Melanie Nerlich
Sehr geehrtes Präsidium, sehr geehrte Damen und Herren! Im Süden der Ukraine wird das größte Atomkraftwerk Europas, Saporischschja, seit knapp vier Jahren von russischen Truppen besetzt. Es produziert selbst keinen Strom mehr, es benötigt aber Strom, um den Atombrennstoff zu kühlen und damit eine nukleare Katastrophe zu verhindern. Die letzte hierfür verbleibende Leitung wurde schon mehrfach beschädigt, und das Kraftwerk musste dann auf Notstromaggregaten laufen. Diese Situation ist dort also brandgefährlich, auch heute noch. Stellen wir uns einmal vor, wie dieselbe Situation in einem vollständig auf erneuerbare Energien umgestellten Stromsystem aussehen würde: Wenn russische Truppen einen Windpark angreifen oder besetzen würden, dann wäre das schade für den Windpark, würde aber darüber hinaus niemanden groß in Angst und Schrecken versetzen. An dem Windpark würde auch nicht ein Viertel der landesweiten Stromversorgung hängen – wie bei dem AKW –, weil erneuerbare Energien dezentral sind und es nur ein Windpark von vielen wäre. Auch weht der Wind im eigenen Land, sodass man nicht von problematischen Lieferländern wie Russland für die Brennstoffe abhängig ist. Also: Die Umstellung der Energieversorgung unseres Landes auf ein vollständig dezentrales und erneuerbares Stromsystem macht uns stärker, unabhängiger, weniger angreifbar und verwundbar. Und deshalb gehen wir diesen Weg in Hamburg konsequent voran. Wir machen aber noch viel mehr als das: Die Versorgungssicherheit steht bei unseren städtischen Unternehmen vom Stromnetz bis zur Fernwärme immer an oberster Stelle. Alle anderen Ziele sind dem untergeordnet. Handlungsleitend ist die sogenannte (n-1)-Sicherheit. Das heißt, dass der Ausfall eines wesentlichen Betriebsmittels, zum Beispiel eine Leitung oder ein Transformator, nicht zu einer wesentlichen Versorgungsunterbrechung oder Unsicherheit führt. Insgesamt ist das deutsche Stromnetz eines der sichersten und stabilsten der Welt. Es ist im Vergleich zu anderen Ländern – typisch deutsch – mit Gürtel plus Hosenträgern abgesichert. Das führt dann vielleicht auch mal dazu, dass Netzanschlüsse bei größeren Anlagen etwas länger dauern oder etwas schwieriger sind, weil der Netzbetreiber eben sehr, sehr gründlich rechnet und modelliert und prüft, bevor er eine neue Anlage ans Netz anschließt. Ein großer Blackout ist deshalb in Deutschland laut der Bundesnetzagentur sehr unwahrscheinlich. In Hamburg wären wir aber selbst auf diesen Ernstfall vorbereitet. Frau Kollegin Nerlich, gestatten Sie eine Zwischenfrage oder Zwischenbemerkung? Nein, danke. Auf der Elbinsel Dradenau geht dieses Jahr ein modernes Heizkraftwerk in Betrieb, um das alte Kohlekraftwerk Wedel zu ersetzen. Dieses neue Kraftwerk ist schwarzstartfähig. Das heißt, es kann bei einem großen Stromausfall ohne externe Stromquellen angefahren werden und dann von Hamburg aus das Stromnetz in Norddeutschland schrittweise wieder hochfahren, um den Stromausfall zu beenden. Das ist ein wesentlicher Meilenstein für die Resilienz und für die Energiesicherheit in Hamburg. Vielen Dank!
