Antje Müller-Möller
Sehr geehrte Frau Präsidentin, meine Damen, meine Herren! Wer glaubt, in diesem Antrag ginge es nur um einen Abgleich von Absolventenzahlen mit freien Stellen, der verkennt das eigentliche Problem. Es geht um etwas Grundsätzliches. Hamburg steuert seine berufliche Bildung nicht strategisch genug. Und das hat konkrete Folgen – für die jungen Lehrkräfte, für die beruflichen Schulen, für die Betriebe und am Ende auch für den Wohlstand unserer Stadt. Denn wie wollen wir den Fachkräftemangel in dieser Stadt bekämpfen, wenn wir nicht strategisch planen, wer die Fachkräfte von morgen ausbildet? Berufliche Bildung ist keine Nebensache der Schulpolitik. Berufliche Bildung, das ist aktive Wirtschaftspolitik. Wer über Hafen, Logistik, Luftfahrt, Industriehandwerk, Finanzwesen und die anderen wichtigen Branchen dieser Stadt spricht, muss auch über berufliche Schulen sprechen. Denn dort werden die Fachkräfte ausgebildet, die Hamburgs Wirtschaft morgen braucht. Und an Hamburgs beruflichen Schulen entscheidet nicht allein die Anzahl der Lehrkräfte über die Qualität der Ausbildung, entscheidend ist die Passung. Fachrichtungen, Berufsfelder, Ausbildungsberufe müssen sich an der Entwicklung des Arbeitsmarktes ausrichten. Und dieser Arbeitsmarkt, der verändert sich rasant, durch Digitalisierung, durch Internationalisierung, Wettbewerb, künstliche Intelligenz, den Umbau unserer Energieversorgung und den demografischen Wandel. Die Realität der Berufsbilder der Ausbildung verändern sich heute schneller, das ist leider so, als unser Bildungssystem darauf reagiert. Und das müssen wir ändern. Deshalb reicht es nicht, pauschal zu sagen, die beruflichen Schulen seien ja rechnerisch versorgt. So hat es der Senat ausgeführt. Eine Überversorgung auf dem Papier unterrichtet nämlich keine Mangelfächer. Wenn in bestimmten Fachrichtungen Lehrkräfte fehlen, wenn an anderer Stelle rechnerische oder fachliche Überhänge bestehen, dann ist das keine Entwarnung. Nein, ganz im Gegenteil: Das ist ein klares Steuerungsproblem. Wenn für 55 fertig ausgebildeten Berufsschullehrkräfte nur zwölf unbefristete Stellen zur Verfügung stehen, das zweite Mal jetzt schon in Folge, dann stimmt etwas nicht im System. Hamburg darf junge Lehrkräfte nicht über sechseinhalb Jahre teuer ausbilden, um ihnen dann anschließend zu sagen: Joa, leider falsch geplant. Das ist bitter für die Betroffenen, das ist problematisch für die Schulen und das ist ein großes Problem für den Wirtschaftsstandort Hamburg. Wir sind hier ganz klar aus dem Gleichgewicht geraten. Und deshalb brauchen wir endlich eine klare, verbindliche, transparente und vorausschauende Steuerung. Erstens: Wir brauchen jetzt endlich eine ehrliche Bestandsaufnahme. Wo fehlen Lehrkräfte? Wo gibt es Überhänge? Welche Fachrichtungen werden künftig gebraucht? Und welche Schulprofile passen übrigens zu den wirtschaftlichen Clustern der Stadt? Eine Ausrichtung daran ist dringend angeraten. Zweitens: Wir müssen die Lehrkräfteausbildung mit dem tatsächlichen Bedarf verzahnen. Studienplätze, Fächerkombination und Einstellungspolitik dürfen nicht länger nebeneinander herlaufen. Hier muss die Wissenschaftsbehörde, die Universität Hamburg ebenso liefern. Drittens: Die Steuerung muss raus aus dem Silodenken. Wir haben hier die Schulbehörde, die Wirtschaftsbehörde, die Wissenschaftsbehörde, natürlich auch HIBB, Kammern, Verbände und Sozialpartner. Die müssen endlich zusammenarbeiten, und zwar entlang der wirtschaftlichen Entwicklung unserer Stadt. Und, das ist als Parlamentarierin mir besonders wichtig, wir brauchen hier mehr Transparenz, Rechenschaft für das... Transparenz und Rechenschaft. Das Parlament und die Öffentlichkeit haben einen Anspruch darauf, zu erfahren, wie denn die strategische Steuerung überhaupt aussehen könnte. Stattdessen tagt ein Kuratorium intransparent, heimlich. Auf Nachfragen erfährt man nicht, worüber sie sprechen. Man erfährt nur, wann sie getagt haben. Wir haben das HIBB geschaffen, das war auch gut so, aber es muss weiterentwickelt werden. Und nur weil irgendwann mal etwas geschaffen worden ist, muss es ja nicht so stehen bleiben. Und für Intransparenz gibt es überhaupt keinen Grund an dieser Stelle. So, und wir müssen natürlich die Schulstruktur in den Blick nehmen. Der letzte Schulentwicklungsplan kommt von 2013. Und eine Entwicklung entlang der Hamburger Cluster wäre hier dringend angesagt. Die selbst verantwortete Schule, die wir auch eingeführt haben und zu der wir natürlich stehen, kommt allerdings an die Grenzen, wenn der Arbeitsmarkt sich ändert, die Bedarfe an Lehrkräften, an Schulen sich ändern, und die einzelne Schule kann nicht für diese Fehlentwicklung klar aufkommen. Das muss die Stadt in einer strategischen Steuerung. Wir sind dazu bereit. Wir wollen keine Effizienz mehr... keine Ineffizienz mehr – Entschuldigung. Und es wird der Bedeutung der beruflichen Bildung in unserer Stadt nicht gerecht, was gemacht wird. Wir brauchen Klarheit statt Nebel, Steuerung statt Zufall und Transparenz statt Schweigen. Vielen Dank!
