Martin Wolter
Herr Präsident, liebe Hamburger:innen! Und insbesondere Herr Bürgermeister Dr. Tschentscher! Zu Corona-Zeiten betonten Sie noch die Relevanz wissenschaftlicher Erkenntnisse und datengestützter Entscheidungen, damals zur Bekämpfung der Pandemie, und das war auch gut so. Aber ist das jetzt alles vergessen bei Ihnen? Also das ist doch Irreführung und Täuschung. Sie sprechen von starken positiven Effekten auf die Wirtschaft in Hamburg. Und das ist, ja, für mich wollen Sie... Sie haben es gesagt, Sie wollen Sommermärchen. Ja, Sommermärchen statt Fakten. Und wir Linken, wir stützen uns bei unseren Behauptungen auf die Wissenschaft – gerade in der Stadt ehrbarer Kaufleute. Also nehmen wir beispielsweise die Frage: Haben Olympische Spiele positive Auswirkungen auf die Wirtschaft? Ja, die Antwort der Wissenschaft lautet Nein. Olympische Spiele bringen keine wirtschaftlichen Vorteile für die Ausrichterstadt. Zahlreiche seriöse, unabhängige wissenschaftliche Studien belegen das. Beispiel: Das ifo Institut in München untersuchte 2024 die wirtschaftlichen Effekte von sportlichen Großveranstaltungen. Zitat: "Dort, wo messbare positive wirtschaftliche Effekte festgestellt wurden," "waren sie oft nur von kurzer Dauer" "oder lokal und auf bestimmte Branchen wie Gastgewerbe oder Freizeitindustrie beschränkt." Ist jetzt, ne, ist halt eines der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute, und die anderen – IWH Halle, RWI Essen, DIW Berlin –, die stimmen da zu. Und die Oxford-Studie ist bekannt, ja, zu den Olympischen Spielen. Sie hat errechnet, dass seit 1960 die tatsächlichen Kosten für Olympische Spiele im Schnitt 170 Prozent höher liegen als die kalkulierten Kosten. Und Frau Sudmann hat's ja schon zitiert aus der aktuellen Ausgabe der "Zeit" von Professor Alexander Budzier, der ja teilzuständig für diese Oxford-Studie war, ne. Ich zitiere da noch mal draus: "Es wird groß geplant, aber zunächst klein gerechnet," "auch um politische Zustimmung zu sichern." Ja. "Hinzu kommt ein strukturelles Problem – die feste Deadline." "Der Termin steht, alle Wettbewerbe müssen stattfinden." "Und wenn Zeit und Umfang fix sind, bleibt am Ende nur eine Stellschraube: das Geld." "Man stellt zusätzliches Personal ein, sorgt für teure Schnelllösungen." "Das treibt die Kosten nach oben." Und wir wissen ja, es ist auch 2036 möglich. Die Hamburger:innen stimmen auch über 2036 ab, und es ist gar nicht so unwahrscheinlich. Na ja. Das Bundesinstitut für Sportwissenschaft hat unter dem Titel "Großveranstaltungen in Deutschland" aus dem Jahr 2020 den wirtschaftlichen Effekt von sportlichen Großveranstaltungen wie zum Beispiel Olympischen Spielen untersucht und bestätigt den Professor von der Oxford-Universität. Ja, ja. Die Ursachen für die wiederkehrenden Fehlkalkulationen der Austragung von Olympischen Spielen liegen in der, Zitat, "systematischen Überschätzung der Erträge" "und der systematischen Unterschätzung der Kosten". Und auch Professor Maennig, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Hamburg, sagt 2025: "Es ist doch die weit, weit überwiegende Meinung der Ökonomen," "durch wissenschaftliche Studien zu dem Ergebnis zu kommen," "dass eine Region nicht in dem engeren Sinne an Olympischen Spielen verdient," "indem es mehr Steuereinnahmen gibt, mehr Beschäftigung gibt," "mehr Bruttoinlandsprodukt gibt." "Das können wir schlichtweg nicht nachweisen." Was setzen Sie dagegen? Ja, schriftliche Anfrage, 4. September 2025, antwortet der Senat: "Die Handelskammer Hamburg erwartet für Hamburg positive wirtschaftliche Impulse" "und kann hier unter anderem auch auf die Umfrage ihrer Mitgliedsunternehmen verweisen." Gucken wir uns das an. Ja, ist eine repräsentative Umfrage, aber die Ergebnisse sind leicht zu errechnen. Nur drei von zehn der befragten Unternehmen erwarten generell eine wirtschaftliche Belebung für die Stadt. Nur ein Drittel erwartet positive Impulse für den Tourismus. Also da haben Sie Ihre eigene, ganz eigene Auslegung dieser Umfrage. Und auch Frau Timmermann, Ihre... Kommen Sie jetzt nicht mit der