Sina Imhof
Sehr geehrte Frau Präsidentin, werte Kolleginnen und Kollegen. Manchmal beginnt Politik nicht mit einem Gesetzestext, nicht mit einer Drucksache, nicht mit einer Tabelle voller Zahlen. Manchmal beginnt Politik mit einem Gefühl. Mit dem Gefühl, morgens am Hauptbahnhof zu stehen und zu merken, diese Stadt ist großartig. Aber sie ist an manchen Stellen auch am Limit. Mit dem Gefühl, durch ein Schwimmbad zu gehen, in dem Kinder schwimmen lernen sollen, und zu sehen, hier müsste längst mehr passiert sein. Mit dem Gefühl, mit Menschen zu sprechen, die auf einen Aufzug angewiesen sind und genau wissen, dass Barrierefreiheit kein schönes Extra ist, sondern die Voraussetzung dafür, überhaupt dabei sein zu können. Und manchmal beginnt Politik mit einer Frage. Trauen wir uns eigentlich noch zu, Zukunft groß zu denken? Nicht groß im Sinne von größenwahnsinnig, nicht im Sinne von Gigantismus, Prunk und Prestige, sondern groß im Sinne von: Wir nehmen die Aufgaben dieser Stadt ernst. Wir wissen, was vor uns liegt. Und wir sagen nicht nur, was alles schwierig ist, sondern auch, wie es besser werden kann. Genau darum geht es, wenn wir über Olympische und Paralympische Spiele in Hamburg sprechen. Ich weiß, das Wort Olympia löst nicht bei allen Begeisterung aus. Manche denken an die Bilder großer Sportmomente, an Jubel, an Fahnen, an Menschen aus aller Welt. Andere denken an Kosten, an Kommerz, an das IOC, an Bauruinen, an Sicherheitsfragen und an Städte, die sich übernommen haben. Und beides ist wahr. Beides gehört zu dieser Debatte. Deshalb wäre es falsch, Sorgen einfach wegzulächeln. Wer fragt, was das kostet, der hat recht. Wer Transparenz verlangt, hat recht. Wer wissen will, ob am Ende die Hamburgerinnen und Hamburger profitieren oder nur ein internationales Sportereignis, hat recht. Genau diese Fragen müssen gestellt werden. Nicht, um das Projekt zu verhindern, sondern damit es verantwortungsvoll gelingt. Aber genauso falsch wäre es, nur noch in Risiken zu denken. Denn dann verwechseln wir Vorsicht mit Stillstand. Und Stillstand können wir uns als wachsende Stadt nicht leisten. Hamburg muss den öffentlichen Nahverkehr ausbauen. Hamburg muss den Hauptbahnhof leistungsfähiger machen. Hamburg muss klimaneutral werden. Hamburg muss Sporthallen sanieren, Schwimmbäder modernisieren, Quartiere grüner machen, Wege sicherer machen, Barrieren abbauen. All das müssen wir tun – mit oder ohne Olympia. Die ehrliche Frage ist also nicht: Kostet Zukunft Geld? Natürlich kostet sie Geld. Die ehrliche Frage ist: Nutzen wir die Chance, diese notwendigen Investitionen zu bündeln, zu beschleunigen und mit zusätzlicher Unterstützung möglich zu machen? Wenn wir die U5 bauen, dann bauen wir sie nicht für das IOC. Wenn wir Radwege ausbauen, dann bauen wir sie nicht für ein paar Wochen im Sommer. Wenn wir den Hauptbahnhof stärken, dann tun wir das nicht, damit irgendeine Delegation schneller vom Bahnsteig wegkommt. Wir tun es, weil jeden Tag hunderttausende Menschen dort unterwegs sind. Wir tun es, weil Hamburg wächst. Wir tun es, weil eine klimaneutrale Stadt ohne starken öffentlichen Verkehr nicht funktionieren wird. Olympia ist also nicht das Ziel. Olympia kann ein Hebel sein. Ein Hebel, der aus lange bekannten Vorhaben verbindliche Projekte macht. Ein Hebel, der aus guten Absichten konkrete Zeitpläne macht. Ein Hebel, der Hamburg hilft, schneller das zu werden, was wir ohnehin sein wollen: eine gerechte, barrierearme, klimaneutrale, lebenswerte Stadt. Und genau deshalb müssen wir hier sehr genau unterscheiden. Es gibt Kosten, die unmittelbar mit der Durchführung der Spiele verbunden sind. Die müssen transparent, belastbar und fortlaufend überprüft werden. Und es gibt Investitionen, die bleiben – in Sportstätten, in Mobilität, in bezahlbarem Wohnen, in Grünflächen, in Barrierefreiheit. Diese Investitionen verschwinden nicht mit der Schlussfeier. Sie sind dann Teil des Alltags in unserer Stadt. Und das ist der entscheidende Unterschied. Wir reden nicht über