Dr. Sabine Ritter
Sehr geehrtes Präsidium, liebe Kolleg:innen. Wollen wir eigentlich gute Bildung für junge Menschen oder vor allem schicke Schlagzeilen über Standortpolitik produzieren? Es ist gut, dass wir heute über Berufsschulen sprechen, aber der Antrag der CDU zeigt vor allem eins, finde ich: ein ziemlich schiefes Verständnis davon, worum es in beruflicher Bildung geht. "Verantwortung für Hamburgs Wohlstand übernehmen" – das klingt groß. Aber wenn Wohlstand wichtiger wird als die Menschen, die ihn erarbeiten sollen, dann läuft was grundlegend falsch. Hamburg hat bereits eine starke Berufsschullandschaft. Das wissen Sie, das wissen wir. Aber diese Stärke auszubauen, verlieren Sie sich in Bürokratie. Fünf zusätzliche Berichte, neue Berichtssysteme, noch mehr Papier. Ganz ehrlich, die Azubis brauchen keine neuen Berichte. Sie brauchen funktionierende Räume, Zeit zum Lernen und Leute, die sie ernst nehmen. Darum geht's. Sie sprechen von Exzellenzprofilen. Klingt gut, bis man genauer hinschaut. Denn was heißt das konkret? Welche Berufe gelten denn als exzellent und welche nicht? Und wer entscheidet das eigentlich? Und welche Berufe sind dann solche zweiter Wahl? Berufsschulen sind keine Konkurrenzarenen. Es geht hier nicht um ein Ranking. Es geht um junge Menschen, um ihre Zukunft und um ihren Weg ins Berufsleben. Und wenn wir schon von Wegen sprechen: Die Berufsbiografien sind heute vielfältiger denn je. Menschen machen Umwege, wechseln, kombinieren. Und unser System hinkt hinterher. Teilzeitausbildung ist möglich, aber der Berufsschulunterricht dazu oft nicht. Von einer jungen Mutter in Ausbildung habe ich gehört, neulich in einem Gespräch mit dem Kreisschüler:innenrat der Berufsschulen: "Ich will meine Ausbildung schaffen," "aber das System macht es mir schwerer, als es sein müsste." Das ist der Punkt. Wir reden ständig darüber, dass sich zu wenige junge Menschen für Ausbildung entscheiden, aber gleichzeitig planen Sie den Aufbau neuer Hürden. Und dann dieser Fokus auf "die Wirtschaft". Pflege, Erziehung, Gesundheitsberufe – das sind keine Randthemen, das sind die zentralen Säulen unserer Gesellschaft! Wenn angehende Erzieher:innen die Zukunft der Kinder gestalten sollen, dann darf sich ihre eigene Ausbildung nicht wie ein Provisorium anfühlen. Was in Ihrem Antrag im Übrigen total fehlt, ist jeder Gedanke an echte Beteiligung. Wo sind hier die Gewerkschaften? Wo sind die Jugendvertretungen? Wo sind die Berufsschüler:innen selbst? Wer Bildung verbessern will, muss die einbeziehen, an erste Stelle stellen, die sie gestalten und erleben, sonst bleiben Partizipation und Demokratie Worthülsen. Was auch übrigens, liebe Frau Senatorin, noch mal aus diesem Gespräch, das ich neulich mit den Schüler:innen hatte, was gerade die Berufsschüler:innen auch ganz besonders bewegt. Ich sag es ganz deutlich: Berufliche Bildung darf nicht vom Bedarf der Wirtschaft her allein gedacht werden. Sie muss sich an den Bedürfnissen der Menschen orientieren, an ihren Lebensrealitäten und an ihren Chancen. Wir stimmen der Ausschussüberweisung zu, aber nicht, weil wir diesen Antrag überzeugend finden, sondern weil wir die Debatte brauchen. Wir möchten eine Debatte führen über sinnvolle Berichte, die Licht statt Ballast bringen, über transparente Kriterien zur Anerkennung von Ausbildungsberufen, die nicht von vornherein ausgeschlossen sind, und über eine inklusive Bildungswegegestaltung, die allen jungen Menschen gerecht wird. Bildung ist mehr als ein Standortfaktor. Sie ist der Schlüssel zu sozialer Gerechtigkeit, zu echter Chancengleichheit und zu einer Gesellschaft, die Verantwortung nicht an abstrakte Formeln, an Berichte, sondern an konkrete Lebensläufe bindet. Weniger Papier, mehr Praxis, weniger Zurschaustellung, mehr Teilhabe, weniger starre Profile, mehr individuelle Lebenswege. Schule darf nicht vom System aus gedacht werden. Wenn wir es wirklich ernst meinen mit demokratischer Bildung, dann stellen wir die Schüler:innen in den Mittelpunkt. Nicht catchy Schlagzeilen zur Standortpolitik. Vielen Dank.
