Alske Freter
Sehr geehrte Präsidentin, liebe Kolleg:innen. Vor fast 20 Jahren, da habe ich ein Schuljahr in Uruguay verbracht. Das Land ist vielleicht vielen durch den Fußball bekannt. Die erste Fußball-WM der Herren 1930, bei der Uruguay tatsächlich auch den Titel holte. Das Stadion wird übrigens immer noch genutzt. Oder auch durch den ehemaligen uruguayischen Präsidenten José Mojica, der 90 Prozent seines Einkommens spendete und 2011 auch hier in Hamburg war. Die Zeit als Austauschschülerin hat mich und mein weiteres Leben massiv geprägt. Ich hab bis heute guten Kontakt zu meiner Gastfamilie und zu Freund:innen dort. Und das ist jetzt nicht nur eine Anekdote, sondern Studien belegen das auch: Internationale Jugendaustauschprogramme haben eine nachhaltige Auswirkung auf die Persönlichkeitsentwicklung, stärken das Bewusstsein für Menschenrechte, für Demokratie, Toleranz und auch für zivilgesellschaftliches Engagement. Und das, liebe Kolleg:innen, ist heutzutage wichtiger denn je, denn wir stehen in Europa und in der Welt vor großen Herausforderungen. Zusammenhalt und Demokratie sind keine Selbstläufer mehr. Deshalb brauchen wir Bildung, die Menschen verbindet, und genau das leisten internationale Austauschprogramme. Ich bin heute Nacht erst aus Brüssel wiedergekommen, und dort habe ich mich gestern und vorgestern mit Abgeordneten aus anderen Landtagen, übrigens auch parteiübergreifend, und Vertreter:innen verschiedener Organisationen darüber ausgetauscht, wie internationaler Austausch so verankert werden kann, dass alle jungen Menschen daran teilhaben können, und zwar unabhängig von der Herkunft und unabhängig vom Geldbeutel. Denn wenn wir über Bildungsgerechtigkeit sprechen, dann denken wir oft zuerst an Kitas, an Unterricht und Abschlüsse, aber Bildung ist mehr als das. Auch Erfahrungen, die den Horizont erweitern. Ein Schüler:innenaustausch, eine Jugendbegegnung, gemeinsames Lernen über Ländergrenzen hinweg, auch das ist Bildung. Wir haben deshalb auch sehr viel über das Programm Erasmus+ diskutiert, denn Programme wie Erasmus+ sind zentrale Instrumente für mehr Teilhabe in diesem Bereich. Und übrigens: Viele denken ja bei Erasmus erst mal ans Studium, an Unis, vielleicht auch noch an Schulen, aber es werden auch Kitas gefördert, Erwachsenenbildung, Berufsbildung und auch Sport sogar. Und derzeit wird auf der europäischen Ebene gerade über die Fortführung und Weiterentwicklung des Programms verhandelt. Und damit verbunden ist natürlich auch immer die Frage, wie künftig noch mehr junge Menschen internationale Erfahrungen machen können. Denn der Zugang ist – und das muss man auch sagen – aktuell nicht gerecht. Zu oft entscheiden Herkunft und Geldbeutel darüber, wer solche Erfahrungen machen kann. Und für viele Familien sind solche Angebote schlicht zu teuer. Hinzu kommt auch noch: Viele kennen die Möglichkeiten gar nicht, kennen nicht die Fördermöglichkeiten, die es gibt, oder sie fühlen sich gar nicht erst angesprochen, weil sie denken, das ist sowieso nur was für die, die aufs Gymnasium gehen zum Beispiel. Und auch immer noch hängt es sehr oft vom Engagement Einzelner, oft von den Lehrkräften an Schulen ab statt von verlässlichen Strukturen. Und wenn wir es ernst meinen mit Bildungsgerechtigkeit, dann müssen wir genau hier ansetzen. Und in Hamburg haben wir das erkannt und in den vergangenen Jahren wichtige Schritte unternommen. Die finanzielle Förderung internationaler Kontakte und Reisen, insbesondere für Schüler:innen aus finanziell benachteiligten Familien, ist dabei immer ein zentraler Schwerpunkt gewesen. Und dabei nimmt Hamburg tatsächlich eine bundesweite Vorreiterrolle ein. Gleichzeitig machen wir die Angebote sichtbarer und zugänglicher, stärken mit zusätzlichen Stunden an Schulen verlässliche Strukturen und erleichtern über ein Erasmus-Konsortium den Zugang zu europäischen Fördermitteln. Ein besonderer Fokus liegt dabei immer auf Schulen mit niedrigem Sozialindex, denn sie werden gezielt unterstützt und beraten, damit gerade dort mehr internationale Erfahrungen möglich werden. Meine Damen und Herren, wir leben in einer Zeit, in der unsere Demokratie unter Druck steht. In einer Zeit, in der einfache Antworten, Abschottung und Misstrauen wieder lauter werden. Gerade deshalb sind internationale Erfahrungen so wichtig. Sie ermöglichen Perspektivwechsel, bauen Vorurteile ab und stärken das Verständnis dafür, dass wir Teil einer gemeinsamen europäischen und globalen Gesellschaft sind. Hamburg hat da bereits ein solides Fundament geschaffen. Aber wir müssen da dranbleiben, wir müssen die Strukturen weiter stärken und Zugänge weiter öffnen und gezielt diejenigen erreichen, die bisher noch außen vor bleiben. Deswegen finde ich's gut, dass wir den Bericht in den Ausschuss überweisen und da das Thema weiter diskutieren. Denn die Welt darf kein Klassenzimmer für wenige sein, sie muss ein Lernort für alle werden. Vielen Dank.
