal angenommen, bei Ihnen gäbe es wirklich einzelne Abgeordnete, die sich glaubhaft um die Zukunft der Goethe-Uni und um die Zukunft anderer Universitäten sorgen würden: Dann schauen Sie sich bitte einmal an, was Parteien Ihresgleichen beispielsweise in Polen oder Ungarn mit der Freiheit von Lehre und Forschung, mit der Meinungsfreiheit an Universitäten, aber auch bezüglich des internationalen Ansehens ihrer Unis angerichtet haben. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, CDU, SPD und Freie Demokraten – Volker Richter (AfD): Das sehen wir doch gerade in Deutschland!) Das Schlimmste, was unseren Unis passieren kann, ist die AfD. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, vereinzelt CDU und SPD) Ich will an dieser Stelle aber auch deutlich machen, was passieren kann, wenn Geschlecht in Forschung und Wissenschaft in und außerhalb von Unis keine Beachtung findet. Das führt nämlich immer wieder zu erheblichen Konsequenzen für Frauen oder intergeschlechtliche Menschen. Eva ist der Name des ersten weiblichen Crashtest-Dummys. Es ist der erste Dummy, der eine durchschnittlich weibliche Statur nachbildet, beispielsweise was den Körperschwerpunkt und die Muskulatur angeht. Bis dahin – wir reden hier vom Jahr 2022 – wurden für das Testen von Sicherheitssystemen im Auto einfach immer nur kleinere Versionen der männlichen Puppe verwendet. Ich hoffe, dass ich der AfD jetzt nichts Neues verrate, aber Frauen sind keine kleineren Männer. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, CDU, SPD und Freie Demokraten – Zurufe AfD) Diese Annahme führt in diesem Fall allerdings dazu, dass Frauen noch immer ein 17 % höheres Risiko haben, bei einem Autounfall ums Leben zu kommen. Ähnlich ist es in der Medizin, wo viele Medikamente ungeachtet der Tatsache, dass sie bei Frauen ganz anders wirken können, nur an Männern getestet werden, oder wo die meisten einen Herzinfarkt bei Frauen noch immer deutlich schlechter erkennen, da vollkommen andere Symptome auftreten können. Das sind ganz konkrete Folgen, wenn in Wissenschaft und Forschung männliche Körper, männliche Lebenserfahrung und männliche Perspektiven als universell angesehen werden. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SPD, Freie Demokraten und vereinzelt CDU) Die Konsequenzen des Gender Data Gaps sind für alle anderen Geschlechter im besten Fall unangenehm, im schlimmsten Fall aber auch tödlich. Die Ideologie der AfD verhindert den wissenschaftlichen Fortschritt und gefährdet die Sicherheit von Frauen. Das werden wir nicht akzeptieren. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, CDU, Freie Demokraten und vereinzelt SPD) Das Thema ist weit komplexer, als es die AfD suggeriert. Die Gleichstellung der Geschlechter, auch in Wissenschaft und Forschung, und die Förderung von Diversität sind zwei Querschnittsaufgaben, die immense Anstrengungen erfordern. Zum einen geht es um die Förderung der inhaltlichen Auseinandersetzung mit Geschlecht und Vielfalt in den einzelnen Fachbereichen. Zum anderen geht es um die Universität als organisatorische Einheit, die sich mit Fragen zur Barrierefreiheit und Nachwuchsförderung auseinandersetzen muss; denn die gläserne Decke ist noch immer da. In beiden Bereichen bedarf es daher einer kritischen Reflexion, wie es um Diversität und Gleichstellung bestellt ist. An dieser Stelle möchte ich die Präsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Frau Prof. Dr. Katja Becker, zitieren. Nach ihrer Ansicht widerspricht eine Förderpolitik, die Frauen gezielt bevorzugt, nicht dem Prinzip der Bestenauslese. Sie sagt – Zitat –: „Solange Frauen strukturell benachteiligt sind, sorgt die Förderung von Frauen gerade für Exzellenz! Wenn Frauen und andere Mitglieder benachteiligter Gruppen unterrepräsentiert sind, dann war offensichtlich eben nicht die Bestenauslese entscheidend, sondern andere Faktoren – und genau dann haben wir ein Problem.“ (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und vereinzelt SPD) Liebe Kolleginnen und Kollegen, was passiert, wenn wir die Bestenauslese der AfD betreiben, sehen wir ja an ihrer Fraktion. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, CDU, SPD und Freie Demokraten – Zuruf Heiko Scholz (AfD)) Auch der Wissenschaftsrat stellt in seinen „Empfehlungen zur Weiterentwicklung der Geschlechterforschung in Deutschland“ fest, dass es in den Fächern jenseits der Gesellschaftswissenschaften und vor allem in den technischen und naturwissenschaftlichen Bereichen eine unzureichende Verankerung des Themas in der Wissenschaft gibt. Das Papier der Goethe-Universität wurde folglich innerhalb der Universität, aber auch darüber hinaus in der wissenschaftlichen Fachwelt überwiegend positiv bewertet. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und vereinzelt SPD – Stephan Grüger (SPD): Hört, hört!) Die Förderung von Diversität und Geschlecht in Wissenschaft und Forschung bereichert die Ergebnisse und damit unsere Gesellschaft. Immer mehr Unternehmen erkennen, dass es einen messbaren positiven wirtschaftlichen Effekt gibt, wenn sich Vielfalt auch in Unternehmen widerspiegelt. Die AfD mit ihrem Gesellschaftsbild der Dreißigerjahre schadet damit nicht nur der Forschung, der Wissenschaft und der Wirtschaft, sondern dem ganzen Land. – Herzlichen Dank. (Anhaltender Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, CDU, SPD und Freie Demokraten – Zurufe AfD)
