Dr. Selina Storm
Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Damen und Herren! Dass der Titel der Anmeldung der AfD zur Aktuellen Stunde Unsinn ist, haben meine Vorredner:innen schon einleuchtend beschrieben. Der Titel ist nicht nur fachlich haltlos, er weist drei typische Muster der AfD im Umgang mit Wissenschaft auf, die ich hier einmal systematischer erläutern möchte. Erstens: die Vermischung von Wissenschaft und Ideologie. Wer den Vertreter:innen der AfD gut zuhört, weiß, ihre Überzeugung ist: "Den menschengemachten Klimawandel gibt es nicht." Frei nach dem Motto: Was nicht sein soll, darf nicht sein. Egal, was sämtliche wissenschaftlichen Fachgesellschaften der Welt dazu sagen. Und um das zu belegen, betreibt die AfD gerne Cherry Picking. Sie picken sich einzelne Studien oder Aussagen heraus, die keiner seriösen Überprüfung standhalten, Stichwort Fritz Vahrenholt. Aber zurück zu der Vermengung von Wissenschaft und Ideologie. Dass ein extremes Szenario jetzt wissenschaftlich anders eingeordnet wird, nutzt die AfD als Vorwand, um etwas zu fordern, was sie aus ideologischen Gründen ohnehin ablehnt, nämlich den Kampf gegen den Klimawandel. Das zweite Muster: Verzerrung durch Vereinfachung und Zuspitzung. Ja, das extremste Klimaszenario mit rund 4 bis 5 Grad globaler Erwärmung bis zum Jahr 2100 gilt nach aktuellem Stand der Wissenschaft als sehr unwahrscheinlich. Die Gründe dafür wurden gerade erläutert. Global bewegen wir uns bei aktuellem Kurs aber immer noch auf eine Erderwärmung im Bereich von 2,5 bis 3 Grad zu. Das heißt unter anderem, dass die Arktis... Nein, das sagt die Wissenschaft. Das heißt unter anderem, dass die Arktis bis zum Ende des Jahrhunderts eisfrei sein wird und der Meeresspiegel zwischen 0,4 und 0,7 Meter steigt. Das klingt jetzt erst mal nicht nach viel, aber es reicht, damit Teile des Hamburger Südens ohne Deicherhöhungen regelmäßig massiv gefährdet wären. Heißt dann eine 180-Grad-Wende in der Klimapolitik, dass wir die Deiche zeitnah nicht erhöhen, weil wir lieber Ihrer Ideologie glauben, anstatt die Wissenschaft ernst zu nehmen? Verantworten Sie, die AfD, dann ein zweites, drittes, viertes 1962 in Hamburg? Kommen wir zum dritten Muster: die strategische Nutzung der Unsicherheit, die aber der Wissenschaft eigen ist. Auch das wurde bereits ausgeführt. Wissenschaft heißt, Modelle und Einschätzungen ändern sich. Denn Wissenschaft ist nicht Wahrheit, sie ist die Suche nach Wahrheit. Wenn sich Erkenntnisse ändern, entlarvt das nicht die Wissenschaft, sondern zeigt eben, dass sie funktioniert. Und genau... Und genau diese Unsicherheit der Wissenschaft nutzen Rechtsextreme, um sie zu delegitimieren – wir hören es die ganze Zeit – und politisch umzudeuten. Die Coronapandemie hat das anhand eines anderen Beispiels auf erschreckende Weise gezeigt. Verantwortungsvolle Politik handelt wissenschaftsgeleitet und versucht, Lösungen für komplexe Probleme wie die Folgen des Klimawandels zu finden. An die Kolleg:innen der AfD: Ihre Debattenanmeldung zeigt einmal mehr: Wissenschaft, Realität und Problemlösung gibt es garantiert nicht mit Ihnen.
