Carola Veit
Meine sehr verehrten Damen und Herren, wir trauern um Elisabeth Kiausch. Im Alter von 93 Jahren ist die ehemalige Präsidentin der Hamburgischen Bürgerschaft am 19. August verstorben. Unser aufrichtiges Beileid und tiefes Mitgefühl gilt ihrer Familie und ihren Freunden. Elisabeth Kiausch wurde im Januar 1933 geboren. Sie ist unter der NS-Diktatur aufgewachsen, hat als Kind den Zweiten Weltkrieg mit all seinen Schrecken erlebt. Das hat sie geprägt und später zu einer glühenden Demokratin gemacht. 34 Jahre lang war Elisabeth Kiausch Mitglied der Hamburgischen Bürgerschaft. Ihr Wirken hat unser Hohes Haus geprägt. Um es mit ihrer zweiten großen Leidenschaft für den Pferdesport zu sagen: In zweierlei Hinsicht war Elisabeth Kiausch eine Pacemakerin. Erstens, sie hat die politische Rennstrecke für Frauen in Hamburg eröffnet. Das macht sie für uns alle zum Vorbild, wobei sie sich selbst nie als Frauenpolitikerin bezeichnet hätte. Bereits ihre Ausbildung zur Schriftsetzerin machte sie von 1949 bis 1952 als Frau in diesem Männerberuf in einem Hamburger Verlag. 1970 begann ihre politische Arbeit im Eingabenausschuss, und acht Jahre später übernahm sie die Geschäftsführung in der SPD-Fraktion. Sie wurde 1987 zur ersten Präsidentin der Bürgerschaft gewählt und war damit die erste Frau an der Spitze eines Landesparlaments in der Bundesrepublik. Wenige Monate später wurde sie dann Finanzsenatorin, in der Geschichte unserer Hansestadt die erste Finanzsenatorin. Während ihrer zweiten Amtszeit als Präsidentin der Hamburgischen Bürgerschaft Anfang der Neunzigerjahre beschrieb sie selbst ihren Führungsstil so: "Kooperativ und freundschaftlich, aber durchaus hart und durchgreifend, wenn es sein muss." Zweitens hatte Elisabeth Kiausch ein sehr feines politisches Gespür. Politikverdrossenheit hat sie sehr besorgt. Früh hat sie erkannt, wie wichtig politische Bildung ist, damit Kinder und Jugendliche zu überzeugten Demokrat:innen heranwachsen. Als Parlamentspräsidentin hat sie 1992 das Planspiel "Jugend im Parlament" ins Leben gerufen, das bis heute ein wichtiger Baustein der politischen Bildung in unserer Stadt ist. Dem "Hamburger Abendblatt" hat meine Vorgängerin 1991 gesagt: "Politiker sollten aufhören, sich selbst darzustellen und lieber die Politik darstellen." Und weiter: "Sie sollten miteinander reden, vor allem aber zuhören und wirklich diskutieren." Dem ist, meine Damen und Herren, nichts hinzuzufügen. Die Gefahr von extremistischen Einflüssen hat Elisabeth Kiausch bereits 1993 erkannt. In ihrer Abschiedsrede als Parlamentspräsidentin mahnte sie die Fraktionen zu Geschlossenheit und sagte: "Hamburg hat es verdient, auch in Zukunft nur und ausschließlich" "von freiheitlich und demokratisch gesinnten Volksvertretern gestaltet zu werden." Elisabeth Kiausch hat viele Frauen dazu ermutigt, in die Politik zu gehen. Sie hat kompetent und entschlossen geführt und entscheidende Impulse gesetzt. Wir Abgeordneten werden ihr ein ehrendes Andenken bewahren. Ich danke Ihnen.
