Eugen Seiler
Sehr geehrtes Präsidium, werte Abgeordnete und Zuschauer. Eine Stadt zeigt ihren Charakter nicht nur in Zeiten des Wohlstands, sondern vor allem darin, wie sie mit Leid, Gewalt und Verlust umgeht. Die Morde am Jungfernstieg und am Wandsbek-Markt waren keine gewöhnlichen Straftaten. Sie ereigneten sich mitten im Herzen unserer Stadt, an Orten des täglichen Lebens. Die Opfer wurden auf brutalste Weise aus dem Leben gerissen. Diese Taten haben sich tief in das Sicherheitsgefühl unserer Stadt eingebrannt. Am Jungfernstieg hat der Nigerianer Mourtala M. eine Frau und ein einjähriges Kind mit einem Messer umgebracht. Am Wandsbeker Markt stieß der Sudanese Ariop A. eine junge, ihm unbekannte Frau vor die einfahrende Bahn. Alle Opfer hatten noch ein ganzes Leben vor sich. Dieses Leben wurde ihnen genommen. Und was bleibt heute sichtbar? Nichts. Keine Tafel, kein öffentliches Zeichen, dass Hamburg seine Opfer nicht vergisst. Man hat über diese schrecklichen Taten geredet und sie vergessen. Hat sich in der Zwischenzeit politisch was verändert? Nein. Solche Taten können jederzeit wieder passieren. Es kann jeden treffen, an jedem Ort und zu jeder Zeit. Gerade weil diese Taten Fragen nach staatlicher Verantwortung aufwerfen, dürfen wir nicht zur Tagesordnung übergehen. Bekannte Gefahren wurden nicht rechtzeitig erkannt. Eine Gedenktafel löst keine Sicherheitsprobleme, aber sie setzt ein Zeichen, ein Zeichen dafür, dass die Opfer Namen haben, dass ihr Schicksal nicht verdrängt wird und dass der öffentliche Raum nicht allein den Tätern gehört. Darum bitten wir Sie um Zustimmung zu diesem Antrag. Vielen Dank.
