Mechthild Weber
Sehr geehrte Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen! Stellen Sie sich einen Moment vor, was es bedeutet, alt zu werden – nicht abstrakt, sondern ganz konkret. In meiner eigenen Wohnung, im vertrauten Stadtviertel, mit den Menschen, die mich kennen. Mit dem Bäcker an der Ecke, der weiß, welche Brötchen ich kaufe. Mit Nachbarinnen und Nachbarn, die grüßen, die helfen und da sind. Mit der Bank im Park, wo ich so oft sitze, dem Bellen des Nachbarhundes und einer vertrauten Stimme im Treppenhaus. Genau darum geht es heute. Mit diesem Antrag setzen wir ein klares Signal. Alt werden in Würde heißt, im eigenen Quartier bleiben zu können, auch bei Pflegebedürftigkeit. Denn das eigene Quartier ist mehr als nur ein Ort auf der Landkarte. Es ist Zuhause, Beziehung und Sicherheit. Es sind die kleinen Routinen, die durch den Tag tragen. Ein kurzer Schnack vor der Haustür, ein bekanntes Gesicht auf dem Gehweg. Und gerade dann, wenn das Leben fragiler wird, wenn Unterstützung gebraucht wird, dann darf diese Unterstützung nicht verloren gehen. Wir wissen: Die meisten Menschen wünschen sich genau das. Nicht irgendwo neu anfangen müssen, sondern bleiben zu können, wo das eigene Leben stattgefunden hat. Und unsere Aufgabe als Politik ist es, diesen Wunsch möglich zu machen. Deshalb stärken wir mit diesem Antrag sogenannte sorgende Nachbarschaften, also Gemeinschaften, in denen Menschen füreinander einstehen, und zwar unterstützt durch professionelle Strukturen. Das ist unsere konkrete zukunftsweisende Antwort auf die Herausforderungen unserer Zeit: einer älter werdenden Gesellschaft, einem steigenden Pflegebedarf und einem spürbaren Fachkräftemangel. Wichtig ist dabei: Nachbarschaft ersetzt keine Fachkräfte, aber sie ergänzt sie, menschlich und nah. Manchmal ist es doch genau dieser Blick, das kurze "ich schau mal nach", was den Unterschied macht. Und sie stärkt etwas, was wir als Gesellschaft dringend brauchen: den Zusammenhalt. Gerade in einer älter werdenden Gesellschaft brauchen wir diese neuen Wege, weil klar ist: Die Herausforderungen in der Pflege werden größer. Mit den Hamburger Modellprojekten nach Paragraf 123 SGB XI gehen wir diesen Weg dann ganz konkret. Wir erproben neue Ansätze, lernen aus der Praxis vor Ort und legen so den Grundstein für eine moderne, verlässliche und ortsnahe Versorgung. Der Anspruch ist politisch klar verankert. Im Aktionsplan Age-friendly City für ein altersfreundliches Hamburg bekennt sich unsere Stadt eindeutig dazu. Auch Menschen mit Pflegebedarf sollen entsprechend ihrem Wunsch so lange wie möglich in vertrauten vier Wänden leben können, mindestens aber im vertrauten Wohnumfeld. Dabei geht es um mehr als nur Pflege und Versorgung. Es geht um Lebensqualität, Selbstbestimmung und Würde. Und dafür sind passgenaue Strukturen notwendig: pflegerische und unterstützende Angebote, die sich am Alltag der Menschen orientieren, Quartiere, die Nachbarschaft, Engagement und Selbsthilfe stärken. Eines dürfen wir dabei nicht zulassen: dass es vom Wohnort, von der Postleitzahl abhängt, wie gut jemand im Alter unterstützt wird. Gerade die Stadtteile, die strukturell benachteiligt sind und über geringere finanzielle Spielräume verfügen, verdienen unsere besondere Aufmerksamkeit. Liebe Kolleginnen und Kollegen, dieser Antrag steht für eine klare Haltung. Wir wollen keine Stadt, in der die Menschen entwurzelt werden, wenn sie Unterstützung brauchen, sondern eine Stadt, in der eine Tür nicht einfach zufällt, sondern in der jemand bei den Menschen anklopft, eine Stadt, in der man nicht nur gut leben kann, sondern auch gut zu Hause alt werden. Lassen Sie uns das gemeinsam möglich machen. Vielen Dank.
