Sina Imhof
Sehr geehrte Frau Präsidentin, werte Kolleginnen und Kollegen. Wenn ich mich heute in unserer Gesellschaft umsehe, dann spüre ich oft eine tiefe Erschöpfung. Krisen, Kriege, Klimawandel prägen unseren Alltag. Von den Menschen, mit denen ich im Austausch bin, höre ich immer wieder die Frage danach, was mich positiv in die Zukunft schauen lässt, worauf man sich eigentlich noch freuen kann. Es ist verständlich, dass in solchen Zeiten viele Debatten von Sorgen und der Abwägung von Risiken geprägt sind. Das ist kein Mangel an Willen, sondern Ausdruck der Belastungen, unter denen unsere Gesellschaft steht. Aber gleichzeitig spüre ich: Es fehlt oft ein überparteiliches Bild davon, wie Zukunft gelingen kann, eine Vorstellung davon, wie gut, wie gerecht, wie lebendig diese Stadt von morgen sein kann. Wir brauchen Visionen, die uns Orientierung geben und die uns einladen, gemeinsam an Lösungen zu arbeiten. Und genau deshalb befürworten wir eine Bewerbung um die Olympischen und Paralympischen Spiele in unserer Stadt. Ich weiß, Olympia und Paralympics, das löst bei einigen Menschen Bedenken, keine Begeisterung und Bedenken aus. Die Skepsis gegenüber dem IOC, gegenüber Kommerz und möglichen Kostenexplosionen ist verständlich. Diese Sorgen sind berechtigt und sie sind wichtig, um ein Projekt dieser Größe verantwortungsvoll zu gestalten. Zu viele Fehler wurden bei früheren Spielen gemacht. Aber ich glaube, es lohnt sich, den Blick einmal zu weiten. Lassen Sie uns diese Spiele nicht nur durch die Brille vergangener Fehler betrachten, sondern als Chance begreifen, sie nach unseren Vorstellungen von Nachhaltigkeit, sozialer Gerechtigkeit und Teilhabe zu gestalten. Denn Olympia ist mehr als ein Sportereignis. Es kann ein politischer Hebel sein, um die Zukunft Hamburgs gemeinsam zu gestalten. Projekte wie der massive Ausbau des ÖPNV, echte Barrierefreiheit im öffentlichen Raum oder die Klimaneutralität bis 2040 sind hier in der Bürgerschaft, wenn es ums Detail geht, oftmals hart umkämpft. Im Rahmen einer Bewerbung aber werden genau diese Vorhaben zu gemeinsamen Projekten, die über Parteigrenzen hinweg getragen werden. Nicht, weil unsere politischen Unterschiede verschwinden, sondern weil jedes gemeinsame Ziel zusätzliche Verbindlichkeit schafft. In München, Köln, Rhein-Ruhr und auch in Kiel haben sich die Menschen am vergangenen Wochenende in Referenden bereits mit großer Mehrheit für die Spiele ausgesprochen und damit für die Chancen, die die Spiele als Gemeinschaftsprojekt für ihre Städte bieten. Und dass das funktionieren kann, zeigt ein Blick nach Paris. Ich habe es hier vor zwei Wochen bereits einmal berichtet. Die Reinigung der Seine war über Jahrzehnte lang ein erklärtes Ziel, aber die Pläne scheiterten immer wieder an den unterschiedlichsten Dingen. Investitionen in Paris flossen vor allem in ökonomisch schwache Quartiere. Vor allem Kinder und Jugendliche haben von den Investitionen profitiert. Das Bewusstsein für die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen ist deutlich gestiegen. Die Spiele in Paris haben gezeigt, was möglich ist, wenn man gemeinsam Kräfte bündelt. Und genau darin liegt auch die Chance für Hamburg. Olympia und Paralympische Spiele können dazu beitragen, dass Projekte, die wir seit Jahrzehnten für notwendig beschreiben, tatsächlich in die Umsetzung kommen. Das gilt für den Klimaschutz genauso wie für die soziale Infrastruktur und die Inklusion. Wenn wir davon sprechen, Hamburg zur barriereärmsten Stadt Deutschlands zu machen, dann ist das kein Detail, sondern ein Anspruch an unsere Gesellschaft. Und solche Ansprüche brauchen nicht nur gute Konzepte, sondern auch den politischen und den gesellschaftlichen Willen zur Umsetzung. Es geht mir nicht darum, Zweifel oder Bedenken kleinzureden oder sie zur Seite zu schieben. Es geht darum, sie ernst zu nehmen und gleichzeitig den Blick nach vorne zu richten. Es geht darum, ob wir in dieser angespannten Situation das Zutrauen haben, eine positive Perspektive zu formulieren. Eine Perspektive, die laut und deutlich sagt: Wir können diese Stadt weiterentwickeln. Wir können sie klimaneutraler, gerechter und lebenswerter machen. Und wir können dabei neue Wege gehen. Olympia ist dabei nicht das Ziel. Olympia ist ein Weg, um genau diese nachhaltige Entwicklung zu beschleunigen und über alle Parteigrenzen hinweg voranzubringen. Und vielleicht ist es auch ein Weg, um der Gesellschaft wieder stärker sichtbar zu machen, dass Zukunft gestaltbar ist, wenn wir sie nur gemeinsam anpacken.