Olympische Spiele, die Hamburg übergestülpt werden. Wir reden über Spiele, die in Hamburg passen müssen. Eine Stadt der kurzen Wege, keine autogerechte Sonderzone. Ein Mobilitätskonzept, das zeigt, wie eine moderne Metropole funktionieren kann: mit Bus und Bahn, mit Fahrrad, zu Fuß, barrierefrei und klimafreundlich. Wenn 85 Prozent der Wettkampfstätten nah beieinander liegen, dann ist das nicht nur eine technische Zahl. Dann heißt das weniger Verkehr, weniger Flächenverbrauch, weniger Eingriff in die Stadt. Und es bedeutet Begegnung, Miteinander und Zusammenhalt. Und dann gibt es den zweiten, vielleicht noch wichtigeren Gedanken: die Paralympischen Spiele. Wenn wir Hamburg zur barriereärmsten Metropole Deutschlands machen wollen, ist das kein Nebensatz. Das ist ein gesellschaftliches Versprechen. Denn eine Stadt, die für Menschen mit Behinderung funktioniert, funktioniert besser für alle: für ältere Menschen, für Familien mit Kinderwagen, für Menschen, die nicht gut zu Fuß sind, für Kinder, für Reisende, für uns alle. Barrierefreiheit ist nicht die Sonderlösung für wenige. Sie ist der Test, ob eine Stadt wirklich gerecht ist. Und ja, auch der Sport selbst verdient diesen Blick. Olympia und Paralympics sind nicht nur Spitzensport. Sie können ein Schub für den Breitensport sein, und auch das wollen wir in Hamburg erreichen: für Vereine, die jeden Tag Integration leisten, lange bevor dieses Wort in Sonntagsreden auftauchte, für Kinder, die schwimmen lernen, für Jugendliche, die im Basketball, beim Turnen, beim BMX, beim Laufen oder im Rollstuhl erleben: "Ich kann etwas. Ich gehöre dazu. Meine Kraft, mein Team zählen." Das ist nicht nebensächlich, das ist der soziale Zusammenhalt in unserer Stadt. Natürlich wird das alles nicht einfach. Natürlich wird es Streit geben. Und natürlich werden wir ringen um Zahlen, um Prioritäten, um Planungen, um die Frage, was wirklich notwendig ist und was nicht. Aber all das ist doch kein Argument gegen ein großes Projekt. Es ist ein Argument dafür, es demokratisch, transparent und mit klarem Kompass zu gestalten. Paris hat gezeigt, dass Olympische Spiele eine Stadt verändern können. Nicht perfekt, nicht ohne Kritik, nicht ohne Fehler. Aber dort wurden ökologische Projekte vorangebracht, Quartiere aufgewertet, Sportinfrastruktur gestärkt, Aufmerksamkeit für Barrierefreiheit geschaffen. Daraus sollten wir lernen. Nicht kopieren, nicht verklären, sondern besser machen. Hamburg kann zeigen, wie Spiele aussehen, die nicht auf Gigantismus setzen, sondern auf Bestand, die nicht auf Verdrängung setzen, sondern auf Teilhabe, nicht auf ein kurzes Spektakel, sondern auf bleibenden Nutzen. Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem diese Debatte größer wird als Olympia. Denn in einer Zeit, in der viele Menschen müde sind von Krisen, braucht Politik nicht nur Warnungen, sie braucht auch Zutrauen. Politik muss sagen können: Ja, es ist kompliziert, ja, wir müssen rechnen, ja, wir müssen kontrollieren. Aber ja, wir können diese Stadt auch besser machen. Wir können Hamburg so entwickeln, dass mehr Menschen gut durch diese Stadt kommen, dass Kinder bessere Sportstätten haben, dass ältere Menschen sich sicherer bewegen, dass Menschen mit Behinderungen nicht bitten müssen, dabei sein zu dürfen, dass Klimaschutz nicht abstrakt bleibt, sondern sichtbar wird auf Wegen, Plätzen, in Quartieren, im Alltag. Das ist die Chance. Nicht ein Fest für wenige Wochen, sondern ein gemeinsames Projekt für viele Jahre. Nicht Olympia als Selbstzweck, sondern Olympia und Paralympics als Weg, Hamburgs Zukunft schneller, gerechter und mutiger zu bauen. Lassen Sie uns also kritisch bleiben, aber nicht kleinmütig. Lassen Sie uns transparent planen, aber nicht mutlos werden. Lassen Sie uns aus den Fehlern anderer lernen und zeigen, dass es anders gehen kann. Denn am Ende geht es um eine einfache Frage: Wollen wir Zukunft nur verwalten oder wollen wir sie gestalten? Ich finde... Und ich finde, Hamburg sollte sie gestalten! Vielen Dank.
