Annika Urbanski
Sehr geehrter Präsident, liebe Kolleginnen und Kollegen! Wir Frauen sind wütend! Ich bin wütend – und das schon lange! Weil es nicht ein unbegreiflicher Fall ist, sondern es trifft jede Frau bei ihren eigenen Narben und Wunden. Seit Hunderten von Jahren kämpfen Frauen für das, was eigentlich selbstverständlich sein sollte: Gleichberechtigung, Sicherheit und Respekt. Wir haben so viel erreicht. Man hat hier viel davon gehört, was für Gesetze geändert wurden, was wir für Gesetze geschaffen haben und vor allem, was auch immer wichtig ist, dass wir uns den Platz, der uns zusteht, erkämpft haben. Endlich, seit der letzten Legislatur, haben wir quasi 50 Prozent Frauen hier sitzen und entsprechen damit deutlich mehr dem, was unsere Gesellschaft ist. Aber während wir kämpfen, finden Täter neue widerliche Methoden mithilfe neuer Technologien, insbesondere online, um Menschen zu erniedrigen, zu unterwerfen und zu Menschen zweiter Klasse zu machen. Wir sehen gerade sehr deutlich: Digitale Gewalt ist keine Kleinigkeit. Sie ist reale Gewalt. Sie verletzt, sie zerstört. Und sie lässt Menschen oft alleine zurück. Deshalb ist für uns klar: Opferschutz steht an erster Stelle! Niemand darf mit den Folgen alleine bleiben – das ist unser Anspruch! Und wir wissen, wir müssen stetig dranbleiben, denn neue Technologien entstehen rasant. Sie entstehen viel schneller, als Gesetze geändert werden können. Was gerade in dieser Stadt und in diesem Land und in den letzten Tagen passiert ist, ist keine Überraschung. Seit Jahren erzählen Frauen ihre Geschichten. Frauen demonstrieren online schon lange. Und letzte Woche wurde noch einmal klar: Wir haben ein gesellschaftliches Problem. Viele Männer – leider auch die, von denen wir das nicht erwarten – denken still im Verborgenen vor uns weiterhin: "Meine Frau gehört mir, ich kann machen, was ich will mit ihr!" Ihre Überzeugungen sprechen und sie handeln danach. Frauen sind für sie weniger wert. Und besonders betroffen sind da noch mal Women of Colour. Gedanken kann kein Gesetz ändern. Es ist unser aller, es ist die Aufgabe, vor allem von den Männern, sich zu hinterfragen. Überall, wo Äußerungen und Handlungen, wie klein sie auch sein mögen, die verborgenen patriarchalen Gedankenwelten hervorscheinen, zu widersprechen. Wer schweigt, ist ein Komplize! Denn jeder, der sich wirklich für die Sicherheit von Frauen, für Opferschutz interessiert... <i>Was sagen Sie zu den</i> <i>Massenvergewaltigungen...?</i> Ganz genau, ne? Ganz genau! Die Gefahr für Frauen lauert nicht auf dunklen Straßen und sie lauert nicht vor Fremden. Sie lauert zu Hause! Das merken wir immer wieder. Frau Urbanski, Ihre Redezeit ist lange abgelaufen. Vielen Dank!