Analyse vom Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut, mit den sportbezogenen Wirtschaftsaktivitäten in dieser Stadt. Das... In der Studie geht es nicht um die Ausrichtung Olympischer Spiele, und es ist auch nicht für einen solchen Vergleich geeignet, ja. Diese Interpretation ist eine Irreführung der Öffentlichkeit. So, Herr Tschentscher, das eigentliche Risiko ist nicht, Chancen zu verpassen, sondern sich auf ein teures, unsicheres Großprojekt festzulegen, das Entwicklung eher verzerrt als fördern kann, ja? Wieso... Ja! Wieso legen Sie bei der geplanten Olympia-Bewerbung Hamburgs keinen Wert auf die Relevanz wissenschaftlicher Erkenntnisse? Es ist ja auch gerade... Jetzt geht's erst mal um Finanzen, ne, es ist nichts Neues zu erfahren. Sie haben das Finanzkonzept an Paris, an London angeglichen, und nur weil Sie die Kosten nicht benennen können oder wollen – passt übrigens nicht hier zu den ehrbaren Kaufleuten in der Stadt, ne –, bleiben ja Milliarden Minus, die natürlich für andere Dinge ausgegeben werden können, ne. Sicherheitskosten, andere Kosten, Multifunktionsarena. Ach so, die Zeit der gigantischen Bauprojekte ist ja vorbei. Ach ja. So, Klimapositivität kenne ich auch. Der BUND sagt aktuell hier in Hamburg: Der Umweltverband warnt vor einer Entscheidung auf unvollständiger Datenbasis hinsichtlich der Ökologie, Klimapositivität. NABU Hamburg, ich fasse das kurz zusammen: Erfahrungen vergangener Großveranstaltungen zeigen, dass tatsächliche Emissionen oft höher ausfallen als geplant. Auch hier werden zu Recht datengestützte Entscheidungen gefordert statt abwegiger Versprechen. Auch die Sportmotivation, ne: Es ist widerlegt! Es gibt keine positiven Effekte auf die Steigerung der Sportmotivation durch die Ausrichtung Olympischer Spiele. Bundesinstitut für Sportwissenschaft habe ich eben schon erwähnt, Metastudie, 36 Studien, auch jetzt aktuell wieder im Februar eine neue Studie: Olympische Spiele haben keine positiven Auswirkungen. Menschen, die gar keinen Sport treiben, werden sogar eher abgeschreckt, abgehalten. So. Das sind Studien, keine Fake News, Studien. So, Paralympics komme ich noch mal zu. Abschließend noch mal, weil zwei Studien zu den Paralympischen Spielen werden ja angeführt vom Senat, auch wieder im Sportausschuss jetzt, immer mal hier und da. Und das sind zwei aktuelle Studien aus dem Jahr 2024. Diese haben jeweils jedoch gar keinen Aussagewert auf die Auswirkungen hinsichtlich der Entwicklung der Inklusion in der Ausrichterstadt. Ja, darum geht es in den Studien gar nicht. Ich habe es an anderer Stelle schon mal gesagt: Es zeigt vor allem, wie schlecht die Ausgangslage hinsichtlich Inklusion gerade im Sport sein muss, wenn ein paar Fernsehbilder allein einen solchen großen Effekt auf die Wahrnehmung von Menschen mit Behinderung haben können. Nachhaltige Sichtbarkeit und echte Begegnungen passieren nicht zwei Wochen lang auf dem Bildschirm allerdings, ne, bei den Paralympics. Das gibt's nur durch dauerhaft mögliche Teilhabe im Alltag, und dafür braucht es Ressourcen, personell und finanziell. Und die Frage, ob die Paralympischen Spiele dazu führen, dass Inklusion in der Gesellschaft umgesetzt wird, haben hier bei der einen "Aktion Mensch"-Studie übrigens nur vier von zehn für die Paralympischen Spiele 2024 qualifizierten deutschen Athlet:innen zugestimmt. So, und das Konzept zur Barrierefreiheit, Frau Sudmann hat's ja eben schon gut dargelegt: Es sind keine Projekte da, die nicht ohne die Durchführung Olympischer und Paralympischer Spiele mühelos umgesetzt werden können. In Ihrem Finanzkonzept wird auf das wachsende Vermarktungspotenzial der Olympischen Spiele hingewiesen. Das passt natürlich auch wieder in Ihre profitorientierte Logik und die des Internationalen Olympischen Komitees. Ihr Motto, "Eine Chance für alle", das ist wie Lottospielen. Es werden Menschen gewinnen, zum Beispiel die Funktionäre des IOC, aber die meisten nicht. Und zwar genau die Hamburger:innen nicht, denen sie auch heute wieder das Blaue vom Himmel versprochen haben. Nein zu Olympia in Hamburg. Danke.
