Melanie Nerlich
Sehr geehrtes Präsidium, sehr geehrte Damen und Herren. Hamburg ist nicht nur das Zuhause von fast zwei Millionen Menschen. Hamburg ist auch Lebensraum für Füchse, Igel, Eichhörnchen, Greifvögel, Rehe und viele andere Wildtiere. Die Stadt wird als Lebensraum für Wildtiere und Pflanzen immer wichtiger. Hier finden sie Strukturen, die in der intensiv genutzten Agrarfläche fehlen. Von Bäumen in Parks, die vorrangig der Erholung und nicht der Holzproduktion dienen und daher älter und natürlicher sind als im ländlichen Wirtschaftswald, bis hin zu mageren und nährstoffarmen Böden, die Lebensraum für gewisse Pflanzenbiotope bieten, die es durch den starken Düngereintrag im ländlichen Raum kaum noch gibt. Das Zusammenleben von Mensch und Wildtier in der Stadt ist dabei keine Selbstverständlichkeit. Straßenverkehr, technische Geräte wie Mähroboter oder achtlos weggeworfener Müll stellen für viele Tiere erhebliche Gefahren dar. Immer wieder werden Wildtiere verletzt oder geraten in Not. Vom Auto überfahren oder vom Mähroboter brutal zerschreddert, das sind nur zwei Beispiele für die unzähligen lebensgefährlichen, menschengemachten Situationen für Wildtiere. Die Frage ist dann, wer kümmert sich um das verletzte Tier? Schon heute gibt es in Hamburg Menschen, die genau das tun. Der Schwanenvater und sein Team übernehmen Verantwortung für jagdbare Wildtierarten. Daneben engagieren sich zahlreiche Vereine und Initiativen ehrenamtlich seit vielen Jahren und mit großer Fachkenntnis für verletzte und hilfsbedürftige Wildtiere. Sie pflegen die Tiere, ziehen Jungtiere auf und bereiten sie auf die Auswilderung vor. Wir als GRÜNE Fraktion möchten Ihnen allen von Herzen unseren Dank aussprechen. Ihre Arbeit ist für den Tierschutz und für die Artenvielfalt in unserer Stadt unverzichtbar. Trotz alledem gibt es in Hamburg bis heute keine einzige offiziell benannte Wildtier-Auffangstation nach Paragraf 45 Absatz 5 des Bundesnaturschutzgesetzes. Dieser bestimmt, dass, wer ein verletztes, hilfloses oder krankes Tier aufnimmt, dieses an die von der zuständigen Behörde bestimmte Stelle abzugeben hat. So wissen Bürger:innen verlässlich, an wen sie sich im Ernstfall wenden können. Genau hier setzt unser Antrag an. Wir wollen zunächst Klarheit schaffen: Welche Strukturen gibt es bereits? Welche Einrichtungen verfügen für welche Tierarten über die notwendige Erfahrung, die personellen Kapazitäten und geeignete Flächen? Dabei geht es uns ausdrücklich nicht darum, funktionierende Strukturen zu ersetzen. Im Gegenteil: Wir wollen sie sichtbar machen, anerkennen und ihnen eine verlässliche Perspektive geben. Die Ehrenamtlichen haben über Jahre hinweg Wildtierstationen aufgebaut und etabliert, bislang weitgehend ohne institutionelle Unterstützung. Dieses Engagement verdient Anerkennung. Die Benennung kann künftig auch eine Grundlage für eine bessere Unterstützung sein. Jede Einrichtung hat unterschiedliche Kompetenzen und Infrastruktur für unterschiedliche Tierarten. Wir halten es ausdrücklich für sinnvoll, mehrere Wildtier-Auffangstationen für jeweils verschiedene Tierarten zu benennen. Von einer solchen Struktur profitieren nicht nur die Einrichtungen. Wer in Hamburg ein verletztes Wildtier findet, sollte nicht lange suchen oder von einer Stelle zur nächsten geschickt werden. Es braucht verlässliche Anlaufstellen für die Tiere und für die Menschen, die helfen wollen. Ein wichtiger Hinweis noch zum Schluss. Nicht jedes Wildtier, das alleine oder hilflos wirkt, braucht tatsächlich unsere Hilfe. Gerade jetzt im Sommer finden viele Menschen einen Jungvogel auf dem Boden und möchten ihn am liebsten sofort mitnehmen. Dabei handelt es sich häufig um einen sogenannten Ästling. Er hat das Nest bereits verlassen und wird aber weiterhin von seinen Eltern versorgt. In solchen Fällen ist es besser, Abstand zu halten als einzugreifen. Wer unsicher ist, kann die App "Wildtier-SOS" der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover nutzen. Sie hilft dabei einzuschätzen, ob ein Wildtier wirklich Hilfe braucht und zeigt im Ernstfall auch geeignete Anlaufstellen an. Gerade deshalb ist es wichtig, dass Hamburg künftig auch offiziell benannte Wildtier-Auffangstationen hat. Sie schaffen Klarheit, an wen man sich wenden kann. Nur so wird aus gut gemeinter Hilfe die richtige Hilfe. Mit unserem Antrag wollen wir daher das Engagement der Menschen, die sich seit Jahren ehrenamtlich für verletzte Wildtiere einsetzen, würdigen und zugleich eine erste Grundlage dafür legen, die Wildtierhilfe in Hamburg zu professionalisieren und langfristig auch zu stärken. Wir danken für Ihre Zustimmung.
