MittagsDr. Josefine Koebe
Fraktion Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! „Die Besten für die Jüngsten“ – ich sehe mich noch vor gut fünf Jahren diese Überschrift in bunheute ten Buchstaben auf eine Pappe malen. Mit damals zwei Kindern im Gepäck ging es für mich zur großen Kita-Krisen-Demo in Berlin am Brandenburger Tor, zusammen mit 3.500 anderen Familien. Auf meiner Webseite gibt es noch ein Erinnerungsfoto von diesem Tag. Fraktion Wir hatten damals auf der Straße einer sonst eher leiin sen Lobby eine laute Stimme gegeben und mehr KitaPlätze, aber auch strukturelle Verbesserungen sowie eine grundsätzliche Aufwertung des Erzieherinnenberufs eingenach fordert. Diese laute Stimme will ich auch heute erheben. der Dass ich heute vor Ihnen stehe und darüber sprechen darf, wie die Landesregierung sich auf den Weg macht, diesen Job wieder zu einem Traumjob zu machen, ist für mich ganz persönlich eine große Ehre. will- (Beifall SPD und CDU) Da es meine erste Rede in diesem Hohen Hause ist und ich nun schon ankündigen kann, als Sprecherin der SPD-FrakNi- tion für frühkindliche Bildung noch häufiger zu Ihnen zu Robert diesem Thema reden zu werden, erlauben Sie mir ein paar Marxen grundsätzliche Gedanken vorweg, warum ich den Geist dieser Botschaft „Die Besten für die Jüngsten“ für unser Land als unglaublich wichtig erachte. Die frühkindliche Bildung wird gerne nett belächelt und verniedlicht. Selbst mein Opa hat im Wahlkampf immer zu Mit- mir gesagt: Fini, red nicht immer nur über Kitas. – Ich sage Ihnen und auch meinem Opa deutlich: Die frühkindliche Bildung ist nicht niedlich und geht vor allem uns alle an. vorDas sage ich jetzt ausdrücklich nicht nur als berufstätige Mutter, sondern auch aus der Perspektive einer VolkswirAbend tin. Unternehmerverbände und Wirtschaftsweise schlagen uner- schon längere Zeit Alarm. Wenn sich hoch qualifizierte Ein- Arbeitskräfte gegen Hessen oder sogar gegen Deutschland wegen unzureichender Kindertagesbetreuung entscheiden, müssen wir gegensteuern. Wenn Lebenswege vorgezeichangenet werden, weil bei Einschulung die deutsche Sprache nicht sitzt, müssen wir gegensteuern. Wenn Frauen nicht in ihren Beruf zurückkehren können aufgrund unzureichender Kindertagesplätze, müssen wir gegensteuern. Ein Punkt ist mir hier noch ganz besonders wichtig, insbesondere in diesen Tagen. Eine gute Kita ist ein Ort, wo Kinder Demokratie erleben und leben können. In Kinderparlamenten werden Grundsteine für das gelegt, wofür gerade Tausende Menschen auf die Straße gehen: Respekt für die Meinung des anderen, Teilhabe eines jeden und Verantwortungsgefühl für die gesamte Gesellschaft – das wird dort gelebt. (Beifall SPD, CDU und vereinzelt BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) Wir brauchen also sowohl aus volkswirtschaftlichen als auch gleichstellungspolitischen, als auch urdemokratischen Gründen dringend Taten und Investitionen. Mit diesem Setzpunktantrag wollen wir den ersten Schritt zu einer notwendigen Aufwertung des Traumjobs nehmen. Denn, wenn Sie alle in Ihren Wahlkreisen Kitas besuchen und dort mit Erzieherinnen und Erziehern sprechen, dann treffen Sie dort auf Menschen, die ihren Beruf leben und lieben und die sich aus guten Gründen für diesen vielseitigen Job entschieden haben. Worüber wir aber selten sprechen, ist das Arbeitsfeld der Kindertagesbetreuung selbst. In den letzten beiden Jahrzehnten hat das Personalvolumen eine rasante Expansionsgeschichte zu verzeichnen, die auf dem deutschen Arbeitsmarkt so in diesem Zeitraum ihresgleichen sucht. Wussten Sie, dass in Hessen mit rund 51.000 Beschäftigten mehr Menschen in Kitas als in der Automobilindustrie arbeiten? Jetzt drehe ich mich einmal zum Herrn Staatsminister. Ich würde einmal in den Raum werfen: Hessen ist deshalb nicht nur ein Auto-Land, sehr geehrte Damen und Herren, sondern Hessen ist auch ein Kita-Land. (Beifall SPD und CDU) Wir geben natürlich alles, dass es auch ein gutes Kita-Land ist. Merken Sie sich das. Die Praxis warnt uns nämlich dringend davor, nicht weiter über Krisen im Zusammenhang mit Kitas zu sprechen. Denn welcher junge Mensch will schon in eine Branche einsteigen, wo jeder und jede über schwierige Arbeitsbedingungen redet? Statt über Krise will ich über die Attraktivität des Jobs sprechen, bzw. was wir tun wollen, um ihn wieder attraktiver zu machen; (Mathias Wagner (Taunus) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Das wäre schön, ja!) denn der Bedarf an Kita-Plätzen ist noch lange nicht gedeckt. Der Fokus unserer Fachkräfteoffensive liegt unter anderem auf Personalgewinnung und dabei auf einem Ausbau der praxisintegrierten vergüteten Ausbildung. Ich habe letztes Jahr die Ehre gehabt – ich habe lange für einen Kita-Träger gearbeitet –, die zweite Fachschule für PivA eröffnen zu dürfen. Ich kann Ihnen also aus bestem Wissen und Gewissen sagen: Das Konzept hat sich bewährt. (Beifall SPD und CDU) Evaluationen haben gezeigt, dass sich so viel mehr Menschen, die schon im Erwachsenenleben stehen, für diese Ausbildung entscheiden. Auch Männer, die wir auch in dieser Erzieherausbildung grundsätzlich mehr brauchen, machen das mehr, wenn die Möglichkeit einer PivA besteht. (Beifall Stephan Grüger (SPD)) Wir werden nun die geförderten Ausbildungsplätze in Hessen von 600 auf 1.000 aufstocken, und wir werden dieses Ausbildungsmodell auch auf die Kinder- und Jugendhilfe ausweiten. Auch die Kindertagespflege nehmen wir in den Blick. Hier müssen wir gezielte Untersuchungen zum konkreten Qualifizierungs- und Unterstützungsbedarf durchführen und in einen Dialog mit den Trägern einsteigen. Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, wir sind überzeugt: Fachkräftegewinnung und Qualität müssen Hand in Hand gehen. Bei Qualität meine ich hier sowohl die Qualität der Bildung und Betreuung als auch die Qualität der Arbeitsbedingungen; denn die beste Fachkräfteoffensive nützt wenig, wenn wir nicht dafür sorgen, dass wir Fachkräfte auch motiviert in ihrem Job halten. (Beifall SPD und CDU) Wenn wir also über eine Qualitätsoffensive sprechen, dann sprechen wir über ein unterstützendes Arbeitsumfeld, über mehr Entlastung von administrativen Tätigkeiten durch zusätzliche Verwaltungskräfte und auch über digitale Lösungen. Sehr geehrte Damen und Herren, jedes gute Team besteht aus unterschiedlichen Stärken und Kompetenzen – wie im Fußball, das ist auch in der Kita so. Multiprofessionelle Teams können eine Win-win-Antwort auf den immer weiter steigenden Bildungs- und Betreuungsauftrag in unseren Kitas als auch auf den Fachkräftemangel sein. Darauf wollen wir weiter setzen. Für unsere Jüngsten selbst setzen wir den Schwerpunkt auf die sprachliche Bildung und individuelle Förderung. Sprache – das wissen wir, glaube ich, alle – ist der Schlüssel zur Chancengleichheit, zu einer erfolgreichen schulischen und später beruflichen Karriere. Wir werden hier die bewährten Strukturen der Vorschulkurse stärken, aber Hinweise zur besseren Umsetzung aus der Praxis aufgreifen. Alle diese Maßnahmen und Pläne brauchen solide Fachkenntnisse. Wir alle wissen, dass sich die Welt schnell verändert. Wir begrüßen daher ausdrücklich, dass das Land weiterhin ein umfassendes kostenloses Fortbildungs- und Beratungsangebot zur Verfügung stellt. Liebe Kolleginnen und Kollegen, zu guter Letzt: Sie erinnern sich vielleicht, wir wurden alle im Wahlkampf letztes Jahr vom Hessischen Rundfunk gefragt, worüber wir unsere erste Rede im Parlament halten wollen. Ich habe geantwortet, dass ich in meiner ersten Rede darüber spreche, dass wir die Kommunen entlasten. Das habe ich gesagt, und bei diesem Thema fällt es mir sogar leicht, den Bogen jetzt noch dahin zu spannen. Denn als ehemalige ehrenamtliche Stadträtin habe ich dazu Erfahrung aus erster Hand. Meine Heimatstadt Bensheim setzt auf Qualität in der Kindertagesbetreuung und lässt sich diese auch sehr viel kosten. Das hat allerdings die Folge, dass wir dadurch kaum noch Handlungsspielraum haben. Wir dürfen die Kommunen mit dieser Herkulesaufgabe nicht länger alleine lassen. Als SPD sagen wir ganz klar: In dieser Legislaturperiode wird die nachhaltige Finanzierung der Kindertagesbetreuung angegangen, sehr geehrte Damen und Herren. (Beifall SPD und vereinzelt CDU) Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, dieser Antrag soll Ihnen beides zeigen: sowohl eine grundsätzliche Haltung als auch einen Weg für die Zukunft. Er tut dies bereits mit einem breit gefächerten Ansatz. Wir wollen mit diesem Antrag nicht nur Bewährtes festigen, wir wollen neue Schwerpunkte setzen und ein wichtiges Signal an die Wirtschaft, an Träger, an Eltern und Fachkräfte senden: Wir sehen Sie. Wir hören Ihnen zu. Wir verstehen Ihre Bedürfnisse. Wir werden zukunftsfähige Lösungen für mehr Traumjobs zeitnah umsetzen. – Herzlichen Dank. (Anhaltender Beifall SPD und CDU)
